europa 08. Mai 2026

Kleine Fenster in jüdische Leben

Das Projekt «60sec.mentsh» vereint Menschen aus allen Spektren durch gefilmte Porträts und schafft Raum für offenen Dialog.

«60sec.mentsh» – dies ist der Titel einer Dokumentationsserie ultrakurzer Porträts, die tief in die Welt ihrer Protagonisten eintauchen und zu herausfordernden Fragen führen, die viel weiter reichen.

«Ich hab das erfahren, da war ich neun Jahre alt. Da hat meine meine Mutter bei der Scheidung von meinem Vater zu mir gesagt: ‹Wir lassen uns scheiden, und jüdisch biste auch noch.›» Mit diesen lapidaren Worten blickt der Berliner Andreas auf einen entscheidenden Moment in seinem Leben zurück. Der ehemalige Lifestyle-Journalist unterstützt seit zehn Jahren Geflüchtete, wurde Mitbegründer der international tätigen Organisation «Be An Angel» und für sein Engagement vielfach ausgezeichnet.

Träume und Hoffnungen
Diese Erinnerung, schnodderig formuliert und dabei mit mehr als nur einer Andeutung der Dimensionen, die dahinter liegen, ist auch der Beginn eines einminütigen Kurzporträts von Andreas. Es gehört zur Dokumentarserie «60sec.mentsh», mit der «jüdisches Leben in all seinen Facetten» dargestellt wird. Verantwortlich dafür ist der Düsseldorfer Regisseur Nico Beyer, international bekannt für Musikvideos und Werbeclips. Jede der bislang neun Episoden erzählt die Geschichte einer jüdischen Person in 60 Sekunden und streift dabei Träume, Hoffnungen, Herausforderungen.

Zu sehen sind sie auf der Website des Vereins JEWLIF- Jüdisches Leben in Europa. «Förderung und Stärkung vielfältiger jüdischer Perspektiven, die Bekämpfung von Antisemitismus und Desinformation» hat dieser sich auf die Fahne geschrieben, und dazu will man «jüdische Lebensrealitäten vermitteln und sichtbar machen». Neun Porträts sind dort zu sehen.

Entstanden ist die Idee, als Beyer Anfang letzten Jahres auf JEWLIF-Generalsekretär Andrei Kovacs traf. «Ich merkte, dass es in der Berliner Künstlerblase problematisch geworden war, jüdisch zu sein», umriss Beyer in einem Deutschlandfunk-Gespräch kürzlich die komplizierten Ausgangsbedingungen des Projekts. Als Mittel gegen diese Tendenz schlug er vor «Leute zu porträtieren, die ganz normale Europäer sind wie alle anderen auch, und z. B sagen: ‹Ich bin Rennfahrer, aber ich bin auch Jude›».

Normalität jüdischen Lebens
Unter den bislang verfügbaren Porträts trifft man auf den Pariser Musikproduzenten Philippe, bekannt von «Gotan Project», Sarah, eine Düsseldorfer Studentin, den Bühnenbildner Mikki aus Zürich oder Perry, Fan des Londoner Fussballclubs Tottenham Hotspur mit seinem sprichwörtlichen jüdischen Anhang. Menschen, wie man so sagt, ‹from all walks of Jewish life›, mit deren Porträts Beyer nicht zuletzt Normalität jüdischen Lebens darstellen möchte: die eigene Identität zu zeigen, darüber zu reden, «nicht immer eine Sonderposition» einzunehmen.

Der filmische Hintergrund Beyers ist bei 60sec.mentsh nicht zu übersehen. Kurze, prägnante Zitate der Protagonisten, abrupte und schnell folgende Schnitte, Bilder mit Symbolkraft – wie in einem Werbefilm oder Videoclip zu einem Lied, wie er es selbst beschreibt. Das Bemerkenswerte ist, wie nah der Regisseur den Porträtierten in diesen rasanten Kamerafahrten durch ihr jeweiliges Leben kommt. Selbst vergleicht er seine Arbeit mit «einem kleinen Fenster, durch das man in die Welt der jeweilgen Person steigen kann». Intensive Vorbereitung und eine intime Gesprächssituation, keine Interview-Atmosphäre, so Beyer, seien dafür verantwortlich.

Fussballclub oder Antisemitismus
Andrei Kovacs, Mitbegründer von JEWLIF und selbst ehemaliger Pianist und Dirigent, betont, dass die Ultrakurz-Porträts auch auf Sozialen Medien gängigen Formaten und der verkürzten Aufmerksamkeitsspanne heutiger Medienkonsumenten entspreche. Darüber hinaus freilich bietet die Website mit weiteren Informationen zu den Protagonisten und ihren Hintergründen vielfältige Möglichkeiten, bei Interesse mehr über diese zu erfahren – etwa über die Projekte der Flüchtlingshilfe, die der eingangs erwähnte Andreas auf die Beine stellte, die Geschichte vermeintlich jüdischer bzw. jüdisch geprägter Fussballclubs oder Antisemitismus im Berliner Nachtleben. Wie tief man eintaucht, liegt also im Ermessen der Betrachtenden.

Dank der charakteristischen Dynamik, die sich durch die gesamte Serie zieht, kommt man den Porträtierten dabei wirklich nahe. Mit der Normalität ist es dagegen so eine Sache. Die Filme lassen sich einerseits als Mosaik ansehen, das Steinchen liefert, die ansonsten oft verborgen bleiben – etwa wenn Musikproduzent Philippe über seine funky town Paris erzählt, in deren Bars und Jazzclubs sich sein tunesischer Vater und seine Amsterdamer Mutter trafen, und die ihm als künstlerischer Resonanzraum dient. Auch Luna, eine junge Londoner Djane, die von der kommunikativen Kraft der Musik schwärmt, durchbricht mit Sicherheit so manches Klischee, das in den nicht jüdischen Mehrheitsgesellschaften Europas über Jüdinnen und Juden besteht.

