davos 14. Aug 2026

«Schwester, sagen Sie’s der ganzen Welt!»

Ein Werk von Julius Collen Turner zeigt französische Gendarmen und Internierte bei einem Lastwagen vor der Deportation.

Jahrzehntelang lagen 150 Bilder aus dem Internierungslager Gurs verborgen unter Elsbeth Kassers Bett – nun kehrt ihre Sammlung mit einer Ausstellung in Davos zurück in die Schweiz.

Ein Mann schneidet ein Stück Brot. Fünf andere stehen um ihn herum und beobachten genau, wie er es teilt. Es ist eine unspektakuläre Szene und gerade deshalb erzählt sie viel über das Leben im französischen Internierungslager Gurs. «Man sieht, unter welchem Stress die Menschen standen, selbst das Teilen eines Stücks Brot wurde zur existenziellen Angelegenheit», sagt Walter Schmid, Präsident der Elsbeth-Kasser-Stiftung.

Es ist eines von rund 150 Werken der Sammlung Elsbeth Kasser: Aquarelle, Zeichnungen, Fotografien und Objekte, die überwiegend von jüdischen Künstlerinnen und Künstlern geschaffen wurden, die während des Zweiten Weltkriegs in Gurs interniert waren. Sie zeigen das Leben in den Baracken, Hunger und Armut, Misshandlungen durch Wachpersonal, den Blick durch den Stacheldraht und schliesslich die Vorbereitungen auf die Deportationen in die Vernichtungslager.

Unter dem Titel «Menschlichkeit im Unfassbaren» ist die Sammlung seit Anfang August in Davos zu sehen. Die Ausstellung soll dabei bewusst mehr sein als eine historische Rückschau. Sie erinnert an Menschlichkeit, Solidarität und Zivilcourage in Zeiten von Krieg und Verfolgung und stellt die historischen Werke in einen Zusammenhang mit Antisemitismus und Diskriminierung in der Gegenwart.

Für Schmid liegt gerade darin die Aufgabe der Stiftung. Seit mehr als 30 Jahren wird die Sammlung für die Erinnerungsarbeit eingesetzt. Doch Zeitzeugen gebe es kaum mehr, die Ereignisse rückten im kollektiven Bewusstsein immer weiter zurück. Die Ausstellung wolle deshalb zeigen, «dass das zwar Geschichte ist, aber dass es diese katastrophalen Situationen, in denen Diskriminierung, Verfolgung und Antisemitismus ihre Fratze zeigen, immer wieder gibt». Elsbeth Kasser stehe zugleich dafür, dass es selbst dann möglich sei, «im Kleinen mit Zeichen der Menschlichkeit einen Gegenakzent zu setzen».

Der Engel von Gurs
Kasser wurde 1910 in Niederscherli im Kanton Bern geboren und liess sich zur Krankenschwester ausbilden. Von 1936 bis 1939 war sie während des Spanischen Bürgerkriegs im Einsatz. 1940 ging sie mit Secours Suisse nach Südfrankreich und arbeitete mit Unterbrüchen bis 1943 in Gurs. Später beteiligte sie sich an der Evakuierung von Kindern aus Konzentrationslagern. Nach dem Krieg baute sie am Zürcher Waidspital die Ergotherapie auf.

Das Lager Gurs am Fuss der Pyrenäen war ursprünglich nicht für jüdische Gefangene errichtet worden. Es entstand 1939, nachdem Hunderttausende republikanische Flüchtlinge im Spanischen Bürgerkrieg nach Frankreich geflohen waren. In kürzester Zeit wurden auf sumpfigem Gelände Baracken errichtet. Später wurden dort weitere Gruppen interniert. Im Oktober 1940 wurden Tausende Jüdinnen und Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs deportiert. Schmid verweist darauf, dass die Geschichte des Lagers deshalb über die Geschichte der Schoah hinausreicht: Spanische Republikaner, jüdische Deportierte und als vermeintlich feindliche Ausländer internierte Deutsche und Österreicher gehörten zu den unterschiedlichen Gruppen, die dort festgehalten wurden.

