Online 30. Apr 2021

Swipen oder nicht?

Die Partnersuche im Internet war noch nie so einfach, einmal swipen und weiter. Doch wo liegen die Tücken?

Jüdische Dating-Apps haben nicht zuletzt durch die Pandemie Konjunktur und verändern den jüdischen Schidduch-Markt – ein Augenschein.

Er: sportlich, mag Bergtouren, eingeschrieben an einer Schweizer Universität, aus einer grösseren Schweizer Stadt. Sie: aus dem nahen angrenzenden Ausland, ebenfalls Studierende, mag Städtereisen und mit ihren Freundinnen unterwegs sein. Was beide verbindet: ihre jüdische Herkunft. Beide sind traditionell, aber nicht religiös. Was wie eine Beschreibung eines jungen jüdischen Paars tönt, das sich irgendwo an einer «SummerU» kennengelernt hat, ist nur mal ein Gedankenspiel. Die legendären «SummerU» (Abkürzung für Summeruniversity), die jeweils der Verband European Union of Jewish Students alljährlich organisiert hat, gehören längst der Vergangenheit an, zumindest vorerst. Das letzte Treffen dieser Art der europäischen jüdischen Studentenschaft – man hat an einem mediterranen Ort während einer Woche Kurse wie Yoga, Surfen oder Workshops zu verschiedenen Themen besucht, gemeinsame Schabbatessen verbracht und zwischendurch viel geflirtet – hat im Sommer 2019 stattgefunden. Dann kam die Pandemie und der jüdische Dating-Markt hat sich wie das meiste nahezu gänzlich auf digitale Plattformen verschoben.

«J-Date» oder «JSwipe», die wohl zwei wichtigsten jüdischen Dating-Apps, gab es zwar schon vor der Pandemie, und natürlich wurden sie auch schon vorher intensiv von jüdischen Menschen auf der Suche nach dem Liebesglück genutzt. Doch der vielerorts mehrfach wiederkehrende Lockdown hat auch jene Menschen mit der Absicht, einen jüdischen Partner oder eine jüdische Partnerin zu finden, gezwungen, zu Hause zu bleiben – was die Suche um einiges erschwert hat. Vorderhand. «Denn wirklich anders als vor der Pandemie ist die Situation nicht», erzählt die 27-jährige Rachel. Die Doktorandin, die derzeit Single ist und auf den gängigen jüdischen Dating-Apps angemeldet ist, findet, es mache keinen Unterschied, ob Lockdown sei oder nicht, um jemanden kennenzulernen. Denn wer wirklich jemanden suchen möchte, der könne dies trotz Pandemiesituation. «Natürlich überlegt man sich im Vorfeld eines Dates, ob es sinnvoll ist, jemanden zu treffen, den man bis anhin nicht kennt. Aber wer wirklich auf Partner-suche ist, der scheut keinen Aufwand.»

Keine Matchmaker-Politik
Rachels Aussage deckt sich mit dem, was man auch beim jüdischen Studentenverband der Schweiz (SUJS) festgestellt hat: «Jüdische Singles in der Schweiz gehen die Partnersuche eher langsam an. Das ist wohl eine kulturelle Eigenschaft», glaubt Michel Ronen, Präsident von SUJS. Zudem erfolge dies meistens individuell. Deshalb treffe man sich im privaten Rahmen, Lockdown hin oder her. Sich zu treffen sei ja nie verboten gewesen. «Hingegen waren uns als Verein die Hände gebunden. Bis zum letzten Spätsommer konnten wir nur kleinere Events unter freiem Himmel durchführen. Das haben aber die Leute, unabhängig davon, ob Single oder in Partnerschaft, geschätzt. Es konnte wieder etwas Normalität gelebt und der Austausch unter der jüdischen Studentenschaft gefördert werden.» Doch mit Beginn der dritten Welle waren diese lockeren Treffen nicht mehr möglich, alles wurde auch bei SUJS wieder auf digital umgestellt. Der Verein, dem Ronen vorsitzt, bemüht sich dennoch mit diversen Online-Anlässen, die jungen jüdischen Menschen zusammenzubringen. «Trotzdem sind Schidduchim nicht unsere erste Priorität. Wir verfolgen keine explizite Matchmaker-Politik. Wenn sich aber zwei Herzen im Rahmen einer unserer Anlässe finden, dann umso besser», erklärt Ronen gegenüber tachles. Er hofft darauf, dass die nächsten Corona-Lockerungen des Bundesrats, sinkende Infektionszahlen und die allgemeine Impfstrategie es seinem Verein bald wieder möglich machen, Events im grossen Rahmen wieder stattfinden zu lassen.

