Der 95-jährige Kagan hat die Nazi-Besatzung mit seiner Familie versteckt in Südfrankreich überlebt.
Gestern Mittwoch hat das Stockholmer Nobel-Komitee die Wissenschaftler Henri Kagan und Kenso Soai mit der Auszeichnung für Chemie 2026 geehrt. Beide waren massgeblich an der Lösung eines grossen Rätsels beteiligt und erforschten die Herstellung spezifischer Molekül-Varianten oder «Spiegelbilder» – eine Entdeckung von enormer Bedeutung für die Pharma-Produktion, so das Preiskomitee.
1950 geboren, forscht Soai an der Tokyo University of Science. Der Anruf aus Stockholm überraschte ihn beim Einkaufen. An der Pressekonferenz zur Preisverleihung erklärte er telefonisch: «Dies ist der aufregendste Tag meines Lebens; ich freue mich sehr, diesen Preis mit Professor Henri Kagan zu teilen».
Der im Dezember 1930 in dem Pariser Vorort Boulogne-Billancourt geborene Kagan ist an der Université Paris-Sud in Orsay tätig. Er und seine Familie überlebten die deutsche Besatzung während des Zweiten Weltkriegs unter falschem Namen in einem Dorf in Südfrankreich. Nach dem Krieg studierte Kagan an der Sorbonne und der École nationale supérieure de chimie de Paris. Nach dem Abschluss 1954 promovierte er 1960 am Collège de France mit einer Arbeit zur Steroidchemie und Stereochemie. Danach war er wissenschaftlicher Mitarbeiter eines bedeutenden Chemikers und gründet 1968 ein Labor in Orsay.
Kagan wurde für seine bahnbrechende Arbeit vielfach ausgezeichnet. Doch 2001 blieb ihm ein Nobel verwehrt, als das Komitee seine Fachkollegen K. Barry Sharpless, Ryōji Noyori und William S. Knowles für ihre Arbeiten zu Kagans Gebiet der katalytischen asymmetrischen Synthese auszeichnete. Dagegen protestierten französische Wissenschaftler und auch der damalige Wissenschaftsminister Roger-Gérard Schwartzenberg monierte öffentlich, dass Kagan als Pionier auf diesem Gebiet hätte geehrt werden sollen.
Kagans Bedeutung blieb derweil unbestritten. So erklärte Rigoberto Hernandez als Präsident der American Chemical Society gestern: «Heutige Medikamente wären ohne diese von Kagan und Soai entwickelte Chemie überhaupt nicht möglich» (Link).