Talmud heute 14. Aug 2026

Von Arosa nach Luzern

Diesen Sommer hatte ich das Bedürfnis, wieder einmal in meiner geliebten Schweiz Ferien zu machen, und dies trotz fehlender Klimaanlagen. Es verschlug mich und meine Familie an die nach Basel schönste Gegend, ins Engadin. Da ich am Schabbat ungern auf einen Synagogengang verzichte und dieses Jahr leider auch Kaddisch für meinen Vater sagen muss, war es mir wichtig, einen Ort zu finden, wo es eine intakte Gebetsgemeinschaft mit einem Minjan gibt. So entschied ich mich, meinen ersten Schabbat in Arosa im Hotel Metropol zu verbringen.

Dieses Hotel wird seit über 90 Jahren von der Familie Levin geführt und ist das einzige koschere Hotel der Schweiz, das seit Gründung durchgehend existiert und jüdische Gäste aus aller Welt beherbergt. Die Atmosphäre war sowohl heimelig als auch heimisch und das Essen war vorzüglich. Der Hauptgrund jedoch, weshalb ich diese Herberge anderen Möglichkeiten vorzog, war nostalgischer Natur: Hier war mein Vater als kleiner Knirps bereits mit seinem Vater in den Ferien. Wie ich vom älteren der Gebrüder Levin, Eli, erfuhr, hatte mein Vater in jungen Jahren hier sogar als Tellerwäscher gearbeitet. In Arosa begann also gewissermassen seine berufliche Karriere. Mein Begehren, nach dem Schabbat das Geschirr der Gäste zu spülen, wurde leider abgelehnt.

Was mich jedoch an diesem Wochenende am meisten berührte, war die spürbare Freude und Ehrfurcht der Levins, die Familientradition weiterzuführen. Marcel Levin, Sohn des Gründers Benish Levin, führt das Hotel Metropol seit Jahrzehnten mit Geschick und Wärme. Ihm zur Seite stehen nicht nur seine Frau Lea, sondern auch seine Kinder und Enkel. Man spürt die ehrwürdige Liebe und Motivation der Familie Levin, diese Aroser Perle, die von ihrem Vater beziehungsweise (Ur)Grossvater vor fast einem Jahrhundert ins Leben gerufen wurde, weiterzupflegen.

Nach dem schönen Schabbat in Arosa und einer herrlichen Woche im Engadin galt es nun, unseren zweiten Schweizer Schabbat zu planen. Mein Sohn schlug vor, in diesem Jahr etwas Spezielles zu machen, also den Ruhetag nicht in der Basler Heimatgemeinde oder gar in Zürich, sondern woanders zu verbringen. So landeten wir schliesslich in Luzern. In der prächtigen Synagoge an der Bruchstrasse, die 1912 erbaut wurde, genossen wir einen unvergesslichen Schabbat mit warmer Gastfreundschaft. Auch in der Innerschweiz spürten wir diese Verantwortung einer Familie, das Vermächtnis des Vaters weiterzuführen: Der legendäre Luzerner Jude Hugo Benjamin, der sich während mehr als 60 Jahren im Vorstand der Jüdischen Gemeinde Luzern engagierte – davon 30 Jahre als Präsident – verstarb im Dezember 2022. Es war Benjamin stets ein Anliegen, den Minjan in der Luzerner Synagoge aufrechtzuerhalten. Dieses Unterfangen wurde nach der Schliessung der Jeschiwa im anliegenden Kriens 2015 noch komplizierter. Aber die Familie Benjamin gab nicht auf. Die Tochter Michelle und ihr Gatte Meir Shitrit, der inzwischen das Amt des Präsidenten bekleidet, gründeten kurzerhand eine kleine Jeschiwa für Jugendliche in Luzern, unter der Ägide des sympathischen Rabbiners Yossi Yudkovski, um die Gemeinde zu stärken. So bringt die kleine jüdische Gemeinde in Luzern tatsächlich etwas zustande, was nicht viele Synagogen in der Schweiz von sich behaupten können, einen täglichen Minjan morgens und abends. Was bei der Familie Levin in Arosa der Fall ist, gilt auch bei der Luzerner Familie Shitrit-Benjamin: Die heilige Aufgabe, den Willen und das Lebenswerk des Vaters gemäss seinem Wunsch am Leben zu erhalten.

Der Talmud erklärt, dass Kinder für die Missetaten ihrer Eltern nur dann zur Rechenschaft gezogen werden können, wenn sie «an den Handlungen ihrer Väter festhalten» (Sanhedrin 27b). Was hier in einer negativen Konnotation erwähnt wird, gilt freilich umso mehr bei der positiven Kehrseite: Wenn die Väter Gutes tun, ist es löblich, wenn ihre Nachkommen deren Handlungen fortführen. Dieses Weitergeben der Werte wird von der Thora explizit als Mitgrund erwähnt, weshalb Gott Abraham erwählt hatte: «Denn ich habe ihn ausersehen, dass er es seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm auftrage, den Weg des Ewigen zu wahren und Wohltätigkeit und Recht zu tun» (1. B.M. 18:19). Dass Abraham in Sachen Erziehung erfolgreich war, zeigen unter anderem die Bemühungen seines Sohnes Jizchak, die Brunnen seines Vaters freizuschaufeln: «Und Jizchak grub wieder die Wasserbrunnen frei, welche in den Lebtagen seines Vaters Abraham gegraben wurden und welche die Philister verstopften nach dem Tode Abrahams, und er nannte sie mit Namen, mit welchen sein Vater sie benannt hatte» (26:18).

Bestimmt hatte Jizchak auch praktische Gründe, um die verstopften Brunnen seines Vaters zu reaktivieren, etwa die Versorgung seiner Familie mit lebensnotwendigem Wasser. Ich verstehe diesen Vers jedoch auch auf symbolischer Ebene. Jizchaks Vater Abraham war verstorben. Der Sohn hätte nun ausschliesslich neue Brunnen graben und jene seines Vaters vergessen können. Schliesslich waren letztere inzwischen verstopft, entweder durch die aktive Mitwirkung anderer (Philister) oder schlicht durch das Rad der Zeit. Jizchak entschied jedoch anders. Es war ihm ein Anliegen, das Lebenswerk seines Vaters, versinnbildlicht durch die Wasserbrunnen, zu reanimieren und am Leben zu erhalten. Und nicht nur das: Er nannte sie sogar bei denselben Namen, die sein Vater ihnen einst gegeben hatte! Nach dem Hinschied Abrahams war es Jizchaks allerhöchste Priorität, nicht an sich selber, sondern an die Errungenschaften seines Vaters zu denken und an deren Bewahrung für die kommenden Generationen aktiv mitzuwirken.

So handeln die Levins in Arosa und die Shitrit-Benjamins in Luzern ganz im Geiste unseres Vorvaters Jizchak. Und so kam ich in meinem Trauerjahr in den Genuss vorgelebter Vaterehre.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn