zürich 01. Apr 2026

Das Feuer weitergeben

Barbara Higgs holt die Schauspielhaus-Tradition in die Gegenwart.

Daniel Cohn-Bendit und Sibylle Berg treten in der Reihe «Exiltheater damals und heute» im Schauspielhaus Zürich auf – zu einer aktuellen politischen Debatte.

Das Schauspielhaus Zürich wird zum Ort einer politischen Standortbestimmung.

Ferdinand und Marianne Rieser ist es zu verdanken, dass ihr ab 1926 privat geführtes Pfauentheater für vom Nationalsozialismus verfolgte Künstlerinnen zu einer Heimat im Exil wurde. Ihr mutiges und weitsichtiges Engagement machte das Theater zu einem Ort der Zuflucht.

100 Jahre später widmet sich eine Gesprächsreihe dem Thema «Exiltheater damals und heute» und knüpft damit bewusst an die eigene Geschichte an. So schilderten am 11. März vier gefährdete Theatermacherinnen, wie und wo sie heutzutage in der Schweiz leben und arbeiten. Die Reihe wird in Kooperation mit tachles und Omanut durchgeführt und am Haus von Barbara Higgs verantwortet.

Ihr Ansatz ist klar: Geschichte soll nicht museal bleiben, sondern in die Gegenwart übersetzt werden. «In den dreissiger Jahren kamen deutschsprachige Schauspielerinnen und Schauspieler aus Nazi-Deutschland: Flüchtlinge, Exilanten, Emigranten. Die heutige Situation ist nicht vergleichbar, doch haben wir Künstler*innen und Mitarbeiter*innen verschiedenster Herkunft und aus aller Welt, die am Schauspielhaus eine Heimat gefunden haben. Wir möchten die Tradition weiterführen in ihrer heutigen Diversität», sagt Higgs. Und weiter: «Wir wollen nicht die Asche von damals anbeten, sondern das Feuer weitergeben.»

Brücken nach vorne
Solche Brücken baut das von Barbara Higgs initiierte Rahmenprogramm. Mit Daniel Cohn-Bendit wird ein Zeitzeuge zu Gast sein, dessen Biografie selbst europäische Brüche verkörpert. In seinem jüngsten Buch «Memoiren eines Vaterlandlosen» beschreibt er ein Leben zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen politischer Bewegung und institutioneller Macht. Staatenlosigkeit erscheint darin nicht nur als rechtlicher Status, sondern als Haltung – als Möglichkeit, Europa jenseits nationaler Zuschreibungen zu denken.

Sibylle Berg ergänzt diese Perspektive aus einer anderen Richtung. Als Schriftstellerin und Abgeordnete im Europäischen Parlament verbindet sie literarische Radikalität mit politischer Analyse. Ihre Texte kreisen um Entfremdung, gesellschaftliche Verwerfungen und die Fragilität moderner Identitäten. In der Gegenüberstellung mit Cohn-Bendit entsteht ein Dialog zwischen Generationen und Ausdrucksformen – politisch wie ästhetisch.

Dieses Gespräch, moderiert von Yves Kugelmann, versteht sich als bewusste Aktualisierung der Theatergeschichte. Das Schauspielhaus erscheint darin als «Seismograf der gesellschaftlichen Themen», der historische Erfahrungen mit aktuellen Konflikten verschränkt.

Das historische Fundament
Das historische Fundament ist zentral: In den 1930er und 1940er Jahren wurde das Haus unter Ferdinand Rieser und Kurt Hirschfeld zur wichtigsten Bühne für verfolgte deutschsprachige Künstler. Viele von ihnen waren staatenlos – entrechtet, vertrieben, ohne politische Zugehörigkeit. «Man muss sich vorstellen, diese Menschen waren staatenlos», heisst es programmatisch.

Gerade diese Erfahrung bildet den Ausgangspunkt für den aktuellen Abend: Staatenlosigkeit wird nicht als historisches Relikt verstanden, sondern als Gegenwartsphänomen in veränderter Form – zwischen Migration, Identitätsdebatten und geopolitischen Verschiebungen. «Das Schauspielhaus ist nicht nur ein Ort des Theaters, es ist ein historischer Resonanzraum geprägt von Migration. Das künstlerische Exil wurde zur Identität stiftenden Kraft und wirkt bis heute», sagt Higgs – und verweist damit auf eine Kontinuität, die bis in die Gegenwart reicht.

Im Kontext der Gespräche geht es genau um diese Verschiebung: Theater als Ort öffentlicher Debatte, an dem kulturelle Erinnerung und politische Gegenwart ineinandergreifen. Die Abende sind keine klassischen Podien, sondern intellektuelle Verdichtungsräume – mit Stimmen, die unterschiedliche europäische Perspektiven repräsentieren.

Die Matinee führt diese Linie konsequent weiter. Staatenlosigkeit wird hier zur Chiffre für ein Europa im Übergang: zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Zugehörigkeit und Entwurzelung. Damit kehrt das Schauspielhaus zu einem seiner historischen Kernthemen zurück – und übersetzt es in die Gegenwart.

Die Matinee mit Daniel Cohn-Bendit und Sibylle Berg findet am 19. April um 11 Uhr im Schauspielhaus Zürich statt. Tickets unter www.schauspielhaus.ch. Der Podcast mit Barbara Higgs findet sich auf www.tachles.ch.

Redaktion