Am kommenden Sonntag findet in Basel die 121. Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes statt – ein Gespräch mit Präsident Ralph Friedländer über Kommunikation, Politik und Israel.
tachles: Wie blicken Sie auf das vergangene Jahr seit der letzten Delegiertenversammlung?
Ralph Friedländer: Es war erneut ein anstrengendes Jahr für die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz. Auf der positiven Seite sind die Antisemitismus-Zahlen in der realen Welt leicht zurückgegangen. Leider gab es auch eine Erhöhung der Anzahl antisemitischer Kommentare und Verschwörungstheorien online. Wir konnten wichtige Fortschritte erzielen – allen voran bei der nationalen Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus. Dafür haben wir jahrelang lobbyiert, und jetzt ist sie Realität geworden. Es wird noch eine parlamentarische Debatte geben und wir werden sie genau verfolgen. Nun geht es darum, diese Strategie mit Inhalt, namentlich einem Aktionsplan zu füllen und mit ausreichenden Finanzmitteln auszustatten.
Der Nahostkrieg ging mit den beiden Iran-Kriegen nochmals in eine neue Phase.
Die Lage im Nahen Osten hat die jüdische Gemeinschaft weiterhin stark belastet. Die zwischenzeitlichen Kampfpausen haben Luft gegeben. Die Anspannung ist aber immer geblieben. Gleichzeitig haben wir unsere Dialoge mit Behörden, Politik und anderen Religionsgemeinschaften intensiviert und versucht, den Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu stärken. Einigkeit bedeutet nicht Einheitlichkeit der Meinungen, sondern Einigkeit in der Bekämpfung der Bedrohungen, mit denen wir konfrontiert sind.
Im letzten Jahr haben Sie Friends of Swiss Jews für Menschen ausserhalb der SIG-Gemeinden ins Leben gerufen. Wie viele haben sich gemeldet?
Rund 88 Menschen. Wir sind zuversichtlich, dass es bald mehr sein werden.
Sie könnten viel mehr auf einen Schlag gewinnen, wenn Sie die liberalen Gemeinden, Menschen in Chabad-Gemeinden und so fort aufnehmen würden.
Das sind zwei verschiedene Themen. Die «Friends» stehen für alle offen, die unsere Arbeit unterstützen möchten. Die Mitgliedschaft beim SIG ist etwas anderes. Natürlich möchten wir am liebsten alle jüdischen Gemeinden und Kräfte vertreten. Wir sind in engem Kontakt mit der Plattform der liberalen Juden und arbeiten sehr eng mit ihnen zusammen. Allerdings gibt es auch in der Plattform selbst unterschiedliche Ansichten über die Prioritätensetzung. Es liegt also nicht nur am SIG. Unser Bestreben, weitere Gemeinden einzubinden, steht fest und ist Teil unserer Strategie.
Am kommenden Sonntag tritt die Israelitische Religionsgemeinschaft Basel dem SIG bei. Damit wächst die Zahl der orthodoxen Mitgliedsgemeinden weiter – wird der SIG zunehmend orthodox?
Die Aufnahme der IRG Basel ist ein erfreulicher Schritt. Mit der IRG und den weiteren kürzlich aufgenommenen Gemeinden haben sich orthodoxe Gemeinden beworben. Das entspricht unserem Ziel, grossflächig die jüdische Gemeinde abzudecken. In Bezug auf die liberalen könnte es die Sache die Sache nicht einfacher machen, das ist mir bewusst. Unsere orthodoxen Gemeinden haben signalisiert, dass eine Aufnahme liberaler Gemeinden für sie problematisch wäre. Aber ich glaube nicht, dass eine Situation jemals für immer abgeschlossen ist.
Der SIG drängt mit viel Kommunikationsaufwand zu Antisemitismus in die Medien und pusht die Berichterstattung. Der SIG-Generalsekretär hat in den letzten Jahren die Negativereignisse mit seinem Team so in den Medien positioniert.
Der Antisemitismus wurde ein prioritäres Thema, weil er es tatsächlich geworden ist. Das merken wir seit einigen Jahren schon. Seit dem 7. Oktober 2023 verzeichnen wir zudem eine Verdreifachung der antisemitischen Vorfälle in der Schweiz. Das war eine Reaktion auf Anfragen und die Realität, keine strategische Entscheidung. Dies gesagt, sind wir dankbar, dass sich Politik und Medien für dieses Problem interessieren.
Sie haben nun im Generalsekretariat Mitarbeitergespräche eingeführt und mit Eva Schmid eine verantwortliche Vizegeneralsekretärin gewonnen. Auch Evaluationen der Arbeit sollen durchgeführt werden. All dies wurde noch nie zuvor gemacht. Was steckt dahinter?
