das jüdische logbuch 20. Mär 2026

Sklaven in der Provence

Les Milles, März 2026. Der Kamin der alten Ziegelfabrik ist aus der Ferne sichtbar. Das ehemalige Fabrik- und Lagergebäude leuchtet in der Nachmittagssonne der Provence, wenn man vom kleinen Dorf Les Milles kommt. Gegenüber ist ein alter Viehwaggon zu sehen, der an die Deportationen erinnert. Das Lager liegt zwischen Marseille und Aix-en-Provence. Während des Zweiten Weltkriegs war es zunächst ein Internierungslager für «feindliche Ausländer», vor allem deutsche und österreichische Flüchtlinge, darunter viele jüdische Intellektuelle. Ab 1942 diente es dem Vichy-Regime als Sammel- und Deportationslager, von dem aus über 2000 Juden nach Auschwitz verschleppt wurden. Es war eine Art Theresienstadt im Westen, in dem viel Kunst, Theater und Musik von Internierten produziert wurden. Unter den in Les Milles internierten Künstlern und Intellektuellen befanden sich u. a. Max Ernst, Lion Feuchtwanger, Golo Mann und der junge Pierre Koralnik.

Der Ort ist idyllisch gelegen, der Horror wird erst in den Schrifttafeln sichtbar. Von Les Milles aus wurden zahlreiche Menschen nach Auschwitz deportiert, darunter die Künstler Felix Nussbaum und Otto Freundlich, die dort ermordet wurden. Viele wurden aus Sanary-sur-Mer deportiert, auf der Flucht vor dem drohenden Ungemach. Auch an diesem Frühlingstag ist es in den Ofengewölben triefend kalt. Öfen, die an Krematorien erinnern, wurden als Schlaforte genutzt und waren nie geheizt – in einem Lager, das 1939, schon lange vor der deutschen Besatzung, sozusagen als vorauseilender Teil der Endlösung etabliert wurde.

Ein Ort ohne Sinn. Monatelang vegetierten Häftlinge in Les Milles. Der Alltag bestand aus Warten, Enge, Unsicherheit. Die Internierten taten nichts – und retteten sich ins Kunstschaffen. An den Mauern sind Zeichnungen zu sehen. Heute ist das Lager eine Gedenk- und Bildungsstätte.

An diesem Tag sind wieder Hunderte Schülerinnen und Schüler vor Ort. Gemischte Klassen in diesem laizistischen Frankreich. Ciara aus Aix-en-Provence trägt einen Davidstern. Sie ist 14 Jahre alt, hat eine raue Stimme und stechend grüne Augen. Sie erzählt von der Familie, die teils in Rehovot lebte und nun wieder nach Frankreich zurückgekommen ist. Sie erzählt von der Émile-Zola-Schule und davon, wie Erinnerungsarbeit oder der Gaza-Krieg in den Klassen diskutiert werden. Ein Lehrer kommt dazu. Er stammt aus Marseille. Bei den Kommunalwahlen vom letzten Sonntag lieferten sich Amtsinhaber Benoît Payan und der RN-Kandidat Franck Allisio ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit jeweils rund 35 Prozent. Die Entscheidung fällt nun in der Stichwahl am 22. März – mit Signalwirkung weit über die Stadt hinaus, da ein Sieg des Rassemblement National als Durchbruch der extremen Rechten in einer der wichtigsten Metropolen Frankreichs gelten würde.

In der Grossen Synagoge von Marseille sind an diesem Tag nur wenige Menschen. Ein kleiner Minjan in einem Gebetsraum. Im Hof eine Gedenktafel an die Opfer des 7. Oktober. Ein älterer Herr nimmt Matza-Bestellungen für das kommende Pessachfest auf. Die versklavten Israeliten stellten für den Pharao Ziegel her – das waren die biblischen Zwangsarbeiten. Dehumanisiert, wie es im Lager von Les Milles für die Zeit von 1939 bis 1942 heisst. Der Pharao entzieht den Zwangsarbeitern das Stroh zur Ziegelherstellung und fordert dennoch die gleiche Produktionsmenge. Und gegenüber von Les Milles ist der Pfad der Gerechten unter den Völkern zu sehen, darunter viele Pastoren. «Au revoir les enfants» heisst es dann und alle fahren in ihre Städte zurück.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann