Der Holocaust-Überlebende, Schriftsteller und Kunstmaler Shlomo Graber ist in Basel gestorben – ein Nachruf.
Noch bis in die letzte Woche arbeitete Shlomo Graber täglich in seinem Atelier neben dem Basler Spalentor oder begrüsste Kundschaft auf einen Café im Laden. Immer offen, ohne Zeitdruck und erfreut an der Begegnung.
Geboren am 13. Juli 1926, verbrachte Graber seine Kindheit im ungarischen Nyírbátor. Während des Zweiten Weltkriegs wurde er mit seiner Familie als Staatenloser nach Polen deportiert und 1944 nach Auschwitz gebracht. Dort wurden alle seine Familienmitglieder, bis auf den Vater, von den Nazis ermordet. Graber selbst überlebte Auschwitz, Fünfteichen und Görlitz sowie einen Todesmarsch, bis er am 8. Mai 1945 von der Roten Armee befreit wurde.
Identität und Heimat
Nach der Befreiung zog es Graber, der einer zionistischen Gruppierung angehörte, 1948 nach Israel. Er diente sieben Jahre in der Armee und arbeitete später als Einkäufer einer Elektronikfirma. Wie er selbst berichtete, gab er dabei nie einen Schuss ab. In tachles erinnerte er sich: «Ich betrachtete es wie alle, die zu jener Zeit nach Palästina kamen, als eine selbstverständliche Pflicht, meinem Land zu dienen. Allerdings bin ich bis heute sehr glücklich darüber, dass ich nie wirklich an der Front kämpfen musste, sondern der Elektronik-Abteilung zugeteilt wurde. Dies auch, weil ich am Anfang, als ich nach Israel kam, immer noch geschwächt von der Zeit in den KZs war.» Nach Auschwitz war für ihn der Drang nach Freiheit überwältigend. Aber was heisst Freiheit für einen Mann, der vier lange Jahre seines Lebens kaum mehr wie ein Mensch behandelt wurde? «Untermenschen» haben die Nazis die Häftlinge genannt, sagte er im Gespräch mit tachles. Anstelle von Namen erhielten sie Nummern. Graber hatte keine Identitätsausweise mehr. In Israel erhielt er eine rechtliche Identität und eine Heimat, in der er nicht mehr dafür gehasst und verfolgt wurde, Jude zu sein. Diesen Moment, als er die Papiere in Händen hielt, die ihn zu einem Staatsangehörigen des Staates Israel mit eigenen Rechten machten, vergass Graber nie. Laut ihm ist «Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Viele wissen dies heute nicht mehr zu schätzen. Vielleicht, weil schon 70 Jahre Frieden und Freiheit in Europa herrschen. Aber diesen Frieden und die Freiheit gilt es zu bewahren – dafür muss man sich, speziell die Jugend, jeden Tag einsetzen. Dies ist die wichtigste Botschaft überhaupt.»
Früher Zeitzeuge
1989 zog Graber, inzwischen Familienvater und später mehrfacher Grossvater, nach Basel, wo er als Kunstmaler und Autor wirkte. Über 35 Jahre lebte und schaffte er in der Stadt und war bekannt für seine lebensbejahende Kunst und als Zeitzeuge. Er ging in der Redaktion der «Jüdischen Rundschau» ein und aus und begann früh, als Zeitzeuge abseits von Organisationen Aufklärung in Schulen zu betreiben. Er wollte ein unabhängiger Geist bleiben, der sich nicht einbinden liess, aber sich offen meldete mit Kritik, wenn es solche einzubringen gab.
Graber machte es sich zur Lebensaufgabe, die Erinnerung an die Schoah wachzuhalten: In Schulen und öffentlichen Einrichtungen berichtete er von seinen Erfahrungen und plädierte für Versöhnung statt Hass. Zahlreiche Vorträge und seine Bücher, darunter «Der Junge, der nicht hassen wollte» (2018) und «Dreimal dem Tod entkommen» (2023), zeugen von seinem Engagement, junge Menschen für die Geschichte und ihre Gefahren zu sensibilisieren. Trotz des unvorstellbaren Leids seiner Jugend entschied Graber sich bewusst gegen Hass. Lieber suchte er in Kunst und Begegnung den Weg zur Versöhnung. «Liebe ist stärker als Hass», war die Botschaft seiner Mutter, die ihn durch das Leben trug.
Graber betrachtete die Politik und historische Aufarbeitung in der Schweiz schon vor einigen Jahren mit gemischten Gefühlen und sagte gegenüber tachles: «Die Schweiz hat meiner Meinung nach eines der besten politischen Systeme, die es gibt – direkte Demokratie mit Volksentscheid oder Föderalismus. Allerdings sehe ich auch eine gewisse Einmischung des Staates in persönliche Rechte, die manchmal zu weit geht.» Er fragte sich allerdings, was aus dem politischen Widerstand geworden ist, der in den letzten Jahren zunehmend fehlen würde.
Seine Verdienste wurden mehrfach gewürdigt: 2023 verlieh ihm die Stadt Görlitz die Ehrenbürgerschaft und Bundespräsident Gauck empfing ihn 2015 in Berlin. In seiner Wahlheimat Basel war Graber eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Eine Ehrung allerdings blieb dort stets aus, für die sich unter anderem der Musiker David Klein über Jahre einsetzte. Grabers künstlerisches und menschliches Vermächtnis bleibt prägend – für die jüdische Gemeinde, für Basel und für alle, denen er seine Geschichte weitergab.
Shlomo Graber ist am Sonntag im Alter von 99 Jahren in Basel verstorben, wo die Beerdigung stattgefunden hat.