standpunkt 24. Jun 2022

Documenta – ein deutscher Aufschrei

Der Aufschrei ist gross – es ist ein Deutscher Aufschrei oder ist es ein Aufschrei, der mit solcher Wucht nur in Deutschland ertönt? Ausgelöst wurde er durch ein Wandbild – schnell zugehängt, dann abgehängt – des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi an der soeben in Kassel eröffneten Weltausstellung der Kultur, Documenta 15. Seit der Eröffnung am vergangenen Wochenende jagen sich die Proteste wegen einiger explizit antisemitischer Darstellungen auf dem grossformatigen Banner im Zentrum des Ausstellungscampus. Die Kulturstaatsministerin Claudia Roth empört sich, dass «hier die Grenze der Kunstfreiheit überschritten wurde, die Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde München zeigt sich «entsetzt über den blanken Judenhass», das Berliner American Jewish Committee sieht sich an die Bildsprache des Nazi-Hetzblatts «Der Stürmer» erinnert und die Leitartikler der Meinungsmedien fordern im Gleichklang den Rücktritt des Documenta-Präsidiums. Der stets auf ausgleichende Worte spezialisierte Bundespräsident Steinmeier wirkte, in Unkenntnis der anstössigen Darstellungen, «angemessen resigniert» und beeilte sich in seiner Eröffnungsansprache sogleich, das seit Jahrzehnten bewährte Ceterum censeo deutscher Schuldbewältigung anzustimmen: «Niemand, der in Deutschland als Debattenteilnehmer ernst genommen werden will, kann zu Israel sprechen, aber zu sechs Millionen ermordeten Juden schweigen.

Die Verknüpfung von Schoah und israelischer, ja nahöstlicher Realpolitik hat in der Rhetorik der bundesrepublikanischen Generaldebattierer dazu geführt, dass Deutschland – umgekehrt proportional zu seiner Vergangenheit – reflexartig in Büsserstarre verfällt, wenn an der Unberührbarkeit der Juden gerüttelt wird. Als ob man damit dem Ablass einer untilgbaren Schuld – zumindest in Raten – ein wenig näher kommen könnte. Der orchestrale Aufschrei beim Anblick des an der Documenta öffentlich zur Schau gestellten Panoptikums in dem auch Juden mit Attributen des «Bösen» zu sehen sind, lässt das zu Pogromen anstiftende Motiv der mittelalterlichen «Judensau» erkennen, folgert der vom Erbe der Schuld inspirierte Herausgeber der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» messerscharf. Wir wollen ihm und seinen Mitstreitern diese Analogie nicht ausreden. Sie ist im Kanon deutscher Weltsicht begründet.

Doch die Kuratoren der diesjährigen Weltausstellung zeitgenössischer Kultur, das indonesischen Künstlerinnenkollektiv Ruangrupa, wurden nach Kassel eingeladen, um ausdrücklich eine Schau zu präsentieren, deren Ausdrucksform und Intention in der von vielen Kulturen geprägten Geschichte ihres Inselkontinents begründet liegt. Dass sie zudem auch palästinensische Kunstschaffende dazu eingeladen hatten, kann den Ausstellungsmachern aus dem stark muslimisch dominierten Land nicht zum Vorwurf gemacht werden – doch auch das wird von der deutschen Kulturkritik sofort kritisch aufgegriffen.

Die lehrreiche Erfahrung, dass «fremde» Kulturen den Juden nicht mit dem deutschen Antisemitismusreflex begegnen, könnte die Chance zu einer transkulturellen Debatte über den Umgang mit seit Jahrhunderten antisemitisch konnotierten Klischees bieten. Doch stattdessen verstricken sich Politik, Veranstalter und Feuilletons in Schuldzuweisungen, und Androhungen von Zensur (woran dann wieder einmal die «zionistische Weltverschwörung» Schuld sein wird), statt zu erkennen, dass der beste Weg, Antisemitismus zu bekämpfen und zu demaskieren, die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ist.

Gabriel Heim ist Journalist, Autor und Regisseur und lebt in Basel.

Gabriel Heim