geschichte 26. Jun 2026

Kibbuz in den Schweizer Alpen

Bei Flims im Kanton Graubünden wurde das Kibbuz Hanoar errichtet. Das Programm vom August 1933 zeigt den Tagesablauf der jungen Zionistinnen und Zionisten.

Ein vergessenes Büchlein aus dem Jahr 1933 erzählt von dem Kibbuz Hanoar – dem ersten zionistischen Zeltlager in den Schweizer Alpen.

Am 18. Juli 1933 wurde in den Bündner Alpen in der Schweiz eine «zionistische Jugendrepublik» gegründet. Die Jugendbewegung Brith Habonim nutzte gemeinsam mit anderen zionistischen Jugendbewegungen aus Deutschland und Frankreich die Sommerferien, um den Kibbuz Hanoar, das «erste zionistische Zeltlager in der Schweiz», zu errichten. In diesem Sommerlager für junge Zionistinnen und Zionisten bei Flims im Kanton Graubünden sollte das Ideal des palästinensischen Kibbuz verwirklicht werden.

Hier sollten «fröhliche Tätigkeit und ernste Arbeit» gemeinsam mit «Spielen und Sport, Wandern, Musizieren und Feiern» die jungen Menschen zu einer glücklichen und bewussten Gemeinschaft zusammenführen. Auch die Ideale der Schweizer Republik wurden berücksichtigt. Im Kibbuz Hanoar «hatten Jung und Alt die gleichen Rechte und waren zum gleichen persönlichen Einsatz verpflichtet. Ordnung nach freiwillig geschaffenen Gesetzen und Selbstdisziplin waren die Fundamente.»

Vorbereitung auf Palästina
In der ICZ-Bibliothek befindet sich ein einzigartiges Exemplar des seltenen Büchleins aus dem Jahr 1933, in dem die Idee hinter dieser Initiative zusammengefasst wird. Begleitet von schönen, naiven Zeichnungen, vermittelt es den Zeitgeist der jungen Schweizer und europäischen Jüdinnen und Juden in einer sehr kritischen Zeit. Schon die zweisprachige Karte des Lagers, die absichtlich ein wenig der Karte Palästinas ähnelt, zeigt, dass dieses Sommerlager anders war als alle anderen. Es gab Zelte für mehr als hundert junge «Chawerim» («Mitglieder») ein grosses Gemeinschaftszelt, ein Büro für die Leitung, eine Lagerbibliothek und eine Küche. In der Mitte wehte die israelische Flagge – 15 Jahre vor der Gründung des Staates Israel. Zu sehen sind auch Wachzelte, die in der Schweiz vielleicht nicht so notwendig waren, die die Jugendlichen aber auf ein weniger sicheres Leben in Palästina vorbereiten sollten.

Das beispielhaft angeführte Tagesprogramm vom 2. August 1933 zeigt den Tagesablauf der jungen Zionistinnen und Zionisten. Nach dem Wecken um 6.30 Uhr folgte eine zehnminütige «Hitamlut» («Übung»). Nach dem Frühstück gab es bereits eine Stunde Ivrit. Die hebräische Sprache spielte im Lager eine sehr wichtige Rolle, weshalb ein grosser Teil des Tages dem Erlernen dieser Sprache gewidmet war. Um 11 Uhr wurde die stets aktuelle «Araberfrage» diskutiert und um 16.45 Uhr fand ein Kurs in «Esrah rischonah» («Erste Hilfe») statt. Der Tag endete mit einem Lagerfeuer und einem «Neschef» («Abschlussball»).

Harte Arbeit und Spass
Am eindrücklichsten sind wohl die Berichte der Jugendlichen, die in diesem Büchlein vorgestellt werden. Sie berichten über ihre Erlebnisse im Lager, wie es Jugendliche eben tun. Dabei ist die stets mitschwingende zionistische Haltung sowie die Sorge, um die Situation der Juden in Europa jedoch nicht zu übersehen. Das Sommerlager sollte vor allem das Leben in Palästina simulieren und auf die Alija vorbereiten. Es ging also nicht nur um Spiel und Spass, sondern auch um harte Arbeit. Ein Beispiel sind die Worte der jungen Eva W. aus Zürich, die ihren Beitrag mit «Es ist nicht leicht» überschrieben hat. «Bis jetzt ging ich in die Sommerfrische, um mich zu erholen, alles Anstrengende wegzuwerfen, Bergtouren zu machen und sonstigen Vergnügungen nachzugehen. (...) Wir leben hier bei körperlicher Arbeit, die uns von Haus aus fremd ist, in den Schweizer Bergen, aber die Arbeit, die wir leisten, gilt Palästina.»

Ein etwas unbeschwerterer und lustigerer Bericht erreicht uns von Eli und Sari aus Zürich. In sehr kindlicher Sprache schildern sie, wie es war, als sie zum ersten Mal zur Nachtwache eingeteilt wurden. «Am Haupttor sassen wir nun, halb schlafend, halb pflichtbewusst nach einem Thema suchend, das immer begann mit ‹Du hör mal, Du – Du – hörst du nicht?› ‹Hm?› – ‹Weist Du – so hör doch, Mensch, schlaf doch nicht ein!› – ‹Nein, was willst Du denn? Hääää?› – ‹Ach nix, – oi wai – eine Viertelstunde vorbei, wir müssen schon wieder eine Patrouille machen!›»

Ein trauriges Ende
Elischewa, ein junges Mädchen aus Frankfurt, schildert ein eindrucksvolles Erlebnis. Der jüdische Trauertag Tischa Beaw fiel mitten in den Kibbuz – und sie schrieb über ihre Erfahrungen in diesem Zusammenhang. Ihre Worte erhalten besondere Bedeutung, wenn man weiss, dass sie ein jüdisches Mädchen im Deutschland der 1930er Jahre war. «Jeden Morgen ziehen wir unsere Fahne auf. Aber heute auf Halbmast, heute trauern wir. Einer von uns tritt in den Kreis. Er spricht. Er sagt das, was wir schon unklar fühlten. Aber jetzt wissen wir es klarer. Wir wissen, was unsere Trauer ist und was wir wollen. Unsere Trauer stellt Forderungen an uns. Wir wollen nicht trauern um das, was wir verloren haben. Wir sollen es wiedererwerben. Wir müssen es wiedererwerben durch Selbstarbeit, durch Chaluziuth.»

Kibbuz Hanoar war ein grosser Erfolg und wurde noch fünfmal in der Schweiz wiederholt, bis die Situation der Juden in Europa dies verhinderte. Im Jahr 1937 fand er zum letzten Mal in Amden am Walensee statt, allerdings nur noch für Jugendliche aus der Schweiz. Viele Jugendliche aus anderen europäischen Ländern sollten sich tragischerweise in einer ganz anderen Art von Lager wiederfinden.

Oded Fluss