standpunkt 04. Sep 2026

Sollten Juden «Zionismus» vermeiden?

Ein Kommunikationsberater der Jewish Federations of North America (JFNA) wurde letzte Woche entlassen, bloss weil er etwas sagte, dass eine Reihe jüdischer Führungskräfte und Denker schon seit Jahren sagen: Vielleicht sollten Juden und Unterstützer Israels taktischer vorgehen, wenn es darum geht, das Wort «Zionismus» zu verwenden oder es gegebenenfalls nicht zu verwenden.

Matthew Berger, der von dem Dachverband als Leiter eines neuen strategischen Kommunikationsprojekts eingestellt worden war, sprach am vergangenen Dienstag in Minneapolis vor Mitgliedern des Kabinetts junger Führungspositionen der JFNA über eine wirkungsvolle Kommunikation zum Thema Israel. Zu seinen Empfehlungen gehörten laut einer Folie, die er während der Präsentation zeigte, «Vielfalt hervorheben», «den gemeinsamen Feind in den Fokus rücken» und «‹Zionismus› vermeiden».

Ein Teilnehmer teilte die Folie mit dem konservativen «Jewish News Syndicate», welches einen Artikel darüber veröffentlichte. Innerhalb weniger Stunden wurde dieser von verschiedenen proisraelischen Nutzern in den sozialen Medien geteilt. Daraufhin kündigte die JFNA ihren Vertrag mit Berger, der als Leiter des Project Halo engagiert worden war, einer Initiative der JFNA, die Führungskräften der Verbände helfen soll, in ihrer Kommunikation «Antisemitismus und Antizionismus entgegenzuwirken».

«Mein Ziel als Kommunikator ist es, durch Botschaften ein Ziel voranzubringen. Wenn das Ziel darin besteht, das Bewusstsein für Antisemitismus zu schärfen und Bündnisse zu schmieden, dann müssen wir verstehen, dass der Begriff ‹Zionismus› falsch interpretiert wird», sagte Berger, welcher ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung zur Bekämpfung von Antisemitismus in den USA war. «Und wir können entweder unsere Energie darauf verwenden, ihn zu definieren und das Missverständnis zu beseitigen, oder eine Sprache verwenden, die die Menschen verstehen, um Türen für den Dialog zu öffnen.»

Die Kontroverse könnte den Eindruck erwecken, Berger habe in gewisser Weise ein Tabu der jüdischen Gemeinschaft gebrochen, doch tatsächlich weisen zahlreiche jüdische Organisationen und Kommentatoren, die sich ausdrücklich zum Zionismus bekennen, darauf hin, dass der Begriff selbst Verwirrung stiftet. Wie Berger stellen sie nicht die Grundsätze des Zionismus in Frage – das Recht des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung in seiner historischen Heimat –, sondern dessen rhetorisches Gewicht.

Die Verzerrung der Begriffe durch Israels Feinde ist nicht die einzige Herausforderung, mit der auch Organisationen konfrontiert sind. Die eigenen Umfragen der JFNA deuten darauf hin, dass eine jüdische Mehrheit, die Israel dennoch von ganzem Herzen unterstützt, es vermeidet, den Begriff zur Beschreibung ihrer eigenen Überzeugungen zu verwenden. Eine JFNA-Umfrage vom Februar ergab, dass sich nur 37 % der amerikanischen Juden als Zionisten bezeichnen. Dennoch gaben 88 % an, dass Israel das Recht habe, als jüdischer, demokratischer Staat zu existieren. Nur ein relativ geringer Prozentsatz der Befragten bezeichnete sich als antizionistisch. Abgesehen von der Verwirrung über die Bedeutung des Begriffs Zionismus vertreten einige Wissenschaftler und Aktivisten die Ansicht, dass das Wort selbst seine Nützlichkeit verloren habe.

Es geht nicht nur darum, dass Israels Feinde den Begriff Zionist als Schimpfwort verwenden; vielmehr verwechselt das Wort, wie die Judaistik-Wissenschaftlerinnen Alanna E. Cooper und Sharona Hoffman in einem gemeinsame Essay 2024 in der «Jewish Telegrahic Agency» argumentierten, eine historische und politische Bewegung mit der unbestreitbaren Tatsache, dass Israel ein etablierter Staat ist. Verfechter des Begriffs sehen unterdessen Vorschläge, Begriffe wie Zionismus aus dem Sprachgebrauch zu nehmen oder sogar weniger zu betonen, als eine Kapitulation vor den Feinden der Juden und Israels.

Ähnlich wie der Zionismus selbst lassen sich die Einstellungen zu diesem Begriff nicht einfach in politische Schubladen stecken. Der israelische Bestsellerautor Yuval Noah Harari, ein scharfer Kritiker der aktuellen israelischen Regierung, ist dennoch ein unerschütterlicher Verfechter der Begriffe «Zionismus» und «Zionist». «Es ist wichtig, dieses Wort, das diffamiert wurde, zu betonen und zurückzugewinnen», sagte er gegenüber «The Atlantic» zum ersten Jahrestag der Anschläge vom 7. Oktober. Seine Definition des Zionismus beinhaltet die Tatsachen, dass, die Juden ein Volk sind, Juden ein Recht auf Selbstbestimmung haben, und Juden eine tiefe historische, kulturelle und spirituelle Verbindung zum Land Israel besitzen. Keine dieser Aussagen, so argumentiert er, erfordere die Leugnung der palästinensischen Volkszugehörigkeit oder der palästinensischen Selbstbestimmung.

Laut den Verfechtern, kann der Begriff gleichzeitig mehrere Ideologien und Aspekte jüdischer Identität enthalten – von liberalen Befürwortern einer Zwei-Staaten-Lösung bis hin zu nationalistischen Vertretern der Siedlerbewegung. das der Fall ist, so das Fazit vieler, hat ein Begriff mit so vielen konkurrierenden Bedeutungen seine Nützlichkeit verloren. Das schien das Kommunikationsproblem zu sein, das Berger zu lösen versuchte angesichts einiger jüdischer Führungspersönlichkeiten, die jeden Versuch, den Zionismus herunterzuspielen, als Verzicht auf die jüdische Identität oder als Kapitulation vor der Linken betrachten.

«Meine Sichtweise ist es nicht, davor zurückzuschrecken, Israel als jüdische Demokratie oder das jüdische Recht auf Selbstbestimmung zu unterstützen», sagte Berger gegenüber JTA. «Stattdessen empfehle ich den Menschen, den Zionismus im Kontext zu definieren und von ihrer ‹Unterstützung Israels als jüdischer demokratischer Staat› und dem ‹Recht auf Selbstbestimmung› zu sprechen, diese Begriffe zu verwenden, anstatt sich auf eine Kurzform zu verlassen, die für einen selbst vielleicht eine bestimmte Bedeutung hat, aber anders verstanden werden könnte als beabsichtigt.»

Andrew Silow-Carroll ist Journalist und Autor, der sich auf Themen rund um Judentum, Politik und Kultur spezialisiert hat. Er lebt in den USA.

Andrew Silow-Carroll