Als erstes Museum in der Schweiz widmet das Kunstmuseum Basel der amerikanisch-jüdischen Malerin Helen Frankenthaler eine retrospektive Werkübersicht.
Als die Schweizer Niederlassung der amerikanischen Galerie André Emmerich in Zürich 1974 erstmals in der Schweiz eine Einzelausstellung von Helen Frankenthaler (1928–2011) zeigte, hielt das «Israelitische Wochenblatt für die Schweiz» in der Ausgabe vom 21. Juni fest, man könne ihre Ausstellung «füglich als ein künstlerisches Ereignis werten.»
Das gilt jetzt erneut und erst recht für das Kunstmuseum Basel. Mit mehr als 50 Werken aus fünf Schaffensjahrzehnten erinnert es an eine Künstlerin aus den USA, die in Europa allzu lange als Frau im Schatten ihrer männlichen Berufskollegen gestanden hatte. In der gigantischen Übersicht «Moderne Kunst aus USA», die im Kunsthaus Zürich im Jahr 1955 eine Auswahl von 130 Kunstschaffenden aus den Sammlungen des Museum of Modern Art (New York) präsentierte, fehlte Helen Frankenthal, während immerhin Dorothea Lange, Helen Levit, Lisette Model, Irene Rice Pereira, Heda Sterne, Florine Stettheimer und Silvia Wald vertreten waren.
Nachdem ihr das Jewish Museum in New York schon 1960 eine Retrospektive der Gemälde gewidmet hatte, wurde sie von der New Yorker Galerie Sidney Janis 1984 in der Ausstellung «American Women Artists. Part I: 20th Century Pioneers» neben Anni Albers, Eva Hesse, Lee Krasner, Agnes Martin, Joan Mitchell, Georgia O’Keeffe, Anne Ryan und Miriam Schapiro zutreffend als Pionierin gewürdigt. Vereinzelte Werke von Helen Frankenthaler waren an der Kunstmesse Art Basel von 1972 bis 1979 zu sehen gewesen.
Im Anschluss an Gespräche von Elena Filipovic, der Direktorin des Basler Kunstmuseums, mit der Helen Frankenthaler Foundation in New York erhielt dieses Museum als Geschenk das riesengrosse Gemälde «Riverhead» von 1963. Es ist sehr charakteristisch für die von Helen Frankenthaler begründete «Soak-Stain-Technik», mit der die Künstlerin als Wegbereiterin der Farbfeldmalerei in die US-amerikanische Kunstgeschichte einging. Indem sie Farben mithilfe von Pinseln, Schabern und Schwämmen auf ausgebreitete, unbehandelte Leinwände verteilte, die sie auf den Atelierboden ausgelegt hatte, entwickelte sie ein neuartiges Verfahren. Ihren Namen leitet diese Maltechnik von den Verben soak (durchnässen) und stain (beflecken) ab, von Tätigkeiten, die auf der Leinwand zuvor unbekannte Effekte erzeugen. Dazu angeregt wurde die Künstlerin in einer 1950 in New York besuchten Ausstellung des Malers Jackson Pollock, der auf dem Boden liegende Leinwände bemalt und damit eine stark gestische Kunst geschaffen hatte.
Sich beim Malen ihrer «Soak-Stain-Technik» zu bedienen, bedeutete für die stets spontan arbeitende Künstlerin eine grosse Befreiung sowohl von den bisherigen Maltechniken als auch von festgefahrenen ästhetischen Traditionen. Sie legte Wert auf ihre Bemerkung: «Die einzige Regel lautet, dass es keine Regeln gibt. Alles ist möglich.»
Das gilt auch für die Verwendung von so ungewohnten Materialien wie Emaille, Kaffeesatz und Sand im Ölbild «August Weather» (1951).
Obschon es sich bei allen ihren Werken um abstrakte Gebilde mit häufig fliessenden Formen handelt, wecken manche Assoziationen zu Seebildern oder imaginären Landschaften.
Das mehr als drei Meter breite Acrylbild «Riverhead» erinnert mit seinen horizontalen Farbschichtungen und dunklen Blautönen an scheinbar abstrakte Aquarelle von Emil Nolde, «Maelstrom» an Wolken, «Silverpool» an Waldlichtungen.
Anregende Kulturreisen
Als jüngste von drei Töchtern kam Helen Frankenthaler am 12. Dezember 1928 in einer wohlhabenden jüdischen Familie in New York City zur Welt. Ihr Vater wirkte als Richter am New York State Supreme Court, ihre an Kunst sehr interessierte Mutter Martha Lowenstein hatte deutsch-jüdische Wurzeln. Nach dem Besuch des Bennington College in Vermont, das als eines der progressivsten Mädchen-Colleges der USA galt, reiste die dort von Paul Feeley unterrichtete Malerin mit der befreundeten Schauspielerin Gaby Rodgers 1948 erstmals nach Europa, um vor allem Museen zu besuchen. Kunstgeschichtliche Studien betrieb sie bei Meyer Schapiro an der Columbia University. Sie kamen ihr zugute, als sie in derJacques Seligmann Gallery in New York den Kunstkritiker Clement Greenberg (1909–1994) kennenlernte. Er führte den Begriff «Color Field Painting» (Farbfeldmalerei) ein, für den Mark Rothko die wohl schönsten Beispiele lieferte.
Bis 1955 war die Malerin mit Greenberg liiert und mit ihm auf ausgedehnten Reisen durch Kanada und Europa unterwegs. Kunstmuseen suchten sie in London, Paris, Madrid und Italien auf, wo sie 1954 auch mit der Galeristin und Sammlerin Peggy Guggenheim auf einer Autofahrt unterwegs waren.