Schoah als Referenzrahmen
Zugleich taucht die Schoah natürlich im Referenzrahmen der Protagonisten auf. Einmal mehr fällt da der Berliner Andreas ins Auge, der sagt: «Ich kann nicht so tun, als ob meine Oma nicht existiert hat» und lamentiert: «Ihr habt weggeguckt, als die abgeholt worden sind. In deutschen Familien wird doch bis heute vom Porzellan der jüdischen Nachbarn gefressen.» Wie sich diese Referenz auf ganz anderer Ebene bis in die Gegenwart zieht, berichtet Fussballfan Perry: Anhänger der rivalisierenden Lodoner Clubs Chelsea und West Ham imitierten das Zischen von Gas, wenn diese gegen Tottenham spielten.

Der Wunsch nach Normalität zeugt also nicht nur vom Anspruch, nicht ständig auf den Holocaust reduziert zu werden. Genau hier tut sich allerdings noch eine weitere Dimension auf: Während das Nachkriegseuropa seine jüdischen Minderheiten genau so behandelte, oft genug aus jenem Mangel an persönlichem Kontakt, den auch «60sec.mentsh» im Visier hat, ignorierte man weitgehend die jahrzehntelang und bis in die Gegenwart fortdauernden Konsequenzen des Massenmords.

Zu dieser Schieflage hat sich nun ein weiterer Kristallisationspunkt gesellt, der in den Kurzporträts nur allzu präsent ist: der 7. Oktober und die Veränderungen in Gesellschaft und persönlichem Umfeld. Die Djane Luna, die einst gegen ihren jüdischen Hintergrund rebellierte, muss sich seitdem intensiv mit diesem auseinandersetzen und feiert heute gerne Pessach mit jüdischen Freunden. Der wesentlich ältere Pariser Philippe, künstlerisch in ähnlichen Gefilden unterwegs, berichtet derweil von einer Veranstaltung in Portugal, an der ein mexikanischer und ein britischer DJ eine Palästina-Flagge an ihrem Arbeitsplatz aufhingen, die er sodann ermahnte: «Dies ist nicht der Ort dafür.»

Mit-Initiator Andrei Kovacs analysiert im Gespräch mit tachles: «Gerade in Europa identifizierten wir uns als Juden nach der Schoah über unsere Vorfahren: ‹meine Grosseltern wurden auch deportiert›, natürlich spielt das eine Rolle bei der Identitätsfindung, was man als Jude in Europa eigentlich ist. Das schweisste uns zusammen. Jetzt ist da ein Paradigmenwechsel: Zeitzeugen sterben, neue Generationen, jüdische und nicht jüdische, haben eine Distanz zur Schoah entwickelt.»

Keine Stereotypen
Die Identifikation, so Kovacs, geschehe seither mehr über Israel – als Sehnsuchts- und Zufluchtsort ein Ideal. Doch genau diese Beziehung wurde nach dem 7. Oktober massiv erschüttert: durch einen grassierenden israel-bezogenen Antisemitismus, durch jene gesellschaftlichen Mehrheiten, die zwar statistisch keinen entsprechenden Stereotypen anhängen, zu den Zuständen aber schweigen, und innerjüdisch durch zahlreiche Diskussionen: über die Regierung Israels, ihr Vorgehen und das des Militärs. Dabei werde viel gestritten, so Kovacs. «Ich empfinde es als eine Art von Identitätskrise jüdischen Lebens.»

Für den Verein JEWLIF, der in Köln ansässig ist und aus der Initiative ‹1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (JLID)› von 2021 hervorging, haben die veränderten Voraussetzungen Konsequenzen: «JLID war schön, und ich hoffe, es hat viel bewirkt, aber wir mussten feststellen, dass es bei Weitem nicht ausreichend war», bilanziert Kovacs, damals als Geschäftsführer beteiligt. Insofern richtet sich JEWLIF heute auch auf Bereiche wie Bekämpfung von Desinformation, Medienkompetenz, Bildung und Wissenschaft.

Charakteristisch für den Einsatz des Vereins ist allerdings die Bewegung «Mentsh United». Begegnungen schaffen, Austausch zwischen Menschen, Teilen von Geschichten, Respekt, neue Verbindungen herstellen, das ist das Ziel. Andrei Kovacs betont: «Eine Bewegung für Menschlichkeit, im jüdischen Sinn: tikkun olam, die Welt verbessern. Es geht darum Begegnungen zu schaffen, und zwar empathische Begegnungen. Ohne Empathie ist auch die Bekämpfung von Antisemitismus nicht möglich.»

Ein Teil dieser Bewegung ist das gleichnamige Ensemble mit dreizehn Mitgliedern aus fünf Ländern, das unter Leitung des Musikers Shantel als Botschafter der Menschlichkeit durch Europa ziehen soll. In dieser Woche startet eine Tour, die am 10. Mai (Friedrichshafen) und 12. Mai (Freiburg) auch nahe der Schweizer Grenze vorbeiführt und im Sommer in Belgien und Italien haltmacht. Zweiter Bestandteil ist eben die Dokumentarserie «60sec.mentsh», die weiter ausgebaut werden und schliesslich knapp 20 Porträts enthalten soll. Letztes Wochenende waren die bisher veröffentlichten bereits beim Paul-Spiegel-Filmfestival in Düsseldorf zu sehen. Die Reaktionen, berichtet Andrei Kovacs, waren ausgesprochen positiv.

Tobias Müller