Kasser bestand darauf, selbst im Lager zu wohnen und so den Alltag der Internierten unmittelbar mitzuerleben. In einer Baracke baute sie die sogenannte Schweizer Hütte auf. Dort gab es zusätzliche Nahrung und Unterricht für Kinder, aber auch Musik, Theater und andere kulturelle Aktivitäten. Mithilfe von Internierten legte Kasser sogar einen Gemüse- und Blumengarten an und organisierte ein altes Klavier. Inmitten von Elend und Willkür entstand ein kleiner Raum von Normalität. Für diesen Einsatz erhielt sie den Beinamen «Engel von Gurs».

Die Grenzen des Helfens
Dabei geriet Kasser auch in Konflikt mit Schweizer Stellen. Ihre Hilfe sei teilweise als Verstoss gegen die Neutralität betrachtet worden, erzählt Schmid. Gerade beim Roten Kreuz seien Helferinnen deshalb teilweise entlassen worden. Kasser selbst traf dieses Schicksal zwar nicht, doch «sie hatte ihr Leben lang ein ambivalentes Verhältnis zum Roten Kreuz», sagt Schmid. Auch an der Schweizer Grenze bekam sie Schwierigkeiten: «Sie wurde sogar verhaftet und verbrachte ein paar Nächte im Gefängnis, weil man ihr Wirken sehr suspekt fand.»

Besonders belastend war für Kasser jedoch die Erfahrung ihrer eigenen Ohnmacht. Schmid beschreibt eine Situation, die sie tief traumatisierte: Gelang es ihr, einen Menschen vor der Deportation zu bewahren und von einer Liste streichen zu lassen, wurde stattdessen ein anderer genommen, weil die vorgegebene Zahl erfüllt werden musste. «Dieses Gefühl: Wenn sie jemandem hilft, ist einfach der Nächste dran und sie kann gar nichts machen, um das zu ändern – diese Ohnmacht hat sie menschlich an ihre Grenzen gebracht.» Kasser war damals erst Ende zwanzig.

Bilder aus der Schachtel
Unter den nach Gurs Deportierten waren zahlreiche Künstler und Intellektuelle, darunter Maler, Musiker und Theaterleute. Trotz der katastrophalen Bedingungen entwickelte sich im Lager ein bescheidenes kulturelles Leben mit Konzerten, Lesungen und sogar Kabarett. Es wurde auch gezeichnet und gemalt. Kunst bot dabei einigen die Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen; manche Motive wurden deshalb mehrfach angefertigt, erzählt Schmid. Kasser kam mit vielen dieser Künstler in Kontakt. Manche Werke wurden ihr geschenkt, andere kaufte sie den Internierten ab.

Die Bilder in die Schweiz zu bringen, war jedoch nicht einfach. Freunde aus diplomatischen Kreisen schmuggelten sie über diplomatische Kuriere ins Land. Danach blieben sie jahrzehntelang verborgen. «Sie hatte die Bilder 40 Jahre lang in einer Schachtel unter ihrem Bett», sagt Schmid. Kasser sei zwar eine «sehr eindrückliche Frau» gewesen, «aber gleichzeitig war sie kein Fels». Die Erlebnisse in Gurs und vor allem die Deportationen hätten sie schwer traumatisiert; jahrzehntelang sprach sie kaum darüber.

Erst gegen Ende ihres Lebens öffnete sie sich. Kasser nahm die Schachtel im Zug zu Freunden nach Dänemark mit, wo ein Museumskurator auf die Bilder aufmerksam wurde und half, daraus eine Sammlung zu machen. 1989 wurden Werke erstmals in Viborg gezeigt, später folgten Ausstellungen in Deutschland und der Schweiz.

Für Kasser bedeutete die späte Öffentlichkeit auch die Erfüllung eines lange verdrängten Auftrags. Schmid erinnert an einen Satz, den sie immer wieder erzählte. Bei einer Deportation habe ihr ein Flüchtling zugerufen: «Schwester, sagen Sie der ganzen Welt, was hier geschieht!» Mehr als 40 Jahre dauerte es, bis sie darüber sprechen konnte. Dann aber habe sie genau das tun wollen.

