Aktivisten sprechen von «dunklem Tag» für jüdische Einheit.
Ein in der Knesset vorangebrachtes Gesetz, das de facto egalitäre Gebetsformen an der Westmauer in Jerusalem verbieten würde, hat am Mittwoch eine erste parlamentarische Hürde genommen – mit der Zustimmung fast der Hälfte aller Abgeordneten.
Der Entwurf, eingebracht von dem Abgeordneten Avi Maoz (Noam-Partei), sieht vor, die volle Kontrolle über das Gebetsgeschehen an der Westmauer – dem zentralen Heiligtum des Judentums – dem orthodoxen Oberrabbinat zu übertragen und „Entweihung“ des Ortes streng zu bestrafen. Wenn das Gesetz in Kraft träte, könnten Gebetspraxen, wie sie von liberalen und nicht-orthodoxen Strömungen im Judentum üblich sind, mit bis zu sieben Jahren Haft geahndet werden.
Der Entwurf selbst nennt die Westmauer nicht explizit, sondern stärkt allgemein die Autorität des Oberrabbinats über jüdische Heiligtümer. Beobachter sehen darin ein Mittel, auch das seit Jahren umkämpfte egalitäre Gebet am sogenannten Ezrat-Israel-Platz direkt zu unterbinden.
Vertreter liberaler jüdischer Strömungen und Diaspora-Gemeinden reagierten empört: Rabbi Jacob Blumenthal, CEO der Masorti/Conservative-Bewegung, nannte die Abstimmung einen «gefährlichen Schritt gegen jüdische Einheit und religiösen Pluralismus». Frauen der Women of the Wall, die sich für gemeinschaftliche Gebete von Frauen einsetzen, sprachen von einem «schwarzen Tag für den Staat Israel».
Yizhar Hess, Vizevorsitzender der Weltzionistischen Organisation, warnte, das Parlament habe damit «Millionen von Juden weltweit gesagt, sie hätten keinen Platz an unserem heiligsten Ort» und forderte Premierminister Binyamin Netanyahu auf, gegen den Entwurf einzuschreiten.
Netanyahu hatte zuvor eine Kabinettsabstimmung über den Gesetzentwurf abgesagt – offenbar um Spannungen mit liberalen jüdischen Gemeinschaften im Ausland zu vermeiden – doch Maoz brachte den Entwurf dennoch zur parlamentarischen Lesung ein. Kritiker sehen darin die Stärke der rechts-religiösen Koalitionsparteien, die eine Ausweitung orthodoxer Kontrolle über religiöse Angelegenheiten in Israel vorantreiben.
Der Streit um den Status der Westmauer dauert bereits Jahre an. Israels Oberstes Gericht hatte erst kürzlich die Regierung aufgefordert, den seit einem Jahrzehnt geplanten Ausbau und die Verbesserung der egalitären Gebetszone voranzutreiben – ein Vorhaben, das Teil eines früheren Kompromisses («Kotel Compromise») zwischen verschiedenen jüdischen Gruppen war.
Der Entwurf muss noch weitere Lesungen durchlaufen, bevor er Gesetz werden kann; der politische und gesellschaftliche Streit um religiöse Freiheit und Vielfalt in Israel dürfte damit nicht beendet sein.