das jüdische logbuch 06. Feb 2026

Zwinglianische Aufarbeitung

Paris, Januar 2026. Aus dem Radio klingt im kleinen Café irgendwo in einer Gasse in St.- Germain-des-Prés Georges Brassens’ «Le gorille». Der Refrain klingt wie eine Sirene voller Ironie. Ein ausgebrochener Gorilla sorgt in einem Dorf für Panik und sucht sich ausgerechnet einen Richter als Opfer aus. Eine satirische Abrechnung mit Justiz, Politik und moralischer Selbstgewissheit, die in Georg Kreislers «Ganoven-Nachruf» ihr Pendant findet. Dort schildert er die Grabrede auf einen Ganoven, dessen kriminelles Leben in rührseligen Worten verklärt wird, und kulminiert in einer Würdigung, die seine Untaten nur umso deutlicher hervortreten lässt – je pathetischer der Ton, desto absurder die Rechtfertigung. Kreisler zeigt die gesellschaftliche Neigung, Täter im Nachhinein reinzuwaschen und moralische Massstäbe der Bequemlichkeit anzupassen.

Ein paar Tage zuvor zeigte das Hamburger Thalia Theater im kleinen Nachasyl mit «Exil in Hollywood» einen beeindruckenden Liederabend, der die politische Gegenwart in Liedern und Anekdoten von Bertolt Brecht und Hanns Eisler und ihrem amerikanischen Exil nach der Machtergreifung Hitlers nachzeichnet. An der Pazifikküste erzählen Musik und Texte von ihrem Leben zwischen der Arbeit am «Hollywood Liederbuch», Fremdheit, kreativer Arbeit und Erinnerungen an Europa. Aus dem «Solidaritätslied» erklingt selbstbewusst: «Vorwärts, und nicht vergessen, worin uns’re Stärke besteht!» –und prallt mit Brassens, Kreisler und so vielen anderen auf eine kleinbürgerliche Realität der Gegenwart, die sich im Zürich dieser Tage einmal mehr in der Bührle-Posse darstellt. Das Stadtzürcher Parlament hat dem Kunsthaus Zürich zusätzliche Mittel bewilligt, womit nun insgesamt 3,86 Millionen Franken für die vertiefte Provenienzforschung zur Bührle-Sammlung bereitstehen. Berechtigte Kritik mit völlig falschen Argumenten kommt von der SVP (vgl. Seite 6). Die Zürcher Steuerzahler müssen nun schon wieder tief in die Tasche greifen, nachdem bereits über 10 Millionen für Provenienzforschung und die Bezahlung von Bührles Zwangsarbeiter-Entschädigung ausgegeben wurden. Die Causa Bührle hat das Ansehen des Kunsthauses und der Kunststadt Zürich im Ausland schon lange ruiniert, weil Stadt, Kunsthausgesellschaft, Kunstmuseum und die Bührle-Stiftung das Problem seit Jahren nicht in den Griff bekommen und jüdische Verbände die falschen Provenienzzugänge noch unterstützen.

Oder wie es der Berner Troubadour Mani Matter im «Dr Esikom» auch für Zürich weise voraussah: «Kunscht isch geng es Risiko».

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann