Seit Sommer 2025 ist Mischa Liatowitsch der erste Projektleiter mit Schwerpunkt Antisemitismus bei der Stadt Zürich – ein Gespräch über Trigger, Definitionen, Prävention und die Frage, warum er zur Bührle-Debatte schweigt.
tachles: Sie sind in Zürich aufgewachsen, haben eine unbelastete jüdische Jugend erlebt und leiten heute die neue Stelle der Stadt Zürich mit Schwerpunkt Antisemitismus. Was hat sich für jüdische Menschen in dieser Stadt grundlegend verändert?
Mischa Liatowitsch: Die Fallzahlen antisemitischer Vorfälle sind nach dem 7. Oktober 2023 stark angestiegen, schweizweit, aber auch in Zürich. Das ist in den Antisemitismusberichten belegt. Für jüdische Menschen ist das eine neue Realität, auch wenn Antisemitismus natürlich nicht erst seit diesem Datum existiert.
Ist Antisemitismus heute stärker als früher oder bloss sichtbarer?
Für mich ist hier der Begriff des Triggers relevant. Das ist ein Begriff aus der Forschung. Es gibt Ereignisse, die Antisemitismus, der schon unter der Oberfläche existiert, an die Oberfläche spülen. Solche Trigger waren etwa die Corona-Pandemie, der Ausbruch des Ukraine-Kriegs und dann der 7. Oktober. Darum würde ich sagen: Antisemitismus war vorher schon ein Problem, aber er wird seit einigen Jahren unverblümter ausgedrückt. Das zeigt sich leider in steigenden Fallzahlen – von Beleidigungen und Beschimpfungen bis hin zu Schmierereien und tätlichen Übergriffen.
Warum braucht es eine eigene Fachstelle für Antisemitismus?
Ich bin Teil einer Fachstelle innerhalb der Dienstabteilung Stadtentwicklung im Präsidialdepartement. Dort arbeiten Kolleginnen und Kollegen auch zu anderen Formen von Rassismus. Es gibt daneben weitere Fachstellen der Stadt, etwa für die Gleichstellung der Geschlechter oder die Beauftragten für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Zugleich ist es wichtig, die Besonderheiten der einzelnen Phänomene anzuerkennen. Ich würde keine Hierarchie zwischen Formen von Diskriminierung machen. Aber sie funktionieren verschieden. Genau darum macht eine spezifische Stelle zum Thema Antisemitismus Sinn.
Wie würden Sie Ihre Aufgabe möglichst konkret beschreiben?
Mein Fokus liegt klar auf Präventionsarbeit, Sensibilisierung und Beratung innerhalb der Stadtverwaltung sowie stadtnaher Institutionen. Ich leite Projekte mit Schwerpunkt Antisemitismus, schaffe Strukturen für längerfristige Sensibilisierung und stehe Departementen für Einschätzungen zur Verfügung, wenn Vorfälle auftreten. Politische Entscheide kommentiere ich nicht. Das ist nicht mein Auftrag.
Wie gehen Sie vor, wenn ein Vorfall beurteilt werden muss?
Ich schaue einen Vorfall auf drei Ebenen an. Erstens die rechtliche Ebene: Ist etwas strafrechtlich relevant, etwa im Sinn von Art. 261bis StGB? Das Strafrecht hat aber einen verengten Blick auf Diskriminierung und Antisemitismus. Zweitens die normative Ebene: Dort geht es um rechtlich nicht bindende Definitionen. Ich orientiere mich am Bundesratsbericht von 2021, der festhält, dass neben der Definition der Fachstelle für Rassismusbekämpfung des Bundes die IHRA-Arbeitsdefinition als zusätzlicher Leitfaden beigezogen werden kann. Und drittens gibt es die gesellschaftliche Ebene: Welche Wirkung hat ein Vorfall auf die Gesellschaft und besonders auf betroffene Communitys.
Sie betonen die Perspektive der Betroffenen. Wie verbindet sich das mit Ihrem Anspruch, wissenschaftlich und methodisch sauber zu arbeiten?
Ich sehe darin keinen Widerspruch, sondern eine Spannung, mit der man arbeiten muss. Es geht um die Erfahrung von Betroffenen, die sich über Jahrhunderte von Diskriminierung und Verfolgung herausgebildet hat. Diese kollektive Erfahrung zu berücksichtigen, gehört auch zur Wissenschaft. Es ist wichtig zu verstehen, dass eine Aussage oder Handlung antisemitisch sein kann, auch wenn sie am Ende nicht strafrechtlich relevant ist.
Wann kippt Kritik an Israel ins Antisemitische?
Kritik an der Regierung oder der Politik Israels ist absolut legitim – genauso wie man andere Staaten kritisieren darf. Problematisch wird es beim Begriff «Israel-Kritik». Wenn man Staaten wie die Türkei, China oder Russland anschaut, gibt es Regierungen, wo man einiges kritisieren könnte – aber es gibt keine «Türkei-Kritik» oder «China-Kritik». Es gibt aber «Israel-Kritik». Da schwingt mehr mit als reine Regierungskritik. Problematisch wird es dort, wo Umwegkommunikation passiert: wenn jahrhundertealte antisemitische Bilder, die auf Jüdinnen und Juden projiziert wurden, nun auf den einzigen jüdischen Staat projiziert werden. Oder wenn das Existenzrecht dieses Staates infrage gestellt wird.
Israel hat im Moment rechtsextreme Regierungsmitglieder, die sich auch teils selbst als Faschisten bezeichnen. Ändert das etwas für Ihre Arbeit?
Der Nahostkonflikt als solcher ist nicht Teil meines Auftrags. Relevant für meine Arbeit wird er dort, wo er als Trigger für antisemitische Vorfälle in der Schweiz fungiert oder wenn Debatten zum Konflikt antisemitische Untertöne oder Muster annehmen.
«From the river to the sea» taucht regelmässig auf Graffiti in Zürich auf. Ist der Slogan antisemitisch?
Der Slogan kann verschieden verstanden werden – als friedliche Vision oder als Aufruf zur Vernichtung des jüdischen Staates. Der Slogan ist nicht strafbar, die gerichtliche Praxis fehlt. Nach der IHRA-Definition kann man ihn als antisemitisch einordnen. Besonders relevant finde ich aber die dritte Ebene: Die kollektive Erinnerung an Verfolgung und Gewalt bewirkt, dass viele jüdische Menschen diesen Slogan als bedrohlich empfinden. Der jüdische Staat fungiert für viele als Lebensversicherung. Das muss man verstehen, um die Wirkung einordnen zu können.
Die Bührle-Debatte im Kunsthaus Zürich betrifft direkt die Stadtverwaltung. Der jüdische Historiker Raphael Gross, der für den runden Tisch ein Gutachten erstellte, wurde Ende 2026 öffentlich als «jüdischer Historiker» angegriffen. Ist das kein Thema für den Antisemitismusbeauftragten?
Ich kann dazu nichts sagen.
Frage: Nichts?
Weil es nicht Teil meines Auftrags ist. Die Kommunikation für Geschäfte, bei denen die Stadtverwaltung involviert ist, liegt immer bei den zuständigen Abteilungen.
Mit Raphael Gross wird ein Historiker in der politischen Debatte Zürichs als Jude angegangen und der Antisemitismusbeauftragte schweigt?
Es kann sein, dass Departemente eine Einschätzung bei mir abholen. Aber die Kommunikation nach aussen obliegt nicht mir. Da unterscheidet sich meine Rolle von vergleichbaren Stellen etwa in Deutschland, wo die Person eigenständig kommunizieren kann. Dies ist bei meiner Stelle nicht vorgesehen.
Was ist für Sie ein sinnvoller Ansatz in der Präventionsarbeit?
Ich glaube sehr fest an Antisemitismusprävention. In der Schweiz gibt es gute Angebote, aber nicht genug davon. Ein sehr gutes Beispiel ist das Likrat-Projekt, bei dem jüdische Menschen in Schulen gehen und aus ihrem Leben erzählen. Solche Formate funktionieren. Die zentrale Frage ist für mich aber die Skalierung: Wie erreicht man mehr Menschen und wie rollt man Prävention breiter aus? Viele gute Projekte kommen aus der Zivilgesellschaft. Entscheidend ist, dass sie auch die nötige Reichweite bekommen.
Sie sprechen von einem «antisemitismuskritischen Ansatz». Was heisst das genau?
Dieser Ansatz geht davon aus, dass Antisemitismus jahrhundertealt und tief in gesellschaftlichen Strukturen verankert ist. Viele von uns sind auf die eine oder andere Weise antisemitisch sozialisiert worden und tragen entsprechende Bilder mit sich. Das heisst aber gerade nicht, mit dem Finger auf einzelne Menschen zu zeigen. Es geht nicht darum, jemanden zum schlechten Menschen zu erklären. Es geht darum, zu akzeptieren, dass solche Bilder kulturell tief eingeschrieben sind, sie bei sich selbst kritisch zu reflektieren und dann konstruktiv damit umzugehen.
In der Öffentlichkeit dominiert oft ein enges Bild von Jüdinnen und Juden, das zusätzlich auch noch von jüdischen Organisationen bewirtschaftet wird. Wie begegnen Sie dem?
Ich versuche, die Diversität jüdischen Lebens sichtbar zu machen. Es gibt innerhalb des Judentums eine grosse religiöse und kulturelle Vielfalt – von ultraorthodox bis liberal, von aschkenasisch über sephardisch und die Mizrachim bis zu Beta Israel. Dazu kommen Menschen, die sich als jüdisch verstehen, aber keiner Gemeinde angehören. Diese Vielfalt ist vielen nicht bewusst. In Workshops versuche ich deshalb zu zeigen, dass «die Juden» keine homogene Gruppe sind. Das hilft, stereotype Bilder aufzubrechen.
Wo stösst Prävention an ihre Grenzen?
Bei radikalisierten Personen. Prävention setzt Offenheit voraus, also die Bereitschaft, sich mit Informationen und unterschiedlichen Perspektiven auseinanderzusetzen. Wo diese Offenheit nicht mehr vorhanden ist, sind andere Instrumente gefragt. Repression und Sicherheitspolitik liegen nicht bei mir, sondern beim Sicherheitsdepartement. Es gibt zwar Überschneidungen und Austausch, aber meine Aufgabe endet dort, wo Prävention nicht mehr greift.
Welche Rolle spielt der Antisemitismus im Netz?
Eine sehr grosse. Der digitale Raum ist in der Präventionsarbeit enorm wichtig – nicht nur in Bezug auf Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Antisemitische Bilder und Narrative verbreiten sich heute auch über Meme-Kultur, Codes und Anspielungen. Deshalb ist Medienkompetenz zentral. Menschen müssen lernen, solche Bilder und Narrative zu erkennen.
Im Gegensatz zum Ausland hat die Schweiz keine einheitlichen und methodisch akkuraten gesamtschweizerischen Zahlen zu antisemitischen Vorfällen. Reicht die Datenlage in der Schweiz aus?
Die Zahlen sind enorm wichtig. Der jährliche Antisemitismusbericht von SIG und GRA ist fundamental für Prävention und Bekämpfung von Antisemitismus in der Schweiz.
Diese betreffen vor allem die deutschsprachige Schweiz. Für die Romandie führt die CICAD eine eigene Erhebung durch.
Sicher gibt es Verbesserungspotenzial.
Sie sind selbst jüdisch und Teil der jüdischen Gemeinde. Ist das für diese Funktion eher hilfreich oder eher belastend?
Ich glaube nicht, dass Jüdischsein Voraussetzung für diese Stelle ist. Eine nichtjüdische Person könnte diese Aufgabe auch ausfüllen. Ich denke auch nicht, dass ich für die Stelle gewählt wurde, weil ich jüdisch bin, sondern weil ich mich mit dem Thema Antisemitismus beschäftige – mit der Wissenschaft und der Praxis. Natürlich bringe ich ein gewisses Verständnis für jüdisches Leben mit und vielleicht auch eine Sensibilität für betroffene Perspektiven. Aber ich würde nie meine individuelle Erfahrung verallgemeinern.
Wo setzen Sie Prioritäten für die nächste Zeit?
Das Verständnis dafür zu schärfen, was Antisemitismus ist, wie er funktioniert und wie er auf Betroffene wirkt. Ich glaube, das ist ein starker Hebel. Wenn dieses Verständnis wächst, schafft das die Grundlage für wirksame Prävention. Genau darauf werde ich mich in den kommenden Monaten konzentrieren.