Nach heftigen kulturpolitischen Debatten um die jüngste Ausgabe der Internationale Filmfestspiele Berlin (Berlinale) hat sich Intendantin Tricia Tuttle erstmals ausführlich zu ihrer Zukunft geäussert.
Die 55-jährige US-Amerikanerin bekräftigte, sie wolle das Festival «in vollem Vertrauen und mit institutioneller Unabhängigkeit» weiterführen.
Auf die Frage, ob sie ihre Position selbst infrage gestellt habe, bestätigte Tuttle Gespräche mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. In einem Umfeld, in dem ihre Führungsrolle und die Integrität der Berlinale öffentlich angezweifelt worden seien, habe sie geprüft, ob sie unter diesen Umständen wirksam weiterarbeiten könne. Man habe auch die Möglichkeit einer einvernehmlichen Kündigung diskutiert.
Noch bevor diese Gespräche abgeschlossen gewesen seien, habe die Presse über eine mögliche Abberufung berichtet. Tuttle betonte jedoch, sie habe keine politischen Signale erhalten, dass sie ihren Posten räumen solle. Nun könnten alle Optionen mit dem Aufsichtsrat beraten werden.
Breite Unterstützung aus der deutschen und internationalen Kulturszene – darunter auch israelische Filmschaffende – habe ihr in den vergangenen Tagen Rückhalt gegeben. Die Debatte habe gezeigt, dass es um grundsätzliche Fragen kultureller Freiheit innerhalb demokratischer und rechtlicher Rahmenbedingungen gehe.
Auslöser der Diskussion war unter anderem ein Statement des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib bei der Abschlussgala. Er warf der Bundesregierung vor, Partner eines „Völkermords im Gazastreifen“ zu sein – ein Vorwurf, den Israel zurückweist.
Tuttle erklärte, Alkhatib habe sich in „stark rhetorischer und zutiefst persönlicher Weise“ geäussert. Festivals müssten Orte des offenen, respektvollen Diskurses bleiben, auch wenn Aussagen brisant seien oder Debatten auslösten. Die Moderation habe während der Gala mehrfach versucht, Perspektiven einzuordnen und emotionalen Halt zu geben.
Zugleich räumte die Intendantin ein, dass politische Debatten erneut die Filme überschattet hätten. Das sei „frustrierend“, da zahlreiche Werke eine nachhaltige Diskussion über ihre künstlerischen und politischen Qualitäten verdient hätten.
Die Berlinale agiere zwar in einem politischen Umfeld, da rund 40 Prozent des Budgets aus öffentlichen Mitteln stammten. Dennoch sei sie kein Subventionsprojekt, sondern eine öffentliche Investition in die internationale kulturelle Präsenz Deutschlands. Etwa 60 Prozent des Budgets erwirtschafte das Festival selbst; zudem generiere es einen erheblichen wirtschaftlichen Effekt.
Ihre Aufgabe bestehe darin, allen Beteiligten zuzuhören – Geldgebern, Filmschaffenden, Branche, Sponsoren und Publikum –, letztlich jedoch unabhängige Entscheidungen im rechtlichen Rahmen zu treffen.
Kulturstaatsminister Weimer hatte Reformbedarf angedeutet. Tuttle zeigte sich offen für Gespräche, sieht jedoch kein strukturelles Versagen oder grundlegendes Werteproblem. Internationale Aufmerksamkeit und Besorgnis nehme sie ernst. Der richtige Weg sei aber nicht die Einschränkung des künstlerischen Raums, sondern das selbstbewusste Zusammendenken von historischer Verantwortung und künstlerischer Pluralität.
Tuttle leitet die Berlinale seit April 2024. Zuvor war sie in leitenden Funktionen beim British Film Institute sowie beim BFI London Film Festival tätig.