Israel könnte laut Experten langfristig auf US-Hilfe verzichten
Der israelische Ministerpräsident Binyamin Netanyahu hat mit der Aussage Aufsehen erregt, Israel wolle künftig auf amerikanische Militärhilfe verzichten. Analysten halten ein solches Szenario für die beiden Verbündeten kurzfristig jedoch für wenig wahrscheinlich.
Israel erhält derzeit gemäss einem 2016 unterzeichneten Zehnjahresabkommen 3,8 Milliarden Dollar Militärhilfe aus Washington. Netanyahu erklärte am Montag in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CBS, er wolle diesen Betrag schrittweise «auf null» reduzieren. «Ich glaube, es ist Zeit, dass wir lernen, ohne diese militärische Unterstützung auszukommen», sagte er. «Beginnen wir jetzt und setzen wir das innerhalb von zehn Jahren um.»
Seit seiner Gründung 1948 erhielt Israel laut Berechnungen des Council on Foreign Relations mehr als 300 Milliarden Dollar wirtschaftliche und militärische Hilfe aus den USA - deutlich mehr als jedes andere Land in der Nachkriegszeit. Nach dem Angriff der islamistischen Palästinenserorganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 erhielt Israel zudem zusätzliche amerikanische Unterstützung.
Neues Abkommen steht an
Die Verhandlungen über ein neues Abkommen dürften in den kommenden Monaten beginnen. Netanyahus Aussagen erfolgen zu einem Zeitpunkt, an dem in den USA sowohl unter Demokraten als auch unter Republikanern Kritik an der Unterstützung Israels laut wird.
Teile der Demokratischen Partei protestieren gegen die tödlichen Angriffe und Zerstörungen im Gazastreifen. Gleichzeitig gewinnt innerhalb der republikanischen Mehrheit von Präsident Donald Trump ein isolationistischer Kurs an Einfluss.
Laut einer im März veröffentlichten Umfrage des Pew Research Center haben inzwischen 60 Prozent der Amerikaner ein negatives Bild von Israel. Noch vor wenigen Jahren galt die Unterstützung des Landes in den USA weitgehend als selbstverständlich.
Dieses Umfeld könnte Netanyahus Ankündigung erklären. «Es ist immer besser, selbst zu entscheiden aufzuhören, als dazu gezwungen zu werden», sagte der israelische Militärhistoriker Danny Orbach der Nachrichtenagentur AFP.
Zugleich spiegle die Haltung die wachsende Sorge Israels über seine Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten wider. Der israelische Rechnungshof veröffentlichte am Dienstag einen Bericht, in dem er früheren Regierungen vorwarf, die nationale Rüstungsindustrie zu wenig gefördert und die Versorgung mit kritischen Rohstoffen nicht ausreichend gesichert zu haben.
Bestände stark geschrumpft
Zuletzt zeigten sich Schwächen in der israelischen Verteidigung: Im März liess der Luftabwehrschild zwei iranische ballistische Raketen passieren, die im Süden Israels Dutzende Verletzte verursachten. Zudem seien die Bestände der hochentwickelten Arrow-Abfangraketen laut israelischen Medien gefährlich niedrig.
Die amerikanische Hilfe macht derzeit weniger als acht Prozent des israelischen Verteidigungsbudgets 2026 aus, das auf 143 Milliarden Schekel (38, Milliarden Franken) angewachsen ist. «Es wäre nicht klug, sofort darauf zu verzichten», sagte Orbach. «Aber ein schrittweiser Ausstieg ist nicht unmöglich.»
Zu den aus den USA beschafften Waffensystemen gehören Kampfjets vom Typ Lockheed Martin F-35 Lightning II, U-Boote sowie Ersatzteile, die für den jahrzehntelangen Betrieb dieser Systeme nötig sind. Eine vollständige Loslösung von den USA gilt deshalb kurzfristig als unrealistisch.
Israel könnte jedoch flexibler werden, indem es zusätzlich bei Drittstaaten einkauft und gleichzeitig die Kernbeziehung zum Pentagon aufrechterhält.
«Mehr Freiheit»
«Wir werden wohl kaum in China oder Russland einkaufen gehen, aber warum nicht in Indien, Serbien oder Griechenland», sagte Orbach. «Man kann auf einen Teil der Hilfe verzichten, um mehr Freiheit zu gewinnen.»
Für Yaki Dayan, ehemaligen israelischen Generalkonsul in Los Angeles, profitieren auch die USA von dieser Zusammenarbeit: «Die amerikanische Rüstungsindustrie zieht grossen Nutzen daraus», insbesondere durch Erfahrungen mit dem Einsatz der Systeme im Kampfeinsatz.
Ein Verzicht auf das militärische Bündnis würde Israels Sicherheit dagegen schwächen, meint die pensionierte Oberstleutnantin Adi Bershadsky, die auf Verteidigungsfragen spezialisiert ist - insbesondere angesichts des Konflikts mit dem Iran.
«Israel ist ein sehr kleines Land, umgeben von Bedrohungen, ohne kollektives Verteidigungsbündnis wie die Nato», sagte sie. «Und wir leben in einer Region, in der leider kein Frieden in Sicht ist.»