Sidra Schawuot 21. Mai 2026

Abschalten und auftanken

Schawuot, das Wochenfest, welches diese Woche gefeiert wird, ist eines der drei Wallfahrtsfeste. Diese werden in der Thora «regalim» genannt

(2. B. M. 23:14). Die Anspielung auf das hebräische Wort «raglajim», Beine, liegt auf der Hand, ging doch die religiöse Erfüllung dieser drei Feiertage durch die Beine: Dreimal im Jahr sollten nämlich die Israeliten aus dem ganzen Land zum Tempel in Jerusalem hinaufsteigen, und dies nicht mit leeren Händen (5. B. M. 16:16–17).

Bei gewissen Landwirtschaftsgesetzen war der Bauer aufgefordert, Teile seines Ernteertrags nach Jerusalem zu bringen und dort zu verzehren. So zum Beispiel den «maasser scheni» (den «zweiten Zehnten»): «Du sollst alle Jahre den Zehnten absondern, alles Ertrages deiner Saat, der aus deinem Acker kommt, und sollst davon essen vor dem Ewigen, deinem Gott, an dem Ort, den er erwählt, (...) auf dass du lernst, zu fürchten den Ewigen, deinen Gott, dein Leben lang» (14:22–23). Wie beim zweiten Zehnten sollen auch die Früchte des «neta rewai» («vierten Jahres») nach Jerusalem gebracht und dort verzehrt werden (3. B. M. 19:24). Ein weiteres Gebot, das die Verbindung der Landwirtschaft mit Jerusalem thematisiert, ist «bikurim», das Gebot der Erstlingsfrüchte. Die Erstlinge der sieben Fruchtarten, durch welche sich das Land Israel besonders auszeichnet, darunter Weizen, Gerste, Weintrauben, Feigen, Granatäpfel, Oliven und Datteln, wurden vom Bauern den Priestern im Tempel übergeben (5. B. M. 26:1–11). Diese feierliche und eindrückliche Zeremonie konnte von den Tagen des Schawuotfestes, der ersten Erntezeit an, durchgeführt werden, weshalb insbesondere dieser Feiertag mit dem «bikurim»-Gebot identifiziert wird.

Was hat es mit dieser Kategorie der Landwirtschaftsgesetze auf sich? Was steht hinter dem Gebot, den eigenen Ernteertrag nach Jerusalem zu bringen und dort zu verzehren oder von den Priestern verzehren zu lassen? Die Tosafisten, jüdische Gelehrte aus dem 12. und 13. Jahrhundert aus Deutschland und Frankreich, geben folgende Erklärung: «‹Denn von Zion aus wird das Gesetz ausgehen› (Jesaia 2:3) – (...) Gross ist das Gebot des zweiten Zehnten, weil es einen zum Thorastudium animiert. Denn er stand in Jerusalem, bis er seinen zweiten Zehnten verzehrt hatte, und als er dabei sah, wie sich alle mit dem Königtum des Himmels und mit dem Tempeldienst befassten, erfüllte er sein Herz mit Gottesfurcht und dem Willen zum Thorastudium» (zu Talmud, Bava Batra 21a). Die Wallfahrt nach Jerusalem sollte also einen psychologisch-erzieherischen Effekt bewirken. Der Bauer brachte den «zweiten Zehnten» seiner Ernte nach Jerusalem und musste mindestens so lange dort verweilen, bis er seinen Ertrag gegessen hatte. Durch die Anwesenheit in der heiligen Stadt würde nun der Bauer durch die spirituelle Ambiance um den Tempeldienst herum nachhaltig inspiriert werden. Dieses religiöse Erlebnis solle dann der Bauer mit sich nach Hause tragen und in tiefere Gottesfurcht und intensiveres Thorastudium umsetzen.

Ein Bauernhof umfasst nicht nur Getreide, Früchte und Gemüse, sondern auch Tiere. Das letzte Gebot des Buches Wajikra handelt von «maasar behema», dem Zehnten Vieh. Ähnlich dem «zweiten Zehnten» soll auch jedes zehnte Vieh nach Jerusalem gebracht und dort von dessen Eigentümer gegessen werden (3. B. M. 27:32). Das Buch Sefer Hachinuch geht bei der Erklärung dieses Gebots einen Schritt weiter: «Ein Mensch neigt dazu, seinen Wohnort dort zu wählen, wo sich sein Besitz befindet. Da jeder das zehnte Rind und Kleinvieh Jahr für Jahr an den Ort brachte, wo man sich mit der Thora und der Weisheit beschäftigte, nämlich nach Jerusalem, wo sich das «Sanhedrin» («oberstes Gericht») befand, welches das Gesetz kennt und die Wissenschaft versteht, (...) pflegte entweder der Eigentümer selbst dorthin zu gehen oder er sandte einen seiner Söhne, um dort Thora zu lernen, während er sich vom Ertrag ernährte. Daher gab es in jedem Haus in ganz Israel einen weisen Mann, der die Thora kannte; er belehrte in seiner Weisheit seine ganze Familie, sodass ‹die Erde von Erkenntnis des Ewigen erfüllt wird›» (Jesaia 11:9).

Diese jerusalemgebundenen Gesetze waren also nicht nur für den Bauer ein religiöses Erlebnis, sondern sie hatten auch eine Verbreitung und eine Demokratisierung des jüdischen Wissens zur Folge. Durch diese intensive Zeit in Jerusalem, dem geistigen Kern Israels, in welcher man sich nicht um das Feld oder das Vieh kümmern musste, sondern deren Ertrag genüsslich verzehren und sich auf rein intellektuelle Aspekte konzentrieren konnte, «gab es in jedem Haus in ganz Israel einen weisen Mann, der die Thora kannte» und diese Weisheit dann auch mit seiner Familie teilen konnte. Dieses Phänomen hat sich in unserer Generation auf spektakuläre Weise erneuert. Es ist beinahe schon zum Usus geworden, dass junge jüdische Erwachsene aus der ganzen Welt – auch aus nicht orthodoxen Familien – nach dem Schulabschluss für ein Jahr oder länger nach Israel gehen, um dort in einem der vielen verschiedenen Studienzentren oder einjährigen Programme ihr jüdisches Wissen zu vertiefen. Diese intensive Zeit intellektuellen jüdischen Austauschs ohne jegliche berufliche oder finanzielle Verpflichtungen ist für viele jüdische Frauen und Männer auch nach vielen Jahren eine Quelle der Inspiration für eine ernstere Auseinandersetzung mit ihrer jüdischen Identität geworden.

Genauso wie die jüdischen Bauern der Peripherie zu Zeiten des Tempels eine regelmässige Periode des «Abschaltens und Auftankens» in Jerusalem benötigten, so steht es auch mit jungen jüdischen Erwachsenen unserer Zeit. Und wie die glücklichen Bauern damals, so belassen es auch die «modernen Wallfahrer» heute nicht bei ihrem temporären geistigen Erlebnis in Israel, sondern bringen ihr dort Gelerntes und ihre spirituelle Erfahrung zurück in ihre Familien und Gemeinden in der Diaspora. So kurbeln sie in ihren Heimatorten fruchtbare Diskussionen zur Frage an, was es bedeutet, jüdisch zu sein. Ein Diskussionspunkt, für welchen es wohl keinen besseren Zeitpunkt gibt als Schawuot, der Feier des Erhalts unserer Thora.

Emanuel Cohn