Die Hochzeitsreise mit dem Künstler Robert Motherwell (1915–1991) führte das Paar 1958 nach Frankreich und Spanien, 1965 besuchten die beiden Paris, Venedig, Athen, London und weitere Metropolen.
Für ihr Schaffen bedeutsame Anregungen empfing Helen Frankenthaler sowohl von vereinzelten Kunstwerken, denen sie in europäischen Museen begegnet war, als auch von der linearen Ornamentik islamischer Kunst, die sie 1970/71 in Marokko fasziniert hatte. So durchziehen in jener Zeit fein gesponnene Linien ihre mit Acryl und Filzstift geschaffenen Bilder «Sesame» und «Hommage à H. M.», womit Henri Matisse mit seinen späten Collagen als Inspirator gemeint ist.
Verdienstvolle Galerie
Für die auch als Kunstpädagogin tätige Malerin, die 1959 an der New York University mit dem Unterricht in Zeichnen und Malerei begonnen hatte, setzte sich am erfolgreichsten die in New York gegründete André Emmerich Gallery ein. Von der ersten Einzelausstellung im Jahr 1959 bis 1991 konnte Helen Frankenthaler ihre Werke in jener Galerie 25-mal allein präsentieren. Das geschah nicht nur in den USA und in Europa, sondern auch in Australien, Asien, Mexiko und Südamerika.
Ihre Reise nach Paris und ins Elsass verband die Künstlerin 1974 mit dem Besuch ihrer Einzelausstellung in der Galerie André Emmerich in Zürich, um anschliessend in Basel das Kunstmuseum zu besichtigen. Wie sie es schon früher in Ausstellungskatalogen getan hatte, kennzeichnete sie die in Museen betrachteten Bilder mit Häkchen, gelegentlich trug sie auch Kommentare oder einzelne Adjektive ein. In der von Anita Haldemann wirkungsvoll kuratierten, auf neun Räume verteilten Retrospektive in Basel ist unter vielerlei Dokumenten ein Sammlungskatalog des Kunstmuseums Basel von 1970 mit solchen Eintragungen zu sehen.
Eine Ausstellungsansicht der Zürcher Galerie André Emmerich von 1974 mit neuen Bildern von Helen Frankenthaler – darunter das jetzt in Basel gezeigte Gemälde «April Mood» – ist im Ausstellungskatalog reproduziert (Kunstmuseum Basel/Deutscher Kunstverlag, Berlin, 96 Seiten, 140 Farbabbildungen, 28 Euro).
Abstrakte Paraphrasen
Die Auseinandersetzung mit Werken der abendländischen Kunst aus mehreren Jahrhunderten widerspiegelt sich in zahlreichen, zu verschiedenen Zeiten entstandenen Gemälden und Zeichnungen der anfänglich dem amerikanischen abstrakten Expressionismus verpflichteten Pionierin. Übernahm sie etwa aus dem Ölbild «Jeune Fille couronnée» von Marie Laurencin die von Grau und Blau dominierte Farbigkeit in ein Acrylgemälde, so reduzierte sie im Ölbild «Fabricius Bird» (1960) die Formensprache einer Distelfinkdarstellung von Carel Fabricius (1622–1654) auf ein paar wenige Farbflächen. Zu ihren Paraphrasen über Kunstwerke fremder Malerinnen und Maler bemerkte Helen Frankenthaler: «Ich glaube, jeder Künstler ist durch Kunst und alles Mögliche beeinflusst.» Dank der Gegenüberstellung ihrer Gemälde mit den inspirierenden Vorlagen, von denen etliche nur auf Kunstpostkarten auf ihren Atelierwänden hingen, lässt sich der Verwandlungsprozess in der Ausstellung und in einem Filmporträt leicht verfolgen. Originale Gemälde von André Derain (Merzbacher Kunststiftung) oder von Konrad Witz, Claude Monet und Piet Mondrian (Kunstmuseum Basel) treten so in einen spannenden Dialog mit den Paraphrasen der kunstgeschichtlich gut informierten Amerikanerin.
In ihren letzten Lebensjahren schuf sie bis 2002 nebst Druckgrafik nur noch wenige Ge-mälde. Helen Frankenthaler starb am 27. Dezember 2011 in Darien (Connecticut), wohin sie sich schon 1997 zurückgezogen hatte.
Jüdische USA-Avantgarde
Mit ihrer Retrospektive im Kunstmuseum Basel verstärkt Helen Frankenthaler das Bewusstsein, wie viele amerikanisch-jüdische Künstlerinnen und Künstler zum abstrakten Expressionismus und anderen avantgardistischen Ausrichtungen in den USA wesentlich beigetragen haben. Das gilt für Mark Rothko mit seiner Farbfeldmalerei genauso wie für die Stahlskulpturen von Richard Serra, für die Bildhauerin Louise Nevelson, die Malerinnen Eva Hesse, Shirley Jaffe und Lee Krasner oder die Maler Philip Guston, Alex Katz, Roy Lichtenstein. Die späte Bekanntschaft mit Gemälden von Shirley Jaffe (Ausstellung 2023) und von Helen Frankenthaler, wie sie mit ihren monumentalen Dimensionen für moderne US-amerikanische Kunst typisch sind, bedeutet für das inter-nationale Publikum in Basel jedenfalls einengrossen künstlerischen Gewinn.l
Helen Frankenthaler, Kunstmuseum Basel, bis 23. August 2026.