Frühere Beraterin beschreibt Netanyahus Aufstieg.
Erstmals spricht Ruth Bar öffentlich über ihre Zusammenarbeit mit Binyamin Netanyahu. Die Psychologin und Strategieberaterin, mit der Netanyahu Anfang der 1990er-Jahre eine Affäre hatte, zeichnet das Bild eines Politikers, der schon damals nach medialer Dominanz strebte und sich anderen weit überlegen fühlte.
Ruth Bar gehörte mehr als drei Jahre lang zum engsten Beraterkreis Binyamin Netanyahus. 1993 wurde sie unfreiwillig bekannt, nachdem Netanyahu im israelischen Fernsehen eine aussereheliche Beziehung mit seiner Beraterin eingestanden hatte. Er wollte damit der angedrohten Veröffentlichung eines kompromittierenden Videos zuvorkommen – das offenbar gar nicht existierte. Bar selbst schwieg seither und setzte ihre Tätigkeit als Psychologin, Meinungsforscherin und Markenstrategin fort.
Nun hat sie anlässlich ihres neuen Buches «Brain Under the Influence» erstmals ein Interview gegeben. Darin beschreibt sie Netanyahu als Politiker mit einem «extremen Gefühl der Überlegenheit». Schon zu Beginn seiner Karriere habe er Rivalen, Journalisten, Militärs und Beamte verächtlich betrachtet. Gleichzeitig habe er früher als andere erkannt, dass politische Macht wesentlich über die Beherrschung der Medien und der öffentlichen Wahrnehmung gewonnen werde.
Bar und Netanyahus damaliges Team untersuchten systematisch, wie sich dessen Autorität und Charisma steigern liessen. Dokumente aus jener Zeit empfahlen emotionale Botschaften, die Betonung eines gemeinsamen «Wir», die Abwertung von Gegnern und einen Nationalismus, der radikalere nationalistische Bedürfnisse ansprechen könne, ohne als extrem wahrgenommen zu werden.
Nach Bars Einschätzung liegen hier auch die Wurzeln der heutigen sogenannten «Giftmaschine», mit der politische Gegner durch persönliche Angriffe und gezielte Gerüchte beschädigt würden. Netanyahu habe bereits damals jemanden gesucht, der «vernichtende verbale Angriffe» gegen seine Konkurrenten formulieren könne.
Seine grösste Stärke sei über Jahrzehnte der Eindruck von Führungsstärke und sicherheitspolitischer Kompetenz gewesen. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 habe diese Wahrnehmung jedoch erheblichen Schaden genommen. Selbst militärische Erfolge gegen Iran und Hisbollah hätten Netanyahu zuletzt keinen dauerhaften Aufschwung in den Umfragen verschafft, sagte Bar.