Sidra Matot/Masej 10. Jul 2026

Das Los entscheidet

Wer sich ein bisschen mit der Vorgeschichte des modernen Israel auch nur oberflächlich auseinandergesetzt hat, kennt das ikonische Foto vom 11. April 1909. Eine grössere Gruppe von Menschen steht vor einer Sanddüne und blickt auf einen Mann mit heller Hose, dunklem Rock und hellem Hut, der etwas erhöht steht und eine Rede zu halten scheint. Meist wird dieses Foto mit der Legende «Die Gründung von Tel Aviv» versehen. Doch was geschah an diesem Tag wirklich? Wozu diente das Treffen dieser Frauen und Männer auf einer leeren Düne?

Tatsächlich fand dort ein sehr konkreter rechtlicher Vorgang statt: 66 jüdische Familien der Siedlergenossenschaft Achusat Bajit, die in Jaffa lebten, waren berechtigt, an einer Verlosung von Parzellen innerhalb eines grösseren Stücks Land teilzunehmen, das die Genossenschaft gemeinsam mit dem Jüdischen Nationalfonds (allerdings unter dem Namen eines einzelnen niederländischen Bankiers und Zionisten) den arabischen Vorbesitzern abgekauft hatte. Die Verlosung verlief nach einer ganz bestimmten Regelung. Auf 66 weissen Muscheln waren die Namen der unterschiedlichen Familien verzeichnet, auf weiteren 66 grauen Muscheln die jeweiligen Parzellen. Ein Junge und ein Mädchen zogen gleichzeitig eine der Muscheln, was entsprechend die Zuordnung jeweils einer Parzelle an eine Familie regelte.

Das Verfahren entsprach einer Methode, die sich der ältesten Form israelitischer Landverteilung bedient. In der Sidra Massei (5. B. M. 35,54) weist Gott selbst den Mosche an, das Land Israel nach der Eroberung gemäss dem Los an die verschiedenen Stämme zu verteilen. Wie in der rabbinischen Literatur erläutert wird, war das System jenes, das Anfang des 20. Jahrhunderts auch auf der Sanddüne angewandt wurde, auf der bald schon die ersten Häuser des späteren Tel Aviv stehen sollten: Die Zuordnung ergab sich aus zwei Losen, die gleichzeitig aus zwei verschiedenen Behältern gezogen wurden. Die beiden Lose trugen jeweils einen Stammesnamen und ein Gebiet des eroberten Landes.

Der Vorteil des Verfahrens war nicht nur, dass damit Verdächtigungen über Bevorzugungen einzelner Stämme vorgebeugt wurde. Nach Meinung der Rabbiner erkannte und akzeptierte das Volk in den Ergebnissen der von Gott selbst angeordneten Verlosung auch dessen Einwirken auf den Prozess, indem beispielsweise bevölkerungsreichere Stämme die grösseren Gebiete zugelost bekamen.

In der Folge finden wir im Tanach immer wieder Entscheidungen, die per Los getroffen werden, und nicht selten geht es dabei um Leben und Tod. Am berühmtesten ist natürlich das Los («pur»), das der Höfling Haman darüber bestimmen lässt, wann er die Juden des ganzen persischen Reiches vernichten will (Esther 3,7). Der Festtag, der der Errettung von dieser Gefahr gewidmet ist, heisst bekanntlich Purim. Auch im Buch Jona wird ein Los geworfen, als der Sturm losbricht, der das Schiff gefährdet, in dessen Bauch Jona sich schlafen gelegt hat. Die (nicht israelischen) Seeleute gehen davon aus, dass das Los den Schuldigen für das Ausbrechen des Sturms ermittelt, der Gottes Zorn auf sich gezogen hat und sie alle gefährdet. Interessanterweise befragen die Seeleute Jona danach ausführlich. Er seinerseits weiss, dass er der Grund für den Sturm ist, und fordert sie auf, ihn zu opfern. Interessanterweise versetzt diese Idee sie dann jedoch in Angst und Schrecken, und sie scheinen sich am Ende ebenso davor zu fürchten, für das Opfern Jonas bestraft zu werden, wie sie sich anfangs fürchten, das Schiff könne wegen eines Schuldigen kentern (Jona 1,4–15).

Nicht der Zufall, sondern Gott steht hinter einem Losentscheid, liesse sich daraus schliessen. Die Halacha hat später im Talmud in gewissen Fragen tatsächlich auf das Los vertraut – etwa wenn es darum ging, auf welche Art die Teile eines Stücks Land an eine Anzahl von Erben verteilt werden sollten, vergleichbar also mit der Landzuteilung in der Sidra Massei oder dann später mit der Parzellenverlosung in Tel Aviv. Schwieriger war es mit Entscheidungen darüber, ob jemand geopfert werden durfte, damit (ähnlich wie im Fall Jona) andere überleben konnten. Hier waren sich die Rabbiner grösstenteils einig, dass halachisch gesehen eine solche Entscheidung nicht dem Los anheimfallen sollte. Anders als in Zeiten des Tanach (und anders als das Christentum bis ins Hochmittelalter) lehnten sie faktisch Gottesurteile – um nichts anderes hätte es sich ihrer Ansicht nach dabei gehandelt – in Fragen von Leben und Tod ab.

Wer aber heute Tel Aviv besucht, mag sich staunend vor Augen halten, dass sich das Lossystem unserer Sidra auch in der Moderne als tauglicher Ausgangspunkt für grosse Entwicklungen eines Gemeinwesens erwiesen hat.

Alfred Bodenheimer