Zur Lage in Israel 15. Mär 2019

Wenn gute Menschen nichts tun

Zur Erinnerung: In den Wahlen vom Mai 1928 gewann eine extreme Partei 12 von 600 Sitzen im deutschen Parlament. Fünf Jahre später übte die gleiche Partei mit 288 Sitzen bereits die Kontrolle über Deutschland aus. Und noch eine Erinnerung: In zwei oder drei Monaten werden wir in der israelischen Regierung, in der Knesset und in der Kommission für die Ernennung von Richtern eine rechtsex­treme Partei haben.

Ja, wir wissen: Es reicht. Die Zeiten haben sich geändert, und es wurden Lehren gezogen. Genug von diesen abscheulichen und störenden Ver­gleichen, die immer dann aufkommen, wenn die Geschichte darauf besteht, das Opfer daran zu erinnern, dass es seinem Verfolger ähnelt. Zu jener Zeit grüsste Deutschland die extreme Rechte mit Apathie und Verachtung. Wir haben unsere Rechte mit Apathie und Schweigen begrüsst – ein beunruhigendes Schweigen, das einer Wortmeldung gleichkommt. Und diese Wortmeldung be­sagt, dass es besser sei, dass diese Rechtsgerichteten mit uns und nicht gegen uns sind.

Niemand hat sich aufgerafft, um zu protestieren. Anwälte debattierten nicht, Dozenten streikten nicht und Studenten demonstrierten nicht. Sowohl die alte als auch die neue Elite hielten ihren Mund. Sogar Facebook blieb schlafwandelnd. Jedermann war einverstanden, dass die Konversation zwischen Arnon Mozes, dem Verleger von «Yediot Achronot», und Premierminister Binyamin Netanyahu interessanter sei, wichtiger und schicksalhafter als die Aussicht darauf, dass Itamar Ben-Gvir von der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit in der richterlichen Ernennungskommission sitzt. Alle waren derart beschäftigt mit Netanyahu, dass man nicht sah, wie er das Chaos ausnutzte und die Extremisten durch die Hintertür hineinbrachte.

Es geschieht immer wieder durch die Hintertür, immer mit perfekt demokratischen Wahlen, stets auf den Zehenspitzen, begleitet von irgendeiner sinnlosen Erwartung, dass sie sich anpassen und benehmen würden. Die Vermutung, dass sie kaum die parlamentarische Mindestklausel erreichen, beruhigt. Der schmerzvolle Zusammenprall zwischen Juden und der extremen Rechten ist vergessen. Vielleicht machen sich US-Juden Sorgen, aber wir in Israel nicht.

Wir ignorieren es einfach. Niemand stand auf und sagte: Wartet mal, wenn die hier sind, dann bin ich es nicht. Niemand hat verlangt, den demokratischen Wahlprozess zu stoppen. Wir wissen, wer in keiner Koalition mit Netanyahu mitmachen und wer nicht mit den Arabern sitzen wird. Wer aber wird nicht mit den Rassisten sitzen? Niemand­ hat gesagt, dass Ben-Gvir oder die richterliche Ernennungskommission gefährlicher seien als die Feuerballone der Hamas. Niemand hat gesagt, dass sie, sollte Bezalel Smotrich von der Nationalen Union Bildungsminister werden, ihre Kinder nicht zur Schule schicken und andere ermutigen würden, es ihnen nachzutun.

Wir schlucken, verdauen und bleiben ruhig. Das Schweigen legt Zeugnis für die Tatsache ab, dass kleine, feige Rassisten sich unter Deckmänteln verstecken, unter Anzügen und hinter freundlichen Worten. Der Prozess, der den Rassismus mit Hilfe der Erziehung, mit Verboten und Gesetzen von akzeptabel zu beleidigend wandelt, wurde noch vor seinem Ende gestoppt. Rassismus wurde zum Schweigen gebracht, doch er verschwand nicht.

Die Evolution war langsam. Erst nach 70 Jahren fingen Hinweise über Schwarze in hebräischen Kindertexten wie «Little Alikama» an, Kinder und deren Eltern sich unangenehm fühlen zu lassen. Vor nur 60 Jahren konnten Schwarze in den USA die Toiletten von Weissen immer noch nicht be­­nutzen; und vor nur 90 Jahren wurden Gesetze verabschiedet, in deren Namen unsere Gross­eltern und Urgrosseltern getötet wurden.

Historische Prozesse wiederholen sich bis zur Langeweile. Einmal mehr beutet eine gewalttätige Minderheit eine demokratische Wahl aus, um die Kontrolle über die Mehrheit zu übernehmen. Einmal mehr dringen sie in die Reihen ein, indem sie sich hinter der Nationalflagge verbergen. Und wieder einmal begreifen die Leute viel zu spät, dass eine ultranationalistische Rechte xenophob und rassistisch ist.

Was? Sind wir eine rassistische und gewalt­tätige Gesellschaft? Aber bitte! Welche Verallgemeinerung! Verallgemeinerungen schrecken uns aber nicht ab, wenn wir über andere Menschen reden. Das deutsche Volk haben wir bereits als eine Nation von Mördern katalogisiert – alle von ihnen, ausnahmslos, sogar jene, die dagegen waren, die sich enthielten, oder die schwiegen. Was ist also mit uns? Wir alle sind schuld an dem geschmeidigen, ruhigen, angenehmen Eintritt von Rassisten in Knesset und Regierung.

Die kollektive Verantwortung lastet also auf den wenigen guten Menschen. Vor zwei Wochen beispielsweise demonstrierten rund 300 religiöse Zionisten gegen den Rassismus: Heisst das, dass der religiöse Zionismus gegen den Rassismus opponiert? Seine Wähler, Anführer, seine Intellektuellen und seine halachischen Gebieter unterstützen ihn. 300 Menschen haben demonstriert? Und wo war der Rest? Wir sind alle Partner: Wir alle sind sicher, dass uns das nie geschehen wird.

In seinem Werk «Defying Hitler: A Memoir» schrieb Sebastian Haffner, dass nach der Machtübernahme durch die Nazis viele seiner Zeitgenossen dachten, die Regierung sei kein Grund, um Alarm zu blasen. «Wie konnten die Dinge sich so gründlich anders entwickeln?», schreibt er. «Vielleicht war es nur, weil wir alle so sicher waren, dass sie es nicht tun konnten –, und uns mit allzu viel Vertrauen darauf verliessen. So zogen wir nicht in Betracht, dass es im schlimmsten Fall nötig sein würde, zu verhindern, dass die Kata­strophe sich zutragen würde.»

Yossi Klein Halevi ist ein israelischer Autor und 
Journalist. Er war Gründer und Mitglied des 
ehemaligen Israelisch-Palästinensischen Medien­forums, in dem palästinensische und jüdische 
Journalisten zusammenarbeiten und forschen.

Yossi Klein Halevi