Talmud heute 21. Mai 2026

Rabbiner Cohns altneue Predigt

Zum Einklang des anstehenden Schawuotfestes wollen wir eine Predigt, die Rabbiner Arthur Cohn (1862–1926), der erste vollamtliche Rabbiner Basels, zu Ehren dieses Feiertags im Jahre 1922 in der Synagoge der Israelitischen Gemeinde Basel hielt, besprechen (Arthur Cohn: «Aus Israels Lehre und Leben», S. 141 ff). Rabbiner Cohn, dessen Wirken im Rahmen seiner hundertsten Jahrzeit kürzlich in der jüdischen Gemeinde Basels gewürdigt wurde, erwähnt als Titel seiner Ausführungen folgenden Bibelvers: «Merk auf und höre, Israel: Heute bist du zum Volke geworden dem Ewigen, deinem Gott» (5. B. M. 27:9). Zuerst erwähnt Rabbiner Cohn eine altbekannte jüdische Debatte: «Es ist eine alte Frage: Sind wir ein Volk oder sind wir nur eine Religionsgemeinschaft?» Cohn befasst sich in der Folge mit dem Wesen des jüdischen Volkes: «Dass wir ein Volk sind, kann nicht geleugnet werden. Wir sind es durch die gleiche Abstammung, (...) wir haben uns niemals mit den anderen Völkern vermischt.» An dieser Stelle präzisiert Cohn deutlich: «Eines zunächst muss festgehalten werden. Es hat diese Frage, ob wir ein Volk oder eine Religion sind, nichts mit dem Patriotismus zu tun. Denn der Patriotismus ist unserm Volke schon vor der Zerstörung Jerusalems von unserem grossen Propheten eingeschärft worden mit den Worten: ‹Fördert das Wohl der Stadt, in die ich euch verbannen werde und bittet für sie zu Gott, denn in ihrem Wohle ist auch euer Wohl begründet› (Jeremias 29:7).» An dieser Stelle kommt Cohn, der seine Worte vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs sprach, auf die traurige Statistik gefallener jüdischer Soldaten zu sprechen: «Genügend Patriotismus hat das jüdische Volk auch im Weltkriege gezeigt, und auf allen Schlachtfeldern haben unsere Brüder geblutet. Nicht für ihr Vaterland, sondern auch für jenes Land, das ihnen seit ihrer Geburt nur ein Stiefvaterland gewesen ist, in welchem sie keine Rechte, sondern nur Pflichten hatten, sind sie mutig und voll treuer Hingebung in den Kampf gezogen.» Wie bereits im letzten Satz angedeutet, hat gerade das Leben unter den Völkern immer wieder für Antisemitismus gesorgt, dem die Juden ausgesetzt waren. Dies wiederum unterstreiche die Verbundenheit aller Juden im Schatten dieser Pein: «Und wir sollten nicht ein Volk sein? Ein Volk sind wir auch, zusammengeschmiedet durch den gleichen Hass, gestärkt durch die gemeinsame Liebe. Der gleiche Hass hält uns zusammen. Alle internationalen Vereinigungen haben versagt im Kriege, nur eine ‹Internationale› hat sich erhalten: Die Internationale des Judenhasses, den wir bei allen Völkern finden, diesseits und jenseits des Ozeans.» Fünf Jahre nach der kommunistischen Revolution kann sich Cohn eines zynischen Kommentars zu deren Hymne «Die Internationale» nicht verkneifen. Dann geht der Basler Rabbiner zum jüdischen Zusammengehörigkeitsgefühl über: «Dafür verbündet uns gemeinsame Liebe, und es krampft sich unser Herz zusammen, wenn wir hören, dass Juden, wo immer es sei, gepeinigt und verfolgt werden, denn es sind unsere Brüder, die für die gleichen Ideale leiden, die auch uns teuer sind, die gepeinigt und geschlagen werden, weil sie Juden sind. (...) Nein, daran, dass wir ein Volk sind, dürfen wir nicht zweifeln.» Gerade in der heutigen Ära eines auf erschreckende Weise aufflammenden globalen Antisemitismus haben die vor 124 Jahren gesprochenen Worte Rabbiner Cohns leider nichts an Aktualität eingebüsst.

Nachdem das Volkswesen der Juden klar dargestellt wurde, unterstreicht Cohn, dass man es dabei nicht belassen könne: «Nein, daran, dass wir ein Volk sind, dürfen wir nicht zweifeln. Aber wir sind nicht ein Volk wie andere Völker. Wir sind in ganz anderer Hinsicht ein Volk. Wir sind ein Gottesvolk, wir sind eine Religionsnation. Nichts beweist uns dies besser als unser Fest. Am Pessach sind wir ausgezogen aus Ägypten, da wurden wir ein Volk wie andere Völker. Wir zählten sieben Wochen, neunundvierzig Tage, und am fünzigsten Tage trat das grosse Ereignis ein, durch das wir ausgezeichnet sind vor allen andern Völkern der Welt. Gott hat sich uns offenbart. Gott hat uns seine Lehre gegeben. Diese Offenbarung ist unsere Auszeichnung. (...) Es gibt uns eine Sonderstellung unter den Völkern. Es weist uns unter den Nationen unsere Aufgabe zu.»

Rabbiner Cohn warnt jedoch eindringlich vor jüdischer Überheblichkeit: «In der Wüste bist du, Israel, an diesem Tag zum Volke geworden. Dort, in der Wüste hat Gott uns die Thora gegeben. Herrenloses Gut ist die Wüste, und Jedermann konnte und kann Anteil an der Thora nehmen. Sie soll ja dereinst Gemeingut der ganzen Menschheit werden. Wir dürfen wohl stolz sein auf unsere Thora, aber nicht eingebildet auf ihren Besitz, denn wir sind nur die Träger der Thora, um sie der ganzen Menschheit zu bringen. So lässt Gott durch Moses dem Pharao verkünden: ‹Mein erstgeborener Sohn ist Israel› (2. B. M. 4:22). Auch die anderen Menschen und die anderen Völker sind Gotteskinder wie wir. Wir sind nur die Ersten, die ihn begriffen haben, und die ihre Aufgabe darin sehen, alle Menschen zu Gott zu führen.»

Rabbiner Arthur Cohn schliesst seine Ausführungen, die mit vielen weiteren klassischen jüdischen Quellen gespickt sind und hier nur teilweise wiedergegeben werden können, mit einem einfachen, aber zum Denken anregenden Gleichnis: «Das Volk ist der Körper, die Thora ist die Seele. Das Volk ist das Gefäss, die Thora ist der Inhalt. Kann eine Seele existieren ohne Körper in unserer körperlichen Welt? Gewiss nicht. Darum sind wir ein Volk. Aber hat ein Körper Wert ohne seine Seele? Sicherlich nicht.»

Mögen wir an diesem Schawuot, dem Fest des Erhalts der Thora, es schaffen, sowohl auf nationaler als auch auf individueller Ebene unsere «Körper» mit jüdischem Geist und jüdischer Ethik zu füllen und unserer Berufung ein kleines bisschen mehr gerecht zu werden.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn