Shelley Kästner 26. Jun 2026

Kampf gegen Klischees

Shelley Kästner setzt sich seit Jahren gegen antisemitische Klischees und stereotype Vorstellungen vom Jüdischsein ein.

Ob auf der Bühne, in der Forschung oder am Schreibtisch – Shelley Kästner kämpft gegen die Vereinfachung.

Mit einer Aussage nimmt Shelley Kästner (eigentlich Shely auf Hebräisch) ihre gesamte Arbeit vorweg: «Es darf keine Grenzen für das Denken geben». Ein stetiges Hinterfragen von allem, was der menschliche Geist hervorbringt, gehört zum Kern ihrer Natur. Als Kind eines jemenitisch-jüdischen Vaters und einer schweizerisch-jüdischen Mutter wuchs Shelley hauptsächlich in Zürich auf. Die erste Klasse besuchte sie in Heiden, wo sie zwischenzeitlich im jüdischen Kinderheim Wartheim untergebracht war. Als nicht religiös erzogenes Kind waren ihr die Gebete und Rituale fremd. Sie konnte zum Beispiel nicht verstehen, wenn sie zum Zvieri keine Butter aufs Brot erhielt, weil es zum Mittagessen Fleisch gegeben hatte. Paradoxerweise durfte sie später an der evangelischen Freischule die Maria im Krippenspiel nicht geben, obwohl sie zunächst dafür vorgesehen war. Die abwegige Begründung lautete, dass ein jüdisches Mädchen nicht die Mutter von Jesus spielen könne. «Oft wurde ich gefragt, woher ich käme, da ich meinem jemenitischen Vater gleiche und nicht meiner blonden schweizerisch-aschkenasischen Mutter», erzählt Shelley. «Das hat mich als Kind immer gestört, denn ich wuchs ja in der Schweiz auf und kannte gar nichts anderes.» In vielen Köpfen herrschen nach wie vor stereotype Ideen, wer oder was Jüdinnen und Juden denn seien. «Mir, als agnostischer Jüdin, wurden oft religiöse Verhaltensweisen angedichtet. Automatisch wurde angenommen, ich würde koscher essen und wolle am Schabbat weder zur Schule noch arbeiten gehen.» Diese Verwirrungen führten dazu, dass Shelley früh anfing, sich mit der Frage nach der subjektiven und objektiven jüdischen Identität auseinanderzusetzen.

Antisemitismus ad absurdum führen
Als 1997 die Vorkommnisse um das Schreddern der Dokumente bezüglich der UBS-Konten von ermordeten jüdischen Kundinnen und Kunden die Medien zu beherrschen begannen und Bundesrat Delamuraz verkündete: «Die Juden erpressen die Schweiz», fing Shelley Kästner an, die zahlreichen hasserfüllten Leserbriefe gegen die jüdische Gemeinschaft zu sammeln. Geschickt versetzte sie diese Kommentare anschliessend mit jüdischen und antisemitischen Witzen, um die Angriffe ad absurdum zu führen. Auf diese Weise entstand die szenische Lesung «Antisemitismus, oder die Lust gemein zu sein», welche in der Folge am Schauspielhaus und schweizweit an vielen Theatern aufgeführt wurde. Im Anschluss an die Aufführungen gab es jeweils ein Podiumsgespräch, das oftmals Erschreckendes zutage brachte. So berichtete eine Zuschauerin, dass sie als Kind geglaubt habe, Juden könne man an einem Pferdefuss und einem Teufelsschwanz erkennen. Eine andere meinte beseelt, sie befolge nach wie vor die Anweisung des Pfarrers, «die anderen» zu lieben wie sich selbst. Deshalb liebe sie alle Juden und Jüdinnen, obwohl sie persönlich noch keinem begegnet sei.

Shelley Kästner, die nach der Matura eine Ausbildung zur Schauspielerin absolviert hatte, führte in ihrem Vierpersonenstück Regie und spielte auch selber mit. Zu ihrer Freude erhielt das Theaterstück in der nationalen und internationalen Presse sehr viel Aufmerksamkeit. «Mein Ziel war es, die Scham auf die bösartigen Briefschreiberinnen und -schreiber zu lenken. Doch Beschämung konnte auf Dauer nicht erfolgreich sein», erinnert sich Shelley, «man muss die Herzen der Menschen gewinnen, wenn man etwas verbessern möchte». So kam es, dass sich die Schauspielerin, die an der Universität Zürich bereits auch einige Semester Germanistik und Publizistik studiert hatte, während der folgenden 16 Jahre an die Aufzeichnung von unterschiedlichsten Lebensgeschichten machte, die jede auf ihre Weise dem Jüdischsein zuzuordnen sind. Daraus entstand das Buch «Jewish Roulette – vom jüdischen Erzbischof bis zum atheistischen Orthodoxen», welches viel Überraschendes zutage fördert und aufzeigt, wie vielfältig jüdische Identität ist. Da kommt zum Beispiel der orthodoxe jüdische, über 90-jährige Schweizer Bauer zu Wort, aber auch die Genetikerin Joelle Apter, die ein kulturelles Judentum ohne Gott praktiziert, oder der schottische Christ, welcher nur durch Zufall von seiner jüdischen Herkunft erfuhr. Einige der Befragten sind prominent, wie die deutsche Journalistin und Aktivistin Lea Rosh, die ukrainische Ingeborg-Bachmann-Preisgewinnerin Katja Petrowskaja oder die Grande Dame des israelischen Theaters Orna Porat. Auch in der Geschichte über den berühmten deutschen Schriftsteller Erich Kästner, den Vater von Shelleys erstem Mann Thomas Kästner, erfährt man, dass dessen leiblicher Vater, Emil Zimmermann, Jude war. Der Buntheit jüdischer Identität sind keine Grenzen gesetzt.

