Wenn es ein Motiv geben sollte, welches den ersten unserer beiden Wochenabschnitte charakterisiert, dann ist es der Tod. Die Sidra beginnt mit der komplizierten Zeremonie der rituellen Reinigung eines durch den Tod Verunreinigten durch die Asche der roten Kuh (4. B. M., 19. Kapitel). Daraufhin wird vom Tode Mirjams in der Wüste Zin berichtet (20:1). Unmittelbar danach leiden die Israeliten an akuter Wassernot (20:2) und haben den Tod vor Augen: «Und das Volk haderte mit Mosche und sprach: Ach, dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder vor Gott umkamen! Und warum habt ihr die Gemeinde Gottes in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben, wir und unser Vieh?» (20:3–4). In der Folge ist von der berühmten Episode Mosches und dem Felsen die Rede. Diese unklare Geschichte mit einem unklaren Vergehen Mosches besiegelt dessen frühzeitigen Tod vor dem Einmarsch in das Gelobte Land (20:7–13). Danach bittet Israel die Edomiter, auf dem Weg nach Zion durch ihr Land ziehen zu dürfen, was mit einer erbarmungslosen Kriegsdrohung Edoms erwidert wird (20:14–21). Anschliessend ist vom Tod eines weiteren zentralen Anführers des jüdischen Volkes der letzten vier Jahrzehnte die Rede, nämlich von jenem Aharons (20:22–28). Mit dem endgültigen Abschied vom beliebten Bruder Mosches tut sich das jüdische Volk besonders schwer: «Und als die ganze Gemeinde sah, dass Aharon gestorben war, beweinte ihn das ganze Haus Israel 30 Tage lang» (20:29). Der nächste Vers schildert Israels Krieg mit Arad, dessen König es schafft, Gefangene zu nehmen (21:1). Nach der kriegerischen Auseinandersetzung mit Arad machen sich die Israeliten daran, das zu tun, was sie am besten können, nämlich reklamieren: «Und das Volk redete gegen Gott und gegen Mosche: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir in der Wüste sterben?» (21:5). Erneut geistert der Tod und die Angst vor ihm in den Köpfen der Israeliten herum. Gottes Antwort auf diese Beschwerden ist nicht minder tödlich: «Da liess Gott gegen das Volk giftige Schlangen los, die das Volk bissen, sodass viele Menschen von Israel starben» (21:6). Bis zum Ende der Sidra ist von weiteren blutigen Kriegen die Rede, erst gegen Sichon, dem König der Emoriter (21:21–32), und dann gegen Og, dem König von Baschan (21:33–35).
In der ganzen Thora kenne ich nicht einen einzigen Wochenabschnitt, in welchem sich ein Motiv so deutlich wie ein roter Faden hindurchzieht wie in unserem das Motiv des Todes. Von zwei unserer drei Volksführer, Mirjam und Aharon, wird für immer Abschied genommen, und der Tod in der Wüste ist stets gegenwärtig, sei es in der Form des Wassermangels oder kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Sidra «Chukat» gibt uns, wenn wir uns der Sprache Churchills bedienen wollen, nichts als «Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss». Und trotzdem, inmitten dieses dunklen Meeres des Todes und der Traurigkeit, gibt uns die Thora einen Lichtblick. Dieser befindet sich gleich zu Anfang der Sidra: In 22 Versen schildert die Thora den langwierigen Prozess, den ein Mensch durchschreiten muss, um sich vom Kontakt mit einem Toten rituell zu reinigen. Ohne sich hier mit den abseits jeglicher menschlicher Fassungsmöglichkeit vorgeschriebenen Richtlinien um die Asche der roten Kuh auseinandersetzen zu wollen, ergibt sich daraus ein grundlegendes Prinzip: Auch vom Tod kann man sich reinigen! Selbst nach dem direkten Kontakt mit einem Toten, was gemäss der jüdischen Überlieferung die extremste Form der Unreinheit darstellt, kann man sich rituell und spirituell säubern und ein neues Kapitel im eigenen Leben – gereinigt, unbeschwert und voller Tatendrang mit Blick in die Zukunft – in Angriff nehmen. Insofern ist der Beginn des Wochenabschnitts mit der Reinigungszeremonie um die rote Kuh eine Art Impfung. Als ob die Thora dem Leser sagen wollte: Wisse, du wirst jetzt mit viel Tod und Mühsal konfrontiert werden. Du wirst von dir sehr nahestehenden und geliebten Menschen Abschied nehmen und deinen Lebensweg von nun an allein beschreiten müssen. Du wirst das Gefühl haben, dass du keinen Halt mehr hast, du wirst depressiv sein und eine Empfindung der inneren Austrocknung (kein Wasser!) wird dich begleiten. Schlangen und alle möglichen Gefahren werden dir auflauern. Du wirst alleine Kriege führen und dem Tod selber in die Augen schauen müssen. Aber wisse: Am Ende dieses unendlich langen, stockdunklen Tunnels wartet ein Licht auf dich. So wie man sich nach dem Kontakt mit dem Tod reinigen und in die Gefilde des Lebens zurückkehren kann, wirst auch du dich von all dem erlebten, tödlichen Schmerz abheben können und den Weg zurück an die Sonne finden.
Das Reinigungsritual der roten Kuh ist in der Thora nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus chronologisch-strukturellen Gründen äusserst zentral: Es versinnbildlicht nämlich den Übergang vom Anfang der Wüstenwanderung zu deren Ende. Die vorigen Episoden um die Kundschafter (Kap. 13–15) und den Aufstand um Korach (Kap. 16–18) geschahen allesamt im zweiten Jahr nach dem Auszug aus Ägypten. Das Ritual der roten Kuh fällt mit dem Sprung ins 40. Jahr in der Wüste zusammen, in welchem die Führungsschicht Israels wegstirbt und die Kriege vor dem Einzug ins Gelobte Land anstehen. Diese Transition hat wegweisenden Charakter: Die junge Generation, die während 40 Jahren in der Wüste in sicherer Obhut herangewachsen ist, ist zum ersten Mal auf sich alleine gestellt. Sie wird erstmals mit dem Tod und den Schattenseiten des Lebens konfrontiert: Die Eltern, die Lehrer und die Anführer haben sie verlassen, Kriege stehen vor der Tür. Und just in diesem Moment der Angst und der Verzweiflung beruhigt Gott: Du junger Israelit, du wirst es schaffen! So wie du dich von einem Todeskontakt auf privater Ebene reinigen kannst, wirst du auch tödliche Gefahren, Erfahrungen und Herausforderungen auf nationaler Ebene bestehen und geläutert in die Zukunft schreiten können. «Fürchte dich nicht!» (21:34).
Sidra Chukkat-Balak
26. Jun 2026
Die Impfung vor dem Tod
Emanuel Cohn