Die jüdische Gemeinschaft Lausanne fertigte eine Sefer Thora an, um einer Familie zu helfen, den Verlust ihrer jungen Tochter zu bewältigen.
Die jüdische Tradition lehrt: Jeder jüdische Mann ist dazu aufgerufen, im Laufe seines Lebens eine Thora zu schreiben. Die Umstände dieser Mizwa können variieren, und in der Praxis erfüllen nur wenige diese Aufgabe, die von grosser Noblesse und Feierlichkeit geprägt ist. Manchmal veranlassen aussergewöhnliche Umstände Menschen und Familien dazu, diesen grossen Schritt zu tun. Simon Bismuth, der in der jüdischen Gemeinde der Westschweiz bekannte Jugendleiter der Israelitischen Gemeinde von Lausanne und des Kantons Waadt (CILV), und seine Frau Eva verloren vor 15 Monaten ihre zweieinhalbjährige Tochter Tsofia. Seitdem begleitet ein unerträglicher Schmerz das Paar und ihre beiden kleinen Söhne Matan und Ezra und wird sie sicher noch viele Tage und Monate weiter begleiten. Können Eltern sich wirklich von einem solchen Schicksalsschlag erholen? Neben ihrer Familie und ihren Freunden wird der Schmerz der Familie auch von der gesamten jüdischen Gemeinde weit über Lausanne hinaus tief empfunden.
Aber Simon und Eva, die tief vom jüdischen Glauben und den jüdischen Werten geprägt sind, haben entschieden, ihre überwältigende Trauer durch Taten zum Ausdruck zu bringen. Auf dem Rückweg vom Friedhof, kurz nach der Beerdigung ihrer Tochter, kam ihnen die Idee, eine Thora zu schreiben, die ihrem verlorenen Schatz gewidmet ist. Durch eine Spendenaktion wurden alle Mitglieder der Gemeinde und ihre Freunde aufgerufen, sich zu mobilisieren, um dieses ehrgeizige und edle Vorhaben zu verwirklichen.
Baum des Lebens
Letzte Woche versammelten sich 350 Kinder, Eltern, Jugendliche und ältere Gemeindemitglieder in voller Gemeinschaft in der Synagoge, die selten so voll war, um die neue Thora zu empfangen. Wie es die Tradition will, schrieben Simons Familie und ihre Freunde die letzten Buchstaben der neuen Thora oder begleiteten deren Niederschrift, wobei sie abwechselnd den aus Israel angereisten «sofer» («Schreiber») umringten, der ein Jahr gebraucht hatte, um die 304 805 Buchstaben der fünf Bücher Mose zu transkribieren. Diese letzten Abfassungen wurden lange von Musik begleitet.
Dann folgten die Reden: «Wie Hiob, der nach dem Sturm seine gesegneten Tage sah und die folgenden Generationen erlebte, beten wir, dass dieser Schritt für die Familie eine Zeit des Wiederaufbaus und des vielfachen Segens sein möge», versicherte Rav Eliezer di Martino. Und er fuhr fort: «Diese Sefer Thora ist kein steinernes Denkmal, sondern ein Baum des Lebens. Sie wird gelesen, berührt und geküsst werden. Sie wird das Wort Gottes zum Leben erwecken. Und jedes Mal, wenn wir sie aus der heiligen Lade nehmen, werden wir sagen: ‹Tsofia Simba bat Hava ve Shimon ist da.› Sein Licht leitet weiterhin unsere Schritte. Möge der Verdienst dieser immensen Mizwa ihrer Seele unendliche Erhebung bringen und für uns alle ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes sein.»
Der Präsident der CILV, Elie Elkaim, schloss sich an und versicherte Simon und Eva, dass die Gemeinde all die Monate lang Trauer und Kummer empfunden habe. Die Thora möge ihnen helfen, auch wenn das Unverständnis angesichts des plötzlichen Todes eines so jungen Kindes niemals ganz verschwinden werde. Lionel Elkaim, ehemaliger Rabbiner von Lausanne und derzeit verantwortlich für die Israelitische Gemeinde Freiburg (Schweiz), zog eine Parallele zwischen dem Leid Josephs, geprägt von Verlust, Sklaverei und tiefer Einsamkeit fern von seinem Vater Jakob, und dem Schicksal von Simon, Eva und ihren Kindern.
Weder Freude noch Trauer
Dann folgte die Prozession mit der Thora in Simons Händen, begleitet von den Männern, die die anderen Schriftrollen aus der heiligen Lade der Synagoge von Lausanne trugen. Der Chasan Alain Blum sang mit einer diesem Ereignis angemessenen Inbrunst die Gebete, die das Herausnehmen und Zurückbringen der Thora begleiten.
Vor allem die Worte der beiden Eltern von Tsofia sind zu erwähnen. Simon versicherte der Gemeinde, «dass wir nicht Mazel tov sagen werden: Dieser Moment ist weder ein Fest der Freude noch der Trauer, sondern ein Fest der Wahrheit.» Er sprach auch offen darüber, wie schwer diese Zeit für ihn und seine Frau war. Umgeben von ihrem Mann und ihren beiden Söhnen erinnerte Eva daran, wie schwer diese Prüfung für sie und ihre Familie ist und bleibt.
Simon dankte den Mitgliedern seiner Gemeinde für die Unterstützung, die ihm und seiner Familie half, diese Prüfung zu bewältigen. Bis hin zu den Teilnehmern des Minjan oder der Chewra Kaddischa. Schliesslich betonte Nahum Frenck, der die Familie während dieser emotionalen Erschütterung begleitet hatte, die Bedeutung der Thora als Säule des Judentums. Am Ende einer mehr als dreistündigen Zeremonie wurde die Gemeinde zu einer grosszügigen «seuda» («Mahlzeit») eingeladen, die von der Familie angeboten wurde.