Jerusalem, Januar 2026. Wo beginnt ein Pogrom? Es regnet, Passanten rutschen auf den glatten Steinen in der Altstadt. Ohne Sonne gleichen sich Städte im Nahen Osten und am Mittelmeer. Im Café sitzt ein jüdischer Mann. Er erzählt von den zunehmend brutalen Angriffen israelischer Siedler auf Palästinenser in der Westbank. Oder sind es schlicht jüdische Siedler? Diesmal ist es die palästinensische Beduinengemeinschaft Khillat al-Sidra nahe dem Dorf Mukhmas im besetzten Westjordanland. Ein paar Tage zuvor dringen mitten in der Nacht bewaffnete Täter in die Siedlung ein und setzen Häuser, Zelte und Infrastruktur in Brand. Auf den Bildern einer Sicherheitskamera deutet sich in der Dunkelheit der Siedlermob an. Schreie von Frauen und Kindern sind zu hören. Als israelische Sicherheitskräfte eintreffen, finden sie nur noch Schlagstöcke und verkohlte Zelte. Es ist ein Vorfall, wie er inzwischen fast täglich geschieht.
Wo beginnt ein Pogrom? Der Begriff stammt aus dem Russischen und meint Verwüstung. Er bezeichnete die mörderischen, oft tagelangen Angriffe auf jüdische Dörfer und Stadtviertel im russischen Zarenreich des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Diese Pogrome waren geprägt von Plünderungen, Vergewaltigungen, Brandstiftungen und Morden und wurden häufig von lokalen Behörden geduldet oder indirekt unterstützt. Pogrome wird es später auch in Palästina unter britischem Mandat geben, insbesondere gegen jüdische Gemeinden in den Jahren 1920, 1921 und 1929. Besonders bekannt ist das Massaker von Hebron von 1929, bei dem 67 jüdische Einwohner ermordet und Häuser geplündert wurden. Die Angriffe richteten sich gezielt gegen Zivilisten und waren von Plünderungen, Brandstiftungen und Tötungen begleitet.
Das klassische Pogrom ist eines gegen Juden gewesen. Doch die Übergriffe von extremistischen Siedlern unterscheiden sich kaum mehr davon. Während der ägyptische UNESCO-Generaldirektor Khaled El-Enany am Holocaust-Gedenktag eindringlich vor einem erneuten Zusammenbruch von Recht und Menschenwürde warnte und an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden sowie die Millionen weiteren Opfer des Terrors der Nationalsozialisten erinnerte (tachles online berichtete), dringt ein Siedler-Mob in Masafer Yatta ein. El-Enany sieht die Verbrechen der Schoah nicht nur als historisches Verbrechen, sondern als universelle Mahnung, die Würde der gesamten Menschheit zu schützen: «Wenn ganze Völker ausgelöscht werden sollen, wird nicht nur Leben zerstört – die Würde der gesamten Menschheit wird verstümmelt und herabgesetzt.»
Masafer Yatta liegt südlich von Hebron. Dutzende israelische – oder sind es einfach jüdische? – Siedler, teils begleitet von israelischen Sicherheitskräften, stürmen mehrere Dörfer, setzen Heuballen und Felder in Brand, stehlen Schafe und attackieren palästinensische Bewohner, berichten Augenzeugen und lokale Medien. Rettungsdienste und palästinensische Krankenwagen werden mit Steinen attackiert und am Einsatz gehindert, bevor sie Verwundete erreichen können. Masafer Yatta ist seit Jahrzehnten Schauplatz von Konflikten, Hausabrissen und Siedlergewalt, da grosse Teile des Gebiets von der israelischen Armee als militärische «Schiesszone» deklariert wurden und die palästinensische Präsenz unter Druck steht.
Was ist ein Pogrom? Hindert der 7. Oktober daran, offen über den Siedlerterror zu sprechen? Der US-amerikanische Schriftsteller James Whitcomb Riley formulierte 1883 in seinem Essay «The Duck Test»: «Wenn ich einen Vogel sehe, der wie eine Ente geht, wie eine Ente schwimmt und wie eine Ente quakt, dann nenne ich diesen Vogel eine Ente.» Der französische Schriftsteller Georges Bernanos folgerte: «Man muss immer sagen, was man sieht. Vor allem aber muss man immer sehen, was man sieht.» Bernanos (1888–1948), der sich in jungen Jahren im antisemitischen, nationalistischen Milieu der Action française bewegte, sich davon jedoch in den 1930er Jahren öffentlich und lossagte, gehörte seitdem zu den schärfsten moralischen Kritikern von Faschismus, Nationalsozialismus, Vichy und Judenverfolgung.
Diktatoren lassen Gewalt an der eigenen Bevölkerung zu, setzen eigene Einheiten gegen sie ein. Irans Mullahs haben in den letzten Wochen Zehntausende Iraner massakriert. In Autokratien geht das nicht anders. Doch schleichende Prozesse werden in diesen Tagen wieder sichtbar. Trump setzt Nationalgarden gegen Amerikaner ein und lässt Morde auf offener Strasse durch ICE zu. Binjamin Netanyahu redet Siedlergewalt klein und kann Israels Bevölkerung nicht schützen, wie die Aufarbeitung des 7. Oktober längst zeigt.
Was passiert also gerade vor aller Augen? Grundlegendste Menschenrechte werden verletzt, Gesetze ignoriert, Bürgerrechte verwehrt, mit Drohungen und Gewalt Politik gemacht. Die Pogrome von Siedlern sind Pogrome von Siedlern. Sie sind Pogrome, die von Israels Sicherheitskräften nicht verhindert, teils begleitet werden. In «Juden auf Wanderschaft» schreibt Joseph Roth: «Das Pogrom ist in Osteuropa kein Ausnahmezustand, sondern eine historische Einrichtung.»
Wenn die amtierende Regierung Israels das Pogrom zur Regel macht, die Vertreibung von Muslimen, Christen und bald vielleicht säkularen Juden vorantreibt, dann ist geschehen, wovor Primo Levi eindringlich gewarnt hat: «Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen.» Die Mechanismen der Geschichte gleichen sich gerade dort, wo Geschichte nicht vergleichbar ist und zur Erkenntnis führen muss, dass kein Zweck, kein Staat und keine Geschichte das suspendieren darf, was Kant das unbedingte Gesetz der Menschlichkeit nannte. – Erst Recht nicht Demokratien jeglicher Art.
Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.
das jüdische logbuch
30. Jan 2026
Pogrome gegen Beduinen?
Yves Kugelmann