Zwei jüdische und ein israelisches Mädchen unter den Opfern.
Die Brandkatastrophe in der Silvesternacht in Crans-Montana hat die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz tief erschüttert. Unter den 40 Todesopfern sind die Schwestern Alicia (15) und Diana Gunst (14) aus der Region Lausanne. Die beiden Mädchen stammten aus einer italienisch-jüdischen Familie, waren Mitglieder der jüdischen Gemeinde und galten als eng miteinander verbunden. Am Sonntagmorgen berichtete tachles online, dass die beiden zunächst als vermisst geltenden Schwestern identifiziert werden konnten und die tagelange Ungewissheit ihr tragisches Ende fand. In den Tagen nach dem Unglück hoffte die Familie noch, dass zumindest eines der beiden Mädchen gerettet worden sei. Alicia und Diana galten zunächst als vermisst; erst nach aufwendigen Identifizierungsarbeiten erhielten die Angehörigen die Gewissheit, dass beide den Brand nicht überlebt hatten.
Die Nachricht verbreitete sich rasch in der jüdischen Gemeinschaft der Westschweiz und darüber hinaus. Viele kannten die Familie persönlich oder über die Gemeinde. Anteilnahme kam aus der ganzen Schweiz, aus Italien und aus Israel. Besonders belastend war für Angehörige und Freunde die lange Phase der Ungewissheit, in der Hoffnung und Verzweiflung eng nebeneinanderlagen.
Ebenfalls unter den Todesopfern ist eine 15-jährige israelische Staatsbürgerin namens Charlotte, die sich über den Jahreswechsel in Crans-Montana aufgehalten hatte. In israelischen und internationalen Medien wird sie mit unterschiedlichen Namensschreibweisen geführt – Charlotte Needham beziehungsweise Charlotte Niddam –, was auf ihre zusätzlichen britischen und französischen Staatsangehörigkeiten zurückgeführt wird. Nach Angaben aus Israel wurde ihre Identität inzwischen offiziell bestätigt. An der Begleitung der Familie und an der Identifizierung waren neben den Schweizer Behörden auch Spezialisten der jüdischen Hilfsorganisation ZAKA beteiligt.
Dass sich der Unglücksort im selben Gebäudekomplex befindet wie das Gebetslokal Beit Yossef und das Lokal «Le Constellation», in dessen Keller es kurz nach Mitternacht zu Brand und Explosion kam, sorgte rasch für Vermutungen, es könnte sich um einen Anschlag handeln. Das Feuer breitete sich jedoch rasch aus, zahlreiche junge Menschen konnten sich nicht mehr rechtzeitig in Sicherheit bringen. Die Ermittlungsbehörden haben einen terroristischen Hintergrund früh ausgeschlossen; derzeit wird von einem tragischen Unfall ausgegangen. Gegen Verantwortliche des Lokals wird wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung ermittelt.
Wie tachles am Freitag berichtete, begleitete Rabbi Eliyahu Pevzner, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Lausanne, die betroffenen Familien in den Tagen nach der Katastrophe eng. Er stand in Kontakt mit Angehörigen, koordinierte gemeinsam mit der Gemeinde Unterstützung und war in die religiöse und seelsorgerische Begleitung eingebunden. In der Gemeinde wurde Raum für Gebet, Austausch und Trauer geschaffen. Die Ereignisse hätten die Gemeinschaft tief getroffen, insbesondere der Tod der beiden minderjährigen Schwestern aus Lausanne. Pevzner organisierte bereits am Donnerstag Essenslieferungen und sorgte für eine alternative Möglichkeit zur Durchführung des Minjans.
Unmittelbar nach dem Unglück mobilisierten jüdische Gemeinden und Organisationen Hilfe. Freiwillige kümmerten sich um Angehörige, unterstützten die Einsatzkräfte logistisch und standen in engem Kontakt mit Spitälern und Behörden. Insgesamt wurden über hundert Personen verletzt, viele von ihnen schwer; mehrere wurden in spezialisierte Kliniken ausserhalb des Kantons Wallis verlegt.
Am Sonntagabend teilte die Walliser Kantonspolizei mit, dass nun alle 40 Todesopfer identifiziert sind. Weitere Angaben zu den Opfern wurden aus Rücksicht auf die Familien nicht veröffentlicht. Für die Angehörigen bedeutet diese Gewissheit keinen Trost, aber das Ende einer quälenden Ungewissheit. Rund 22 Opfer stammen aus der Schweiz, acht aus Frankreich, sechs aus Italien sowie je eines aus Portugal, Belgien und der Türkei. Rund die Hälfte der Opfer war minderjährig. Inzwischen ist gegen die Betreiber der Bar eine Zivilklage erhoben worden.
In Crans-Montana, in Lausanne, in Israel und in vielen jüdischen Gemeinden wird der Opfer gedacht. Unmittelbar nach Bekanntwerden der Nachricht sind zahlreiche digitale Gedenkinitiativen entstanden. Die Beerdigung der Mädchen wird für Montag erwartet, ist jedoch noch nicht bestätigt.