standpunkt 30. Apr 2026

Die andere Bedeutung von Lag Baomer

Mit diesen berühmten Worten beginnt S. J. Agnon seine kurze Beschreibung der Feier auf dem Berg Meron während des Lag-Baomer-Festes: «Wer niemals die Freude am Grabe des Rabbi Schimon ben Jochai am Lag-Baomer in Meron sah, der hat all sein Lebtag keine Freude gesehen.» Die hebräische Kurzgeschichte erschien erstmals 1935 unter dem Titel «Hahadlaka» («Das Lichtzünden») und wurde bereits ein Jahr später ins Deutsche übersetzt und in mehreren deutsch-jüdischen Zeitungen abgedruckt.

Agnon beschreibt das Fest als ekstatisches, beinah messianisches Erlebnis. Juden aus aller Welt versammeln sich am Grab, studieren die Thora und die Kabbala, beten, tanzen und singen Liebeslieder an Gott, während sie ein grosses Feuer entzünden. Gott schliesst sich ihnen bei der Feier an: «Da tanzt man im Kreise – der Schechina entgegen, die in derselben Nacht herabsteigt, um an der Freude der göttlichen Tannaiten teilzunehmen.» Dann springt Agnon plötzlich in die Gegenwart, in die 1930er Jahre, in denen die Geschichte geschrieben wurde, und schildert die damaligen Ereignisse in biblischer Sprache: «Denn die Könige zogen aus, um miteinander zu kämpfen. Esau kämpfte wider Ismael, Ismael wider Esau; und beide kämpften wider Israel.» Die Welt steht am Rande eines Krieges. Die Juden Europas leiden unter dem brutalen Regime des «Dritten Reichs». Diese etwas utopische Geschichte ruft die Welt zur Ordnung und bittet Gott um sein Eingreifen. Gott hört den Schrei seines Volkes, kehrt in die Welt zurück, beendet alle Kriege und alles Leiden und stellt die Ordnung wieder her: «Endlich kehrte der Heilige, gelobt sei Er, zu dem Orte zurück, von dem Er ausgezogen war und sah sich an, was in seiner Welt geschah. Da erfüllte ihn Erbarmen mit seinen Geschöpfen und Er begnadigte die Überlebenden, die das Schwert verschont hatte; Er zerbrach die Herrschaft der Frevler und stürzte den Stolz der Tyrannen. […] Und es kam eine Zeit der Gnade für Israel, wie man sie seit den Tagen der Zerstörung des Tempels nicht erlebt hatte.»

Doch damit endet die Utopie noch nicht. Agnon war sich der schwierigen Situation zwischen Juden und Arabern in Palästina sehr wohl bewusst. In seiner Geschichte wird der Berg Meron, der aufgrund weltweiter Ereignisse verlassen wurde, von einheimischen Arabern bewacht. Sie warten auf die Rückkehr der Juden, ihrer Brüder vom selben Vater, und sagen zu ihnen: «Gelobt sei der Allgegenwärtige, gelobt sei Er, der euch hierher brachte. Gesegnet seid ihr vom Gott unseres Vaters Abraham, dass ihr zur rechten Zeit gekommen seid. All die Jahre, in denen ihr nicht kamt, haben wir das Licht am Grab dieses Frommen entzündet. Jetzt, da ihr wieder da seid, tut, was eure Aufgabe ist – entzündet das Licht!»

Es ist kein Zufall, dass Agnon Lag Baomer als Zeitpunkt für seine Geschichte wählte. Der 33. Tag der Omerzählung ist der Tag, an dem die Trauerzeit des Omer für einen Tag unterbrochen werden darf. An diesem Tag dürfen die Menschen sich freuen, heiraten und ihre Haare schneiden.

Für Agnon hatte Lag Baomer eine ganz persönliche Bedeutung. Laut dem Nobelpreisträger fand seine erste Alija und seine Ankunft in Palästina am Lag Baomer im Jahr 1908 statt. Drei Jahre später, am 16. Mai 1911, befand er sich unter den rund 10 000 Menschen, die sich auf dem Berg Meron versammelt hatten, um das Fest zu feiern. Eine der Absperrungen hielt dem Druck der Menschenmenge jedoch nicht stand, stürzte ein und riss elf Menschen, darunter auch Kinder, in den Tod. Dieses Unglück, das Agnon mit eigenen Augen gesehen hat, erinnert uns an eine andere Katastrophe, die vor fünf Jahren in Meron stattfand. «Ich hörte ein sehr lautes und starkes Geräusch. Ich dachte, es sei die Hadlaka («Entzündung»). Ich war in Trauer. Ich bin fünf Tage zu Fuss gegangen, um die Hadlaka zu sehen. Zwischen mir liegen die Toten auf Krankentragen. Und ich, der ich vor einer Stunde noch zwischen ihnen stand, als sie noch lebten, bin nun selbst zum Träger der Toten geworden.» Die Mischung aus Trauer und Feierlichkeit, die Lag Baomer als Unterbrechung der Omer-Trauer symbolisiert und den Wahnsinn der damaligen Welt widerspiegelt, nutzt Agnon auf geniale Weise, um bei Gott Erlösung zu suchen. Inmitten des Chaos, in dem Unsicherheit herrscht und Hoffnung nirgends zu finden ist, bittet er um göttliches Eingreifen, um die Ordnung wiederherzustellen. Das Feuer, das normalerweise für Krieg und Zerstörung steht, gilt hier als Vorbote des Friedens. Anstatt das Land zu verbrennen, erhellt es. «Und Israel feierte das Fest des Lichtanzündens am Grab des Rabbi Schimon ben Jochai, bis das ganze Land von seinem Licht strahlte.»

Oded Fluss ist Co-Leiter der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich.

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