Wir haben Eva Schmid als stellvertretende Generalsekretärin und Stabsstelle bei Organisation und Finanzen gewonnen. Sie kommt aus der jüdischen Gemeinde Bern. Damit und mit anderen Massnahmen könnten wir die Arbeitslast abfedern, neue interne Arbeitsfelder abdecken und die internen Führungsstrukturen breiter abstützen. Sitzungen der Mitarbeitenden können regelmässiger und auch punktueller stattfinden, Mitarbeitergespräche wurden übrigens immer durchgeführt. Unsere Arbeit und Projekte haben wir immer intern evaluiert. Neu haben wir uns entschieden, gewisse vor allem extern finanzierte Projekte auch extern evaluieren zu lassen.
Die Geschäftsstelle wird auch immer grösser. Sie wollten eigentlich sparen, anstatt zu vergrössern.
Das ist keine Kontradiktion zu unserem Sparprogramm. Auf der Einnahmenseite haben wir Fortschritte gemacht, andere Posten wurden reduziert, und Stellen werden teilweise extern finanziert. Wir sind hier auf Kurs.
Der SIG äussert sich kaum zu den teils skandalösen Agitationen der israelischen Regierung. Nun haben Sie sich nach Interventionen anderer Verbände zu Ben-Gvirs Flotilla-Videos geäussert. Weshalb so spät?
Wir sind in dauerndem Kontakt mit unseren Partnern in Europa – dem Zentralrat der Juden in Deutschland, dem CRIF in Frankreich, österreichischen und italienischen Freunden sowie dem Europäischen und dem Jüdischen Weltkongress. In diesem Fall haben wir uns beraten, weil wir uns normalerweise zu Ereignissen in Israel zurückhalten – aus Respekt vor der Meinungsvielfalt innerhalb unserer Gemeinschaft und weil Israelis anders betroffen sind als wir. Aber bei der Behandlung der Flotilla-Teilnehmenden war klar, dass die direkte Sicherheit nicht berührt war und das Vorgehen unnötig, schädlich und beschämend war. Das haben wir auch so formuliert. Die Konsultation hat vielleicht einen halben Tag gedauert – nicht Wochen.
An der kommenden Delegiertenversammlung bringt die ICZ-Delegation eine Resolution zu Israels neuem Todesstrafe-Gesetz ein. Weshalb haben Sie nicht im März dazu reagiert? Musste das eine Gemeinde an einer Delegiertenversammlung erst vorbringen?
Wir äussern uns punktuell dort, wo wir das Gefühl haben, es läuft nicht in die richtige Richtung. Und wir unterscheiden: Wir sind die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz, Schweizer Bürgerinnen und Bürger.Unser Ziel ist, dass jüdisches Leben hier möglich ist – ohne Diskriminierungen und ohne Sicherheitsbedenken. Es gab zum neuen Todesstrafe-Gesetz eine passive Sprachregelung, die auch verwendet wurde.
Sicherheitsbedenken mag man gut nachvollziehen, angesichts der Übergriffe der letzten Jahre auch in der Schweiz. Ist es sinnvoll, wenn Mitgliedsgemeinden Israel-Fahnen an Synagogen oder Gemeindehäuser hängen?
Persönlich finde ich es nicht immer sinnvoll, wenn jüdische Gemeinden israelische Fahnen zeigen – weil wir tatsächlich nicht dasselbe sind.
Die Koscher-Kommission IFGKL war zuletzt ein Sorgenkind. Es gab sogar Überlegungen, sie aus dem SIG auszugliedern.
Die Koscher-Zertifizierung ist nach wie vor primär Sache der Gemeinden und ihrer Rabbiner. Im Rahmen der Interessengemeinschaft für koschere Lebensmittel geht es um die Überprüfung, wie bestimmte Produkte hergestellt werden. Im Laufe der Zeit haben sich unterschiedliche Auffassungen entwickelt: Soll die Kontrolle ausschliesslich durch Besuche vor Ort erfolgen oder auch anhand von Produktzusammensetzungen und früheren Berichten? Bei Einheitsgemeinden und religiös-orthodoxen Gemeinden gab es unterschiedliche Prioritäten. Wir haben nun eine pragmatische Lösung gefunden: Es gibt zwei Wege der Überprüfung, aber eine einheitliche Berichtsmatrix. Auf dieser Grundlage können die verschiedenen Kommissionen eigenständig entscheiden. Dazu kommt eine verbesserte Führung der drei beteiligten Rabbiner durch die Geschäftsstelle des SIG. Das Centralcomité des SIG hat dem zugestimmt. Im Moment sind alle Beteiligten zufriedener. Ob das Modell wirklich so funktionieren wird, wie wir es uns erhoffen, wird die Praxis zeigen – aber der Start ist vielversprechend.