standpunkt 20. Mai 2020

Lockout des Distancing

Die Pandemie unserer Tage ist eine Zeitenwende. Es wird kaum ein Zurück zum Davor geben – sozusagen zum Courant normal und zum Business as usual. Die Pandemie hat auf dem Parcours des Immerschneller, Immerhöher, Immerweiter eine hohe Hürde entstehen lassen und auch einen Wassergraben, der das Miteinander und Untereinander herausfordert. Themen auf der aktualisierten Agenda: Die brüchige Solidarität der Gesellschaft mit schutzbedürftigen Minderheiten, die wieder aufflammende Diffamierung und Ausgrenzung von Fremden, die zunehmende Denunzierung und Isolierung von Menschen in seelischer Not, die Verteilungs- und Überlebenskämpfe der Wirtschaft. Dieser nur vorläufige Katalog entspringt nicht der Phantasie notorischer Kulturpessimisten oder moralinsaurer Defätisten. Er speist sich aus einer Realität, die seit einem Vierteljahr zu betrachten ist und die Millionen Existenzen rund um den Erdball betrifft.

Auch unser Alltagsvokabular ist im selben Tempo wie das Virus sich verbreitet, um einige markante Begrifflichkeiten bereichert worden: Lockdown, Lockout, Distancing. Begriffe, die rasch und scheinbar harmlos das Instrumentarium zur Bewältigung der Corona-Krise bestimmen und deren weitreichende, und zuweilen auch imperative Bedeutung wir hinnehmen, obwohl auch sie Boten einer Zeitenwende sind, denn der epidemiologisch begründete Aufruf nach Distanzierung, Ausgrenzung, und Isolierung steht allen bisherigen Bestrebungen nach einer offenen, vorurteilsfreien und toleranten Gesellschaft diametral entgegen.

Vergessen wir nicht, dass die Handlungsanweisung hinter solchen Schlagworten schon immer auch zum Instrumentarium der Demagogen gehörte. Aufforderungen zu Distanzierung und Isolierung bildeten – vom Mittelalter bis in die Neuzeit – jeweils den Auftakt zur Entrechtung der Juden. Sie waren aber auch äusserst effizient bei der Diffamierung aller «Andersdenkenden», bei der Ausgrenzung von Homosexuellen und rasch bei der Hand, wenn es darum geht, Flüchtlinge und Migranten von den Grenzen der Wohlstandsnationen fernzuhalten. Wer mehr über diese Macht der Worte lernen möchte, lese Victor Klemperers «LTI – Lingua Tertii Imperii».

Die Covid-19-Pandemie kann alle treffen, doch sie trifft längst nicht alle im selben Mass. Das sehen wir in New York, in São Paolo, in Bergamo und, mit einem gemässigten Verlauf, auch in den Ballungszentren der Schweiz. Mittellose Menschen trifft es härter, Menschen ohne Heimat bleiben schutzlos. Korrupte und verbrecherische Potentaten setzen ihre Bürger dem Sturm wehrlos aus, andere nutzen Angst und Panik, um ihre Macht zu festigen. Die Pandemie hat viele Gesichter und Schicksale – nahe und ferne, sie werden uns erst nach geraumer Zeit das ganze Ausmass vor Augen führen. Doch bis dahin wird das Virus seinen zweiten pandemischen Nährboden zur Verbreitung von Argwohn, Vorurteil, Protektionismus und Fremdenfeindlichkeit in den Köpfen vieler Menschen gefunden haben. Erste Anzeichen schweizerischer Ausprägung mag schon jetzt die Zufriedenheit vieler mit den vorübergehend geschlossenen Landesgrenzen sein. Endlich bleibt draussen, wer nicht herein gehört. Dagegen wird leider kein Impfstoff helfen – dagegen hilft nur ein Lockout des Distancing aus unseren Köpfen.

Gabriel Heim ist Journalist, Autor und Regisseur und lebt in Basel.

Gabriel Heim