Mit dem Abschuss einer Rakete auf das Nato-Land Türkei hat der Iran für Empörung und eine weitere Eskalation des Nahost-Konflikts gesorgt.
«Wir verurteilen, dass der Iran die Türkei ins Visier nimmt», teilte Nato-Sprecherin Allison Hart mit. Sie betonte, das Bündnis stehe fest an der Seite aller Alliierten und verwies auf die Unterstützung im Bereich der Luftverteidigung.
Die vom Iran abgefeuerte ballistische Rakete war von einem Nato-Abwehrsystem in der türkischen Grenzregion abgefangen worden. Ein Teil der Abwehrrakete fiel in der Grenzprovinz Hatay auf eine freie Fläche, es gab keine Verletzten. Wo die iranische Rakete hätte einschlagen sollen, wurde zunächst nicht bekannt.
Die Türkei verhält sich im Krieg gegen den Iran eigentlich neutral und hat sich lange um eine diplomatische Lösung des Konflikts bemüht. In der Türkei sind aber auch US-Soldaten stationiert. Der wichtigste Nato-Luftwaffenstützpunkt im Land ist in Incirlik in der südtürkischen Provinz Adana. Nach US-Angaben sind dort rund 1500 Militärangehörige stationiert. Der Stützpunkt gilt als wichtiges Militär-Drehkreuz in der Region.
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan versicherte der Bevölkerung, dass sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Die Türkei sei in der Lage, die Sicherheit des Landes "auf höchstem Niveau" zu gewährleisten, sagte er.
Dass der Beschuss der Türkei zum Bündnisfall und damit zu einem Eingreifen der Nato in den Konflikt führt, gilt unterdessen als nahezu ausgeschlossen. Nach Angaben aus Bündniskreisen gibt es keine Hinweise darauf, dass die Regierung in Ankara unter Berufung auf Artikel 5 des Nato-Vertrags um Beistand ersuchen will. Hinzu kommt, dass die Alliierten Spanien und Frankreich die Angriffe der USA und Israels auf den Iran als völkerrechtswidrig ansehen. Ein Eingreifen der Nato könnte nur im Konsens entschieden werden.
Entsprechend ging auch US-Verteidigungsminister Pete Hegseth zunächst nicht davon aus, dass die abgeschossene Rakete den Bündnisfall auslösen werde. Generalsekretär Mark Rutte hatte bereits Anfang der Woche in einem Interview des ARD-Studios Brüssel zur Frage nach einer möglichen Bündnisbeteiligung an dem Krieg gesagt, es gebe absolut niemanden, der glaube, dass die Nato daran beteiligt werde. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Iran auch schon einen britischen Militärstützpunkt auf der Mittelmeerinsel Zypern mit einer Drohne angegriffen.
Theoretisch könnte die Türkei wegen des Beschusses aber ein Verfahren nach Artikel 4 des Nato-Vertrags beantragen. Er sieht Beratungen vor, wenn sich ein Nato-Staat von aussen gefährdet sieht. Konkret heisst es darin: "Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist." Der Artikel wurde seit Gründung des Bündnisses 1949 neunmal in Anspruch genommen - zuletzt am 23. September 2025, nachdem drei russische Kampfjets den Luftraum Estlands verletzt hatten. Die Konsultationen sind in der Regel vor allem symbolisch als Signal an den Gegner relevant. Sie können aber auch dazu führen, dass bedrohte Staaten zusätzliche Bündnisunterstützung im Bereich Abschreckung und Verteidigung bekommen.
Die Türkei bestellte als Reaktion den iranischen Botschafter in Ankara ins Aussenministerium ein und teilte diesem die Besorgnis der Türkei mit, wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu berichtete. Zudem habe der türkische Aussenminister Hakan Fidan seinen iranischen Kollegen Abbas Araghtschi darauf hingewiesen, Schritte zu meiden, die zur Eskalation der Konflikte führen könnten. Auch die britische Regierung bestellte laut Aussenministerium den iranischen Botschafter ein. Grossbritannien hatte angekündigt, das Kriegsschiff HMS Dragon in die Region zu schicken, nachdem einer der britischen Stützpunkte auf Zypern von einer Drohne getroffen worden war.
Israels Luftwaffe bombardierte derweil laut Militärangaben in der iranischen Hauptstadt Teheran einen wichtigen militärischen Komplex. Dort seien die Hauptquartiere aller Sicherheitsorganisationen des Irans untergebracht, teilte die israelische Armee mit. Konkret handle es sich um die Hauptquartiere unter anderem der iranischen Revolutionsgarden (IRGC), des Geheimdienstes sowie der Basidsch-Milizen. Über mögliche Schäden oder Opfer berichteten die iranischen Staatsmedien nicht.
Irans Armeesprecher Abolfasl Schekartschi drohte dagegen mit Angriffen auf israelische Botschaften weltweit, falls Israel die iranische Botschaft in der libanesischen Hauptstadt Beirut attackieren sollte. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna sagte der General, in diesem Fall würden die israelischen Botschaften auf der ganzen Welt als "legitime Ziele" gelten.
Die proiranische Hizbollah-Miliz im Libanon hatte in der Nacht zu Montag begonnen, als Reaktion auf die Tötung des iranischen obersten Führers Ali Chamenei Raketen auf Israel zu schiessen. Seitdem greift auch Israels Militär in mehreren Teilen des Landes wieder regelmässig an, unter anderem auch in Vororten Beiruts.
Die US-Streitkräfte haben im Krieg mit dem Iran nach eigenen Angaben bisher mehr als 20 Schiffe angegriffen oder versenkt. In der vergangenen Nacht sei auch ein Kriegsschiff der der iranischen Revolutionsgarden hinzugekommen, teilte das zuständige US-Regionalkommando im Nahen Osten (Centcom) auf X mit. Zuvor war bekanntgeworden, dass beim Beschuss eines iranischen Kriegsschiffes im Indischen Ozean nach Angaben Sri Lankas mindestens 80 Besatzungsmitglieder getötet wurden.
Unterdessen wies Katar iranische Darstellungen zurück, wonach jüngste Raketenangriffe nicht gegen das Golfemirat gerichtet gewesen seien. Zuvor hatte der iranische Aussenminister Araghtschi laut der staatlichen Nachrichtenagentur Irna erklärt, der Iran ziele nur auf "US-Interessen in Katar". Nach katarischer Darstellung trafen die Geschosse jedoch zivile und bewohnte Gebiete. Der katarische Ministerpräsident Mohammed bin Abdulrahman Al Thani sprach von einem "eklatanten Verstoss" gegen die Souveränität des Staates Katar und gegen das Völkerrecht. Teheran versuche, Nachbarstaaten in einen Krieg hineinzuziehen, "der nicht der ihre ist". Er forderte ein sofortiges Ende der Angriffe auf Staaten der Region.