das jüdische logbuch 23. Jan 2026

Chaostheorie als neue Weltordnung

Amsterdam, Januar 2026. Das Museum ist geschlossen. Eine kleine Gruppe von Menschen läuft durchs leere Rijksmuseum und blickt auf die Gemälde alter Meister, die die Weltordnung des 17. Jahrhunderts aus niederländischer Perspektive kaleidoskopisch Revue passieren lassen und der Gegenwart vergewissern. Rembrandts «Nachtwache» wird gerade wieder restauriert und zeigt hinter Gerüst und Panzerglas nicht die königliche Macht, sondern eine selbstbewaffnete Bürgerwehr – Ordnung entsteht durch Stadt, Bürgertum und Institutionen, nicht durch Thron und Dynastie. Ein Trump von damals in Opposition zur Elite? In den «Syndics der Tuchmacherzunft» wird diese Ordnung als System von Kontrolle, Regeln und ökonomischer Rationalität sichtbar: Macht beruht auf Handel, Verwaltung und Vertrauen. Die grossen Seeschlachten von Willem van de Velde verlagern die Weltpolitik aufs Meer – Flotten sichern Handelswege, Konkurrenz zwischen Mächten entscheidet sich global. Oder in Asselijns «Bedrohter Schwan» erscheint der Staat selbst als verletzliches Wesen, das seine Souveränität verteidigen muss. Zusammen entsteht das Bild einer frühen globalen Ordnung: republikanisch, handelsgetrieben, institutionell organisiert und permanent umkämpft. In Abkehr zur Kirche, die der Bildersturm gebrochen hat. Die Kunst von damals macht ein Ordnungsmodell sichtbar: bürgerliche Selbstorganisation als Grundlage von Macht und Sicherheit. Genau dieses Modell trug den Aufstieg der Niederlande zur Handels- und Weltmacht. Jene Niederlande, die New York den Namen gaben.

Als George H. W. Bush im September 1990 vor dem Kongress von einer «neuen Weltordnung» sprach, lag der Kalte Krieg in den letzten Zügen. Die Berliner Mauer war gefallen, die Sowjetunion taumelte ihrem Ende entgegen, Abrüstungsverträge ersetzten atomare Drohkulissen. In Washington herrschte die Hoffnung, dass die Rivalität der Supermächte einer Ära kooperativer Sicherheit weichen könnte – mit den Vereinten Nationen als Schiedsrichter und den USA als führender, aber eingebundener Ordnungsmacht. Der damalige israelische Ministerpräsident Itzchak Shamir stand Bushs Vision einer «neuen Weltordnung» distanziert gegenüber. Er misstraute der stärkeren Rolle der Uno und lehnte internationalen Druck in der Palästinenserfrage ab. Erst unter dem Eindruck des Golfkriegs und auf Drängen Washingtons stimmte er zögerlich dem Madrider Friedensprozess zu – weniger aus Überzeugung als aus strategischer Abhängigkeit von den USA.

Über 30 Jahre später ist vom Optimismus der frühen 1990er Jahre wenig geblieben. USA, China und Russland kämpfen gegeneinander um die Weltmacht, internationale Regeln verlieren an Bindekraft, die Uno hat ihre Chance nicht genutzt, Weltpolitik zu entstaatlichen und in ein Forum der Vernunft mit internationalem Regelwerk zu bringen, das Menschen- und Völkerrecht und nicht Machtpolitik zum Ausgangspunkt nimmt. Amerika tritt nicht mehr als unumstrittener Architekt einer gemeinsamen Ordnung auf, sondern als eine Grossmacht unter mehreren, innenpolitisch polarisiert und aussenpolitisch zwischen Führungsanspruch und Rückzug schwankend. Aus der erhofften kooperativen Weltordnung ist eine fragmentierte, konfliktreiche Multipolarität geworden.

Dass Schlagzeilen schneller als die Realität nützen, nutzt keiner raffinierter und mit höherer Frequenz als US-Präsident Donald Trump, der das Chaos-Prinzip zum Primat der Politik erhebt. Gestern löst er den Russland-Ukraine-Krieg. Heute übernimmt er Grönland. Morgen organisiert er den Weltfrieden. Zwischen Absurdem und Brillantem hält er zumindest die westliche Welt mit seiner Unverbindlichkeit, Nonkonformität und Sprunghaftigkeit in Atem. Israel und der Nahe Osten werden zum Spielball einer Agenda, die darauf basiert, dass das Heft aus der Hand und in jene Trumps gegeben wird.

«Der Versuch, den Himmel auf Erden zu verwirklichen, erzeugt stets die Hölle», warnte der Philosoph Karl Popper – und meinte damit den gefährlichen Irrtum, aus Umbruch oder radikalem Neuanfang entstehe automatisch etwas Besseres. Die Geschichte bestätigt: Nach 1918 führte das Chaos nicht zu Frieden, sondern zu Faschismus und Weltkrieg; erst 1945 wurde Ordnung bewusst neu gebaut – mit Uno, Völkerrecht und Wirtschaftsregeln. 1989 folgte auf den Zusammenbruch des Ostblocks keine stabile Struktur, sondern ein langes Ringen um neue Spielregeln. Die Lehre ist nüchtern: Chaos öffnet Räume, aber Ordnung entsteht durch politische Gestaltung. Ohne Institutionen, Machtbalance und Regeln bleibt der Umbruch zerstörerisch – nicht schöpferisch, schon gar nicht demokratisch. Während in Davos 1300 CEOs an den Lippen Trumps kleben, bombardieren die Russen Kiew. 3000 Hochhäuser können nicht heizen, Hunderttausende begeben sich bei minus 14 Grad aus der Stadt.

Und da ist sie in seiner ganzen brutalen Pracht: Jan Willem Pienemans «Die Schlacht bei Waterloo» (1824). Das Bild zeigt auf riesigem Format die entscheidende Schlacht gegen Napoleon: Wellington empfängt die Nachricht vom Eintreffen der preussischen Verbündeten, der verwundete niederländische Kronprinz wird im Vordergrund weggetragen, während das Schlachtfeld im Hintergrund von Rauch, Bewegung und Kampf erfüllt ist. Chaos, Gewalt, Leid und bleibende Unsicherheit. Der blutige Weg zur liberalen Demokratie relativiert diese gleich wieder.

Inzwischen steht die Gruppe vor Adriaen van de Vennes «Fishing for Souls» (1614). Es zeigt farbenprächtig eine Welt im Umbruch, die nicht auf Versöhnung, sondern auf Konkurrenz zusteuert: An zwei Ufern stehen sich verfeindete Lager gegenüber, auf dem Fluss ringen Boote um «Seelen» – Macht, Einfluss, Deutungshoheit. Das Bild zeigt keine Geburt einer besseren Ordnung, sondern eine gespaltene Landschaft nach dem Bruch alter Gewissheiten. Es ist die malerische Entsprechung von Poppers Warnung: Aus radikalem Neuanfang entsteht nicht automatisch Fortschritt. Ordnung muss politisch geschaffen werden – sonst bleibt der Umbruch ein Dauerzustand aus Konflikt und Instabilität, wie schon die Revolutionen der letzten 300 Jahre immer wieder aufs Neue gezeigt haben. Chaos kann Geschichte in Bewegung setzen – Vernunft entscheidet, ob daraus Fortschritt wird oder Katastrophe.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann