Rolf Halonbrenner 18. Sep 2026

Stoisch, nüchtern und offen

Rolf Halonbrenner setze sich über Jahrzehnte für religiöse Anliegen der jüdischen Gemeinschaft ein.

Über Jahrzehnte setzte sich Rolf Halonbrenner für die religiösen Angelegenheiten der jüdischen Gemeinschaft ein – nun ist er verstorben.

Rolf Halonbrenner, Chemiker von Beruf, war zurückhaltend, bedacht, ging auf den ersten Blick als Prototyp des grimmigen Beamten durch. Was oft Attitüde war, sollte spätestens unter dem damaligen Präsidenten des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), Rolf Bloch, eine Änderung erfahren, als er als Mitglied der Geschäftsleitung in die öffentliche politische Arena stieg. Nach der Behörde sollte er als Vertreter der orthodoxen Gemeinden Zürich im Gemeindebund wirken – eine Welt, die für seine zweite Lebensphase bestimmend wurde. Drei Jahrzehnte lang hatte er zuvor beim Wissenschaftlichen Dienst der Kantonspolizei Zürich gearbeitet, bevor er sich pensionieren liess, und wuchs sozusagen in dieses Amt hinein, das er mit Bedacht führte. Denn er wusste schon aus seiner beruflichen Erfahrung, dass sich Recht mit Vermittlung, Dialog und Augenhöhe wirksamer durchsetzen liess. Wenn er einmal Vertrauen hatte, öffnete er sich und eine eigene Ebene von Humor trat hervor, oft mit einer Prise gesunder Widerspenstigkeit.

Politische Themen
Im Sommer 2001 wurde Halonbrenner auf tragische Weise selbst Teil der jüngeren jüdischen Zeitgeschichte Zürichs: Nachdem der Rabbiner Abraham Grünbaum, ein Überlebender des Holocaust, mitten in der Stadt erschossen worden war, bat ihn die jüdische Gemeinde um Hilfe. Er sorgte dafür, dass der Leichnam gemäss jüdischem Ritual betreut und die Tahara trotz kriminalbehördlicher Auflagen durchgeführt wurde. Es war der Auftakt zu einem bis heute ungelösten Mordfall. Es folgte die Tierschutzinitiative mit einer Taskforce, die Halonbrenner erstmals mit einer öffentlichen Dynamik konfrontierte, die er so nicht gekannt hatte.

Als langjähriges Mitglied der SIG-Geschäftsleitung, von 2000 bis 2012, war er dort für die religiösen Angelegenheiten zuständig. Die bevorstehende Tierschutzinitiative forderte ihn ab 2002, gefolgt von der Debatte um ein Importverbot von koscherem Fleisch, die er als «Racheaktion» gegen jahrelange jüdische Bemühungen um eine Lockerung des Schächtverbots bezeichnete. Es war die Zeit, in der der Antrag der Liberalen Gemeinden um Aufnahme im Gemeindebund innerhalb der jüdischen Gemeinschaften heftige Debatten zeitigte, Halonbrenner sich innerhalb des SIG gegen eine solche Öffnung stellte und nach deren Ablehnung auch das Kooperationsabkommen zwischen Liberalen Gemeinden und SIG etwas misstrauisch beurteilte. 2005 bekräftigte er, mittlerweile 65-jährig, die traditionelle jüdische Haltung, wonach eine Betäubung vor dem Schächten nach der Halacha ausgeschlossen sei, und trat in die offene Debatte mit dem damaligen Ehrenpräsidenten der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) ein, der sich eine Betäubung vorstellen konnte – wohl wissend, dass im Kontext von Tierschutz und gesellschaftlichen Entwicklungen Kompromisse möglich sein sollten. Es war die Zeit, in der der radikale Tierschützer Erwin Kessler die jüdische Gemeinschaft mit antisemitischen Postillen vor sich hertrieb.

Späte Rückkehr
Halonbrenner lernte dabei, was in seiner eigenen orthodoxen Gemeinschaft bis dahin anders gesehen wurde: dass in einer demokratischen Gesellschaft Erklärungsbedarf im öffentlichen Raum besteht. Er wurde zum gefragten Gesprächspartner der Schweizer Medien, wenn es um jüdisches Leben in seinen vielfältigen Facetten ging. 2008 äusserte er sich zur Debatte um DNA-Abstammungstests, 2010 zur Krise der koscheren Hotellerie in Graubünden, als mit dem «Edelweiss» in St. Moritz und dem «Scuol Palace» zwei traditionsreiche Häuser ihre Tore schlossen. 2012 meldete er sich, unnachgiebig in Fragen des respektvollen Umgangs mit dem Sakralen, in einem Leserbrief zu Wort, um die Synagoge als Ort der Andacht zu verteidigen.

Im Jahr 2023 trat er nochmals, im hohen Alter, für ein Übergangsjahr in die damalige SIG-Geschäftsleitung ein, nachdem Ariel Wyler nach internen Auseinandersetzungen im Verband zurückgetreten war. Halonbrenner wollte damit die Vertretung der orthodoxen Gemeinden sicherstellen.

Mehr als zwei Jahrzehnte lang war Rolf Halonbrenner damit eine der Konstanten des religionspolitischen Lebens der Schweizer Juden – als Fachmann für Bestattungswesen und Schächtfragen, als Mahner in Fragen der Synagogenetikette. Oft etwas stur, vermochte er nach vertiefenden Gesprächen dennoch Wege zu finden: Er vermittelte zunächst die Anliegen der orthodoxen jüdischen Gemeinschaften, um anschliessend gemeinsam mit den Rabbinern der Gemeinden in einer säkularen und politischen Welt Lösungsansätze für Konfliktfragen zu finden.

Am letzten Schabbat ist Halonbrenner verstorben und nach Mozaei Schabbat, noch am Rosch Haschana, in Zürich beerdigt worden.

Yves Kugelmann