Persönliche Kontaktaufnahme
Die ersten Lockerungsmassnahmen des Bundesrats liessen auch Noam Hertig, den Rabbiner der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ), aufatmen. «Gott sei Dank ist es wieder möglich, Leute zu sich nach Hause einzuladen. Da gehören natürlich auch Singles dazu», erzählt der Rabbiner, dem es ein grosses Anliegen ist, dass Studenten und jungen Erwachsenen ein jüdischer Rahmen geboten wird, um sich zu treffen – selbst mit allen Einschränkungen und Schutzmassnahmen. So habe er während der ganzen Pandemiezeit auch immer wieder das Telefon zur Hand genommen, um den persönlichen Kontakt zu pflegen. «Nicht nur ältere Personen können sich einsam und isoliert fühlen, es sind genauso jüngere, alleinstehende, die darunter leiden. Für Singles ist die ganze Corona-Zeit viel schwerer zu ertragen.»

Wie Hertig gegenüber tachles sagt, habe sich die ICZ ausserdem an die vom Rabbinat der Jüdischen Gemeinde Frankfurt a. M. online organisierten Speed-Dating-Events angeschlossen und diese aktiv im Newsletter sowie in den sozialen Medien beworben. Offenbar habe sich Rabbiner Soussan aus Frankfurt sehr darüber gefreut, dass sich auch Singles aus Zürich daran beteiligten. «Im Nachgang dieser Events erfreute es mich zu erfahren, dass es Paare gibt, die sich durch diese Online-Speed-Datings getroffen haben», so Hertig.

60 und problematisch
Speed-Dating scheint das Wort der Stunde zu sein. Als Urheber gilt übrigens Rabbi Yaacov Deyo, Mitglied der Organisation Aish Hatorah mit Sitz in Los Angeles. Sein Ziel war es vor 23 Jahren, eine Kontaktplattform für die jüdische Gemeinde zu schaffen. Alleinstehende jüdischen Singles sollten sich dadurch kennenlernen und die Zahl jüdischer Ehen erhöhen. Wenig später folgten kommerziell ausgerichtete Veranstaltungen ohne religiöse Vorgabe, an denen alleinstehende Männer und Frauen in gleicher Anzahl teilnahmen.

Nun hat sich mit «Corona Crush» ein neues Phänomen auf dem jüdischen Dating-Markt etabliert. Als private Facebook-Gruppe für jüdische Singles wurde Corona Crush zu Beginn der Pandemie gegründet und zählt nun bereits fast 18 000 Mitglieder, die auf der Plattform ein Profil veröffentlicht haben, sich gegenseitig suchen und private Nachrichten senden können. Das Aktuelle daran: Die Mitglieder können einen Termin über Zoom planen und an Zoom-Speed-Dating-Sitzungen teilnehmen. Während viele der Mitglieder auf der Plattform in den Zwanzigern und Dreissigern sind, gibt es auf der Website auch Suchende mittleren und älteren Alters, manchmal gar Grosseltern und Enkelkinder, die gleichzeitig nach dem idealen Match suchen. «Ich mag es, unterschiedliche demografische Merkmale zu generieren, da dies einen Netzwerkeffekt erzeugt», sagt Mitbegründer Ian Mark, der 31-jährige Programmierer, der Corona Crush im vergangenen Frühjahr mit einer Gruppe von fünf Freunden konzipiert hat. Es war ein jüdischer Bekannter von Mark, David Feldman, der diesen darauf hinwies, dass es insbesondere älteren Singles in Pandemiezeiten schwerfällt, neue Menschen kennenzulernen. «Diese Personen sind dann noch einsamer, manchmal richtig isoliert. «Eine physische Verabredung ist schlicht nicht möglich, was die Sache deutlich erschwert», weiss Feldman, der aus Erfahrung spricht, weil er einige 60-jährige Singles in seinem eigenen Familien- und Freundeskreis zählt. «Speed-Dating ist in dem Moment genau das Richtige.» Denn es sei die einzige Möglichkeit, ein kurzes Gespräch mit jemandem zu führen und entsprechend schnell zu wissen, ob man sich erneut mit dieser Person unterhalten möchte. «Es scheint mir die optimale Lösung für diese elende Zeit zu sein.» Die «CoronaCrush 60plus-Gruppe» wurde eigens für das plattform-interne Speed-Dating gebildet. Es sei jedoch ein völlig anderes Verhältnis als bei anderen Speed-Dating-Events, findet Mark. Derzeit hätten sie auch Probleme, genügend Männer dafür zu finden, «offenbar scheinen Frauen von der Sache mehr angetan zu sein als Männer».

