standpunkt 10. Jul 2026

Mit wem solidarisieren wir uns?

Angesichts der furchtbaren Regierung in Israel gibt es Stimmen, die einen neuen Weg für Schweizer Jüdinnen und Juden vorgeschlagen haben: Wir sollten unsere jüdische Identität nicht primär am Staat Israel orientieren, sondern am bewährten Schweizer Judentum, und wir sollten uns Verbündete suchen, die an humanistische, liberale und demokratische Werte glauben, unabhängig von deren Religion und nationaler Zugehörigkeit.

Dies ist für viele womöglich ein begehbarer Weg. Doch für mich und für viele andere Schweizer Jüdinnen und Juden ist dies nicht zwingend der einzige oder der beste Weg. Als «religiöse Jüdin» orientiert sich meine jüdische Identität nicht in erster Linie an Israel, sondern am «Judentum». Dennoch plädiere ich dafür, sich weiterhin mit Israel zu solidarisieren und sich emotional und ideell auch mit Israel zu identifizieren. Allerdings keineswegs, sich mit der jetzigen Regierung gemeinzumachen, und schon gar nicht, die Taten und Aussagen des Staates Israel blind zu rechtfertigen. Wir dürfen und müssen diese kritisieren und uns komplett davon distanzieren.

Gleichzeitig sollen wir anerkennen und berücksichtigen, dass der Zeitgeist gegen uns gerichtet ist und nicht nur aus sachlichen Gründen. Nicht nur wird Israel oft zu heftig kritisiert, sondern auch der Antisemitismus steigt an und wird zunehmend salonfähig. Auch der «Zionismus» wird weiterhin als Schimpfwort verunglimpft. Dem müssen wir uns nicht beugen! Wir dürfen und müssen auch diesen Zeitgeist kritisieren. Wir dürfen uns mit Israel als Staat und mit der israelischen Bevölkerung grundsätzlich solidarisieren und zum Zionismus weiterhin stehen.

Mit wem verbinden wir uns? Für was und gegen wen setzen wir uns ein? Wenn eine junge Lokalpolitikerin der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz mit türkischen Wurzeln und Kopftuch sich in Zürich als «die grösste Israel-Feindin» profiliert, müssen wir aufpassen. Angesichts dessen, was die Türkei den Armeniern und den Kurdinnen und Kurden angetan hat und weiterhin antut und angesichts der zunehmenden Zerstörung der Demokratie in der Türkei durch Erdogan, der gleichzeitig von Europa regelrecht hofiert wird, müssen wir uns nicht als «die grössten Türkei-Feinde» positionieren. Wir müssen jedoch sehr wohl zur Kenntnis nehmen, dass dies hierzulande auch sonst niemand tut. Eine «Türkei-Kritik» würde keine mediale Präsenz erlangen. Wir sollten uns diesem Zeitgeist nicht anschliessen und nicht zu rhetorischen «Israel-Feinden» werden.

Angesichts des ansteigenden Antisemitismus in der «Make America Great Again»-Bewegung und bei den Demokraten in den USA müssen wir uns nicht als USA-Feinde positionieren. Ebenso wenig sollten wir uns gegen Deutschland positionieren, angesichts der ansteigenden Salonfähigkeit von Antisemitismus und Gewaltbereitschaft bei den «Linken» sowie bei den deutschen Rechtsradikalen. Aber wir dürfen diese Phänomene auch nicht negieren und kleinreden. Wir waren schon einmal in diesem «Film» und wollen keine Wiederholung herbeiführen. Deshalb müssen wir einerseits sehr durchdacht nach unseren Verbündeten suchen und andererseits Israel kritisieren dürfen und uns gleichzeitig auch grundsätzlich mit Israel solidarisieren und zum Zionismus stehen. Gerade im Namen dieser grundsätzlichen Solidarität – und keineswegs ohne sie – dürfen wir uns auch für einen gerechten und friedlichen Staat Israel engagieren.

Die Auslegung des Judentums ist mannigfaltig. Die heutige Lesart des Judentums der «religiösen» Regierung in Israel ist nur eine von vielen. Und zwar eine komplett neue, noch kaum dagewesene und weitgehend traditionsfreie (oder zumindest traditionsarme) Auslegung. Halten wir uns stattdessen an jene jahrtausendealte, weit verbreitete und traditionsreiche Auslegung, die wir auch in der Schweiz pflegen, und setzen wir uns dafür ein, dass diese auch von Israel wieder bewahrt und gepflegt wird.

Die jetzige Regierung und ihre Unterstützer bedienen sich der biblischen Geschichte von Amalek, dem Inbegriff des Bösen schlechthin, und des Gebotes, es restlos zu vernichten, um ihre Taten zu rechtfertigen. Dabei handelt es sich jedoch um ein einzigartiges Gebot, über dessen Sinn, Zweck, Praktikabilität und erst recht über dessen heutige Gültigkeit unter Interpretatoren keine Einigkeit herrscht.

Religiöse Juden und Jüdinnen hingegen beten täglich mehrmals explizit für den Frieden für das Volk Israel und die ganze Welt. Ebenso beten und erwähnen wir sehr oft den Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, Barmherzigkeit gegenüber Fremden, Armen und den schwachen Mitgliedern der Gesellschaft.

Bleiben wir also Israel grundsätzlich solidarisch verbunden und dem Zionismus treu. Dies erlaubt, ja verpflichtet uns moralisch dazu, sowohl die israelische Regierung zu kritisieren als auch dem antisemitischen Zeitgeist nicht anheimzufallen. Und es liegt an uns, aus unseren jüdischen Werten und aus dieser Solidarität heraus für einen Staat Israel einzutreten, der auf Frieden und Gerechtigkeit ausgerichtet ist, für einen Staat Israel, der jenen jüdischen Werten, die Jüdinnen und Juden seit Tausenden von Jahren kennen, wieder treu ist und sie aktiv pflegt.

Batya Licht ist Vorstandsmitglied des New Israel Fund, Schweiz, sowie Mitgründerin und Mitglied der Smol Emuni Schweiz, einer Organisation, die sich für Gleichberechtigung zwischen Juden und Palästinensern einsetzt.

Batya Licht