«Die grosse Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering. Die grosse Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.» Martin Buber
All die Sekunden, in denen der Mensch sich daran erinnert, was es heisst, ein Mensch zu sein, und es schnell vergisst. Oder es nie wusste. Erfüllt von Hass, einem heiligen Anliegen, der Verteidigung seiner Weltsicht. Unter Druck von dem Stress der Anforderungen. Bitter von Enttäuschungen. Nicht gesehen von der Welt. So rasen sie mit Autos in Menschenmassen, schiessen auf Fremde, erschlagen ihre Frauen, missbrauchen ihre Kinder, werfen Bomben, werfen Menschen aus ihren Wohnungen, werfen Giftmüll in Flüsse, genehmigen Pestizide wegen des Gewinns. Der Gewinn ist Basis vieler Verbrechen, neben dem Mangel an Mitgefühl. Menschenfeindliche Indoktrination im Netz oder 1.0 Frauenhass aus Überlegenheits- oder Minderwertigkeitsgefühlen. Falsch verstandener Religionswahn entlädt sich in purem Menschenhass oder Verachtung für andere Lebensformen als die eigene. So wird das Leben der Opfer genommen oder vernichtet oder zerstört, und auch das der Übriggebliebenen, der Geliebten und Familien. Wir Menschen, in diesem grossartig kultivierten Westen, nehmen an Katastrophen Anteil. Begrenzt.
Wir nehmen Anteil an den Menschen, die uns ähnlich scheinen: Sind sie queer gewesen, jüdisch, sehen sie aus wie ich, sind Kinder oder Schweizer unter den Opfern? Weniger Anteil nimmt man, wenn wir die Opfer von Menschenhass als Fremde wahrnehmen: Andere Hautfarbe, andere Religion, anderer Kontinent. Dort waren wir noch nie, keine Bilder, keine Gesichter. Manche Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden in unserem grossartigen Westen nicht erwähnt. Zu weit weg, siehe oben, oder selbst schuld, wer versucht, in Gummibooten übers Meer zu fliehen und in unseren grossartigen Westen einzureisen. Selbst schuld die Kids beim Nova Festival, was sind sie auch in einem falschen Land geboren. Selbst schuld die Homosexuellen in Berlin, könnten ja Heterosexuell sein. Und vergessen tun so viele, dass das Verbrechen gegen einen Menschen uns allen gilt. Jenen, die hoffentlich zu Recht glauben, zu den Guten zu gehören. Die nie einen anderen angreifen, nie betrügen, nie töten würden. Es ist eine Aufgabe für jeden, der mitfühlt, und zwar mit allen Opfern, nicht an der Brutalität und Dummheit anderer zu verzweifeln. Ruhig zu bleiben, zu wissen, dass Gutes und Böses im Menschen wohnen, sich zu erinnern, dass meist das Gute überwiegt, sonst wäre die Welt leer, befreit von uns. Menschen, die als einzige Spezies ohne erkennbaren Grund töten und verletzen. Und nun? Wie kann man leben mit dem Wissen, dass jeder zu einem Täter werden kann, warum auch immer? Wir schütteln Hände, weil wir sichergehen wollen, dass sich keine Waffe darin versteckt. Wir verdrängen und hoffen, dass wir standhaft bleiben. Umkehren, innehalten und sich denken: Ich will ein Mensch bleiben, unter allen Umständen.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
04. Sep 2026
Mensch bleiben
Sibylle Berg