Gegen die Vereinfachung
Die Geschichtensammlung ist ein Imperativ gegen die Vereinfachung: Das sind wir und das sind die anderen. Nein, wir sind alle viele und vereinen unterschiedlichste Eigenschaften und Interessen in uns. Dieses Vereinfachen von vielen Menschen gleichzeitig, das Bilden von Schemata, ist immer falsch. Diese Botschaft liegt Shelley Kästner sehr am Herzen. Die antisemitischen Vorurteile müssen dauernd korrigiert werden. Es wäre Shelley Kästner ein Anliegen, mit ihrer Sammlung unterschiedlicher Porträts in die Schulen zu gehen und mit den Kindern und Jugendlichen darüber zu sprechen. Obwohl im Buch auch Holocaust-Überlebende zu Wort kommen, ist es der Autorin wichtig, dass Jüdinnen und Juden nicht auf dieses extreme historische Ereignis reduziert werden, sondern dass die Antisemitismusdiskussion auch in die aktuelle Weltlage eingebettet und diskutiert wird.

Auch ihr jüngstes Buch zielt auf das Erkennen gefährlicher Leute und Zustände ab. Der Protagonist ist ein erfolgreicher, verführerischer Mann, der es lange schafft, seinen wahren Charakter zu verbergen. Doch seine dunklen Eigenschaften und Mängel wie Empathielosigkeit, Verachtung, Machthunger, Gier und Selbstüberhöhung manipulieren seine Mitmenschen nach und nach in Abgründe und Zerstörung. Aus der Ich-Perspektive berichtet der Protagonist, wie er seine Mitmenschen wahrnimmt und für seine Zwecke instrumentalisiert. Bewusstsein, Verantwortung und Verleugnung spielen im Umgang mit Psychopathen entscheidende Rollen, sowohl im persönlichen Leben wie in der Politik. Es sei enorm wichtig, zu erkennen, wenn man manipuliert wird. Dies sei für sie die Motivation gewesen, dieses weitere Buch zu schreiben.

Neuropsychologie und Schauspiel
Bis zu ihrem 40. Lebensjahr arbeitete Shelley als Schauspielerin in zahlreichen Theaterstücken und Filmen. 2001 kam ihr Sohn Tim zur Welt, nachdem sie kurz vorher ihr Psychologiestudium an der Universität Zürich abgeschlossen hatte. Als Neuropsychologin baute sie in der Folge an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich die erste neuropsychologische Abklärungsstelle für Jugendliche und Erwachsene auf. 23 Jahre lang untersuchte sie Ursachen von ADHS, Autismus-Spektrum-Störung, Gedächtnisprobleme, Demenz, Epilepsie, Hirntumoren und weiteren Auffälligkeiten und Störungen, die durch das Gehirn verursacht werden.

Dabei geht es um die Einschätzung sowohl von Defiziten als auch von Begabungen. Kästner sagt, Diagnosen wie ADHS und AutismusSpektrum-Störung hätten in den letzten Jahren einen Boom erlebt und würden immer öfter von Ärzten und Psychologen gestellt, die keine neuropsychologische Ausbildung haben. «Einzig eine professionelle neuropsychologische Abklärung kann aufzeigen, was jemand leistungsmässig von sich erwarten darf. Zum Beispiel ist es notwendig, zu erkennen, dass nicht jeder, der ungenügende Leistungen erbringt, ein Aufmerksamkeitsdefizit hat, das mit Ritalin behoben werden kann. Es gibt noch andere mögliche Ursachen.»

Inzwischen hat sich Shelley Kästner von der Neuropsychologie und Diagnostik ein wenig zurückgezogen, denn seit einer Weile bekommt sie wieder interessante Rollenangebote, was ihre Karriere als Schauspielerin erneut in Schwung bringt. «Das stellt mich natürlich auf», lacht Shelley Kästner fröhlich, «denn für ein Rentnerleben bin ich noch nicht bereit.»

Im Herbst 2026 werden gleich zwei internationale Produktionen Premiere haben, in denen Shelley Kästner mitgespielt hat. Zum einen in «Each of Us», einem Kinofilm mit Diane Kruger über das Konzentrationslager Ravensbrück unter der Regie von Stina Werenfels, und in der ARD-Miniserie «Die Zweiflers» unter der Regie von David Hadda.

Amsél Muheim