Ernst gemeinte Sache
Mark, der sich als Autodidakt der Sache widmete, begann vor einem Jahr mit der Entwicklung dieser Dating-Plattform. Er hatte damals von einem einfachen Zoom-Link eine intelligente Webplattform mit einem Algorithmus weiterentwickelt, der von den Benutzern ausgefüllte Formulare verwendet und basierend auf Alter, Interessen, Orten und religiöser Einhaltung einen Geschwindigkeitsdatierungsplan erstellt. Corona Crush hat laut Aussagen von Mark zu zwei Verlobungen geführt und kann sich dank Spenden aus dem Ausland finanzieren, die Mark für Marketingzwecke und einen bezahlten internen Matchmaker reinvestiert. Die Profile der über 17 000 «Freunde» von Corona Crush müssen jüdisch sein und werden von Mark überprüft, der sicherstellt, dass sie entweder mit ihm oder mindestens einem der Mitglieder verbunden sind. «Wer daran teilnimmt, muss es mit dem Dating ernst meinen und wirklich jemanden treffen wollen. Denn wir wollen die jüdische Gemeinschaft so weit wie möglich aufrechterhalten.» Die Plattform unterscheidet sich zudem von anderen Online-Dating-Diensten, indem nicht «gewischt» bzw. «geswiped» wird sowie durch einen gemeinsamen Ansatz mit integrierter Peer-Verifizierung. «Mit Corona Crush haben wir Freunde, die über Freunde posten, also bürgt jemand für jemanden», so Begründer Mark.

Endlich wieder Menschen treffen
Hat das Coronavirus also die jüdische Dating-Revolution angespornt oder zumindest die Art und Weise, wie Juden aller religiöser Schattierungen daten, etwas verändert? Das versuchen derzeit Micki Lavin-Pell, Hochzeitstherapeutin und Beziehungstrainerin in Jerusalem, und ihr Kollege Meni Koslowsky herauszufinden, indem sie das Dating-Verhalten während der Pandemie in einer Studie, die von einem institutionellen Prüfungsausschuss der israelischen Ariel-Universität überwacht wird, untersuchen. Die Studie, die sich an Menschen aller Religionen und sexuellen Orientierungen unter 45 Jahren richtet, fordert die Teilnehmenden auf, 20 Fragen zu ihren Dating-Praktiken vor und während der Pandemie zu beantworten sowie ihre Erfahrungen mit virtuellem Dating kundzutun. «Wir möchten herausfinden, ob die Studienteilnehmenden Kontakte lieber per Videocall machen oder nicht», erklärt Lavin-Pell. Sie ging ursprünglich von der These aus, dass introvertierte Personen diese Methode des Kennenlernens im Vergleich zu extrovertierten eher bevorzugen. «Aber wir stellen nun fest, dass sowohl Introvertierte wie auch Extrovertierte es kaum abwarten können, bis sie eine neue Person im wirklichen Leben treffen können», fährt sie fort. Lavin-Pell hat auch bemerkt, dass der Unterschied zwischen dem Geniessen und dem Nicht-Geniessen von virtuellem Dating möglicherweise mehr damit zu tun hat, wie einfallsreich Menschen sind. Singles, sagt sie, müssten neue Wege finden, um Treffen spannend zu gestalten. «Es gibt genug Dinge, die man im wirklichen Leben tun kann, und das ist es, was die Leute gewohnt sind», sagte sie. «Beim Video-Dating muss man also so viel kreativer sein, also zum Beispiel zusammen etwas kochen oder ein Rätsel zu lösen.» Doch eines hat sich auch fürs Dating während der Pandemie nicht geändert: Je mehr Menschen wieder draussen sind, desto einfacher wird es, wieder Leute zu treffen und vielleicht irgendwann eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Darauf hofft auch die Zürcherin Rachel. Irgendwann will auch sie in echt die Liebe ihres Lebens treffen.

Nicole Dreyfus