Ein unerwartetes Erbe
Dass Walter Schmid heute Präsident der Stiftung ist, geht auf eine ungewöhnliche Begegnung zurück. Er war damals Zentralsekretär der Schweizerischen Flüchtlingshilfe, als Kasser bei ihm auftauchte. Sie wollte, dass ihre Sammlung dauerhaft in die Schweiz zurückkehrte und gesichert wurde. Schmid erklärte ihr zunächst, er habe mit Kunst nichts zu tun. «Ich schickte sie wieder weg», erinnert er sich.

Ein Jahr später stand Kasser erneut vor ihm. Schliesslich setzte sie ihn testamentarisch dafür ein, für die Bilder zu sorgen, und hinterliess dafür auch finanzielle Mittel. Kurz darauf starb sie 1992. «Die Bilder waren noch in Dänemark, aber ich stand plötzlich da mit diesem Auftrag.» Seit mehr als 30 Jahren nimmt Schmid ihn nun wahr. Die Elsbeth-Kasser-Stiftung wurde 1994 gegründet; seit 2007 befindet sich die Sammlung als Dauerleihgabe im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich.

In den vergangenen Jahren waren die Werke vor allem im Ausland zu sehen. Nach einer Ausstellung im französischen Pau entstand besonderes Interesse in Spanien, denn Gurs gehört auch zur Geschichte der spanischen Republikaner. Ausstellungen folgten in Saragossa, San Sebastián und Pamplona, wo die Werke aus Kassers Sammlung jeweils mit der lokalen Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs verbunden wurden.

Erinnerungsarbeit in Davos
Dass die Sammlung nun ausgerechnet in Davos erstmals seit vielen Jahren wieder in der Schweiz gezeigt wird, ist kein Zufall. Schmid bezeichnet den Ort zur Zeit des Nationalsozialismus als «Hotspot der Nazis». Davos habe begonnen, sich mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen; zugleich sorgten antisemitische Vorfälle auch in jüngerer Zeit für Schlagzeilen. Die historische Aufarbeitung sei zwar Sache von Gemeinde, Behörden und Wissenschaft. «Aber wir möchten mit der Wahl dieses Standorts zeigen, dass Davos sich mit diesen Fragen auseinandersetzt, und wir wollen einen Beitrag dazu leisten.»

Für Schmid, selbst Davoser Bürger, erhält die Ausstellung angesichts des wachsenden Antisemitismus zusätzliche Aktualität. «Es ist fast eine Pflicht, dass wir uns damit auseinandersetzen.» Die Umsetzung war allerdings schwierig: Lange fehlten geeignete Räume. Schliesslich fand die Ausstellung im katholischen Pfarreizentrum ein Zuhause. Kirchen, Kulturinstitutionen und Interessengemeinschaften beteiligen sich am Rahmenprogramm, Freiwillige betreuen die Ausstellung. «Das war ein schönes Zeichen der Resonanz», sagt Schmid.

Bewusst schlägt auch das Rahmenprogramm die Brücke zur Gegenwart. Beim Podium «Antisemitismus und Diskriminierung damals und heute» diskutieren unter anderem SIG-Generalsekretär Jonathan Kreutner, Nationalrat Jon Pult und Landammann Philipp Wilhelm. Für die Stiftung sei wichtig, dass Erinnerungsarbeit nicht allein eine private Aufgabe bleibe, sondern auch Behörden Stellung beziehen.

Davos soll dabei nur der Anfang sein. Schmid möchte die Sammlung künftig auch an anderen Orten in der Schweiz zeigen. Damit soll Kassers Vermächtnis weitergetragen werden und mit ihm jene Botschaft, die ein Deportierter ihr einst mitgab: der Welt zu erzählen, was in Gurs geschah.

Bis Donnerstag, 17. September, werktags 9 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr, Katholisches Pfarreizentrum, Obere Strasse 33, Davos Platz.
www.elsbeth-kasser.ch

 

Emily Langloh