das jüdische logbuch 16. Feb 2024

Antisemitismusjuden

Basel, Februar 2024. In der Romandie haben die antisemitischen Vorfälle um 68 Prozent zugenommen, vermeldet die Westschweizer Fachstelle CICAD (vgl. S. 6). Die Schweiz führt die Hamas nicht auf der Terrorliste. Nazisymbole sind in der Schweiz nicht verboten. Ein Manhmal für die Opfer der Schoah muss regelrecht erzwungen werden. Das Kunsthaus Zürich zelebriert den Nazi-Kollaborateur Georg Bührle. Einiges wird sich auf unausweichlichen Druck nach dem 7. Oktober ändern – aber sicher nicht aufgrund eines integren Erkenntnisprozesses. So funktioniert Politik eben oft und in der Schweiz noch mehr: «Try and Error», Opportunismus und so fort. Für nationale und internationale Empörung sorgen dann allerdings nicht die evidenten Ereignisse im Umgang der Schweiz mit Jüdinnen und Juden, sondern ein Schlittenverleiher (vgl. S. 10 und 12) oder eine Hauswartin in Arosa, die ein Schwimmbadverbot gegen jene ausspricht, die mit Kleidern schwimmen gehen. Was ist eigentlich der Massstab für Beurteilung der Evidenz von Ereignissen? Nach welchen Kriterien definiert sich das Mass im öffentlichen Raum? Was ist ein wirklicher Skandal und was wird zum falschen Skandal gemacht? Nach welchen Mechanismen wird die Empörungsskala bewirtschaftet von Akteuren in der Res Publica, was wird getriggert, geboostet und welche Rolle spielen da Journalisten bzw. jene, die im journalistischen Umfeld partizipieren und einen Pakt mit Ideologien statt dem Privileg der Pressefreiheit eingegangen sind? Wer lässt sich von Lobbyisten einlullen oder wer schaut genau hin? Antisemitismus ist eine leidige Realität. Aufklärung, der Widerstand gegen Judenhass und Antisemitismusbekämpfung sind Pflicht einer Gesellschaft. Doch zu oft macht die jüdische Gemeinschaft all dies zur eigenen prioritären Aufgabe und eigentlich im doppelten Sinne des Wortes zur Selbstaufgabe, zur regelrechten Pflicht. Antisemitismusaufklärung kann nicht zum Kleinbürgertum verkommen und sozusagen eine Art «Antisemitismusjuden» generieren. Das ist das Gegenteil von Emanzipation, von jüdischer Emanzipation im Sinne jener, die Leben und Freiheit nach eigenen und nicht fremdbestimmten Kriterien definieren. Die Definition von Jüdinnen und Juden durch die Abhängigkeit ihrer Feinde ist Lebenszeitverschwendung, Unsinn und gleichsam die Entfremdung des Kerns dessen, was Judentum ist: zum Beispiel eine gelebte, lebendige Kultur. Die Tatsache, dass die Konflikte in Bergorten rund um orthodoxe jüdische Touristen seit Jahren andauern, zeigt nicht nur ein Führungsproblem bei Behörden und jüdischen Organisationen, sondern weist auch darauf hin, dass die Causa längst zur persönlichen Sache zwischen Akteuren gemacht wurde, die in der Öffentlichkeit ausgetragen wird und nach dem Bruch unter Verantwortlichen (tachles berichtete) wie ein ungelöster Ehekonflikt vor sich hin schwelt bis zum nächsten Eklat. Leadership, Persönlichkeiten und Führung wären von allen Seiten gefragt, anstatt dass jährlich das traurige Schauspiel die jüdische Gemeinschaft tagelang mit dieser Tragikomödie konfrontiert sowie konnotiert wird und sich Funktionäre aller Seiten einen Hahnenkamp abliefern. Soweit darf es gar nicht erst kommen. Als Anfang der 1990er Jahren der Antisemitismus von Arosa bis Davos – auch damals ging es um orthodoxe jüdische Touristen – eskalierte, marschierte Sigi Feigel, Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus, auf die längst entzauberten Zauberberge und sorgte für längere Zeit für Ruhe. Das muss auch heute möglich sein – und falls nicht: dann soll Davos zur selbstgewählen judenfreien Zone und zum mahnenden Manifest dafür werden, wenn Tourismusorte Menschen diskriminieren.

Yves Kugelmann ist Chefredaktor der JM Jüdischen Medien AG.

Yves Kugelmann