Jüdische Familien prägten über Generationen Europas Zirkuswelt – der Holocaust zerstörte diese Tradition – heute wird sie wiederentdeckt.
Salto mortale, dressierte Affen, rassige Pferde, tapsige Clowns, geschickte Jongleure und mutige Löwenbändiger gehörten zu einer klassischen Schau in der Manege, genauso wie goldbetresste Kostüme, eine Musikkapelle und der Geruch von Sägemehl. Wer an Zirkus denkt, denkt an den Schweizer National-Circus Knie, den Zirkus Busch, Zirkus Krone aus München, den Dresdener Zirkus Sarrasani, aber auch den poetischen Cirque du Soleil aus Kanada, das Zirkus-Theater Roncalli und das glamouröse Festival du Cirque in Monte Carlo. In der Schweiz prägen zudem die Zirkusse Helvetia, Harlekin, Maramber, Medrano, Monti, Olympia und Starlight die Szene. Bis weit ins 20. Jahrhundert haben viele grössere und kleinere Unternehmen, oft Familienbetriebe, Europas Zirkuswelt mitgestaltet. Darunter viele jüdische, wie die Blumenfelds aus Magdeburg oder die Gebrüder Lorch, die sogar auf einer Tournee der legendären Ringling Brothers in Amerika auftraten. Auch wurde eine jüdische Artistenfamilie, während des Zweiten Weltkrieges, durch einen deutschen Zirkusdirektor versteckt.
Von der Reitschule zur Völkerschau
Zur Römerzeit war Zirkus eine Arena für Pferde- und Wagenrennen und Gladiatorenspiele. Als Begründer des Zirkus in seiner heutigen Form gilt der Brite Philip Astley. Er eröffnete 1768 bei London eine Reitschule, in der auch Kunstreiterei gezeigt wurde. Diese Präsentationen wurden nach und nach durch Auftritte von Seiltänzern und anderen Akrobaten sowie Clowns ergänzt. 1803 baute Astley in London ein eigenes Zirkusgebäude. Den von ihm in Paris gegründeten Zirkus hatte da bereits Antonio Franconi übernommen, der durch Tourneen die europäische Zirkuskunst insgesamt prägte und dessen Söhne in Paris den Cirque Olympique zu Ruhm führten. Nach 1845 wurde der deutsche Zirkus tonangebend und blieb es über ein Jahrhundert. Ernst Rudolf Renz schuf in Berlin, Breslau, Bremen und Hamburg feste Zirkusgebäude. Das Traditionsunternehmen ist bis heute erfolgreich. Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in den USA grosse Wanderzirkusse mit gleich mehreren Bühnen. Den bekanntesten hatte Phineas Taylor Barnum gegründet, dessen Unternehmen später mit Ringling fusionierte. Barnum begann als Kaufmann und Schausteller. Seinen Durchbruch verdankte er unter anderem einer betagten Afroamerikanerin, angeblich über 150 Jahre alt und einst die Amme von George Washington, die Barnum für gutes Geld ausstellte und amüsante Anekdoten zum Besten geben liess. Das Publikum war entzückt. Man setzte die Massen nicht nur durch Kunststücke in Erstaunen, durch Zirkusse kamen die Menschen, auch in Europa, überdies erstmals mit fremden Völkern und auch mit faszinierenden exotischen Tieren in Berührung, ob Kamel oder Elefant. Hagenbecks Völkerschauen in Hamburg waren besonders populär, heute ist der Tierpark Hagenbeck einer der bekanntesten Zoos. Ab 1945 konnte sich Zirkus in Deutschland fast nur noch in Form finanzstarker Zirkus-Imperien halten. Zudem wurden zugleich die Tierbestände, traditionell eine der circensischen Attraktionen, fast überall verkleinert. Dennoch bespielte man elegante Chapiteaus und errang internationale Preise. Die Institution Zirkus blieb eine feste Grösse im Entertainment-Business Europas. Immense internationale Bedeutung erlangte ab den siebziger Jahren zudem der Moskauer Staatszirkus und dann auch sein chinesisches Pendant, welche durch die Perfektion der Darbietungen und Publikumslieblinge wie den russischen Pantomimen Oleg Popow bestachen.
Jüdische Zirkustradition
Bis zum Zweiten Weltkrieg spielten gerade jüdische Darsteller und Betreiber in der Zirkuswelt eine wichtige Rolle. Ihr Erfolg entsprang auch den eingeschränkt gewesenen beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten für Juden und ihrer grösseren Mobilität. Zirkusleute zogen als fahrendes Volk mit ihren Wagen von Ort zu Ort. Das nomadische Leben auf Achse, das sie meisterten, war entbehrungsreich, der Zuspruch des Publikums von allerlei Unwägbarkeiten abhängig, und das Geld, das die Kunstfertigkeit, Disziplin und Mut den Artisten, Clowns und Dompteuren einbrachte, hart verdient. Im Licht der Manege indes blieben solche Schattenseiten meist verborgen. Viele jüdische Protagonisten avancierten zu Stars. Allen voran Houdini. Der legendäre Entfesselungskünstler, geboren als Erik Weisz in Budapest, war sogar einer der berühmtesten Menschen seiner Zeit. Schon vor dem Ersten Weltkrieg, etwa im Berliner Zirkus Busch, als Zauberer bejubelt, entwickelte der ungarische Jude seinen berühmtesten Trick in den USA: gefesselt in Ketten und Zwangsjacke kopfüber in der Luft zu hängen – und sich zu befreien. Einen bekannten Namen in der deutschen Zirkuswelt hatten auch die beliebten Blumenfelds. Erstens war die Familie weit verzweigt, wodurch es gleich mehrere Blumenfeld-Zirkusse gab, und zweitens hielten die Blumenfelds länger als andere Zirkusfamilien an Pferdedressur und akrobatischem Kunstreiten fest. 1928 aber brach das Unternehmen in der Wirtschaftskrise zusammen, bald residierten andere Zirkusunternehmen im Gebäude, das die Familie in Magdeburg errichtet hatte. Im Januar 1945 fiel es den Bomben zum Opfer. Etliche Mitglieder der Familie Blumenfeld wurden Opfer des Holocaust. Dasselbe Schicksal widerfuhr dem Comedian Zoli Hirsch. Zoltán «Zoli» Hirsch war ein kleinwüchsiger ungarischer Jude, der als Clown und Akrobat auftrat, ein Star seiner Zunft auch er. Hirsch schrieb eine Autobiografie und gab ihr den Titel «The Great Life Of A Small Man» («Das grosse Leben eines kleinen Mannes»). Exemplare davon verkaufte er 1943 persönlich auf den Strassen von Budapest, nachdem ihn der Zirkus Fényes aufgrund der politischen Repressionen vor die Tür gesetzt hatte. Hirsch wurde verhaftet und dann ins Konzentrationslager (KZ) Auschwitz gebracht. Zur Last legte man ihm, dass er illegal Buchhandel betrieben habe und dass der gelbe Stern, den er trug, zu klein sei. Hirsch entgegnete, dessen Proportionen habe er lediglich seinen Körpermassen angepasst, so Anna Kérchy in ihrem Aufsatz «From Showbiz to Concentration Camp» («Vom Showbusiness in das Konzentrationslager»). Kérchy erzählt darin auch vom Schicksal der rumänisch-jüdischen Familie Ovitz, der sich der KZ-Arzt Mengele für seine Experimente bediente, ein interessantes Objekt, denn einige Mitglieder der Familie Ovitz waren kleinwüchsig. Wie durch ein Wunder überlebten sie das Lager in Auschwitz. Die aus Deutschland stammende Lia Schwarz, die als «Liliputanerin» Lya Graf im US-Zirkus Ringling und Barnum auftrat, wurde als 20-Jährige eine Berühmtheit, nachdem sie im Zuge einer PR-Kampagne im Juni 1933 dem Finanzmagnaten J. P. Morgan auf den Schoss geklettert war und einen Plausch mit ihm hielt. Das Foto der «kleinsten Frau der Welt» mit dem «reichsten Mann der Welt» ging um den Globus. 1935 kehrte Graf nach Deutschland zurück. Als Halbjüdin wurde auch sie nach Auschwitz deportiert, wo sich ihre Spur verlor.
Gerettet dank Zirkusengagement
Der Name Konyot zählt ebenfalls zu den grossen in der Zirkuswelt. Der aus Ungarn stammende Arthur Konyot, der eigentlich Cohn geheissen hat, wurde als einer der versiertesten Pferdetrainer und als «Weisser Reiter» berühmt. Seine Karriere umspannte 60 Jahre, von der goldenen Zeit des Zirkus in Europa bis in die späten Fünfziger in Amerika. Karriere in Europa machte hingegen Carl Strassburger. Er stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie, deren Pferdetradition bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. In den dreissiger Jahren kam es bei Gastspielen immer wieder zu Boykottaufrufen gegen den «Juden-Zirkus». Um einen Konkurs abzuwenden, verkaufte Strassburger, ging nach Belgien, nahm Teile seines Personals mit und tat sich mit einem Holländer zusammen. Der Neuanfang glückte und Strassburger stieg zum erfolgreichsten Zirkusdirektor der Niederlande auf. Eine Ausnahmerolle spielt das deutsche Direktorenpaar Althoff, welches während des «Dritten Reichs» mehreren Juden das Leben rettete. Damals führte Adolf Althoff, der junge Erbe des berühmten Zirkus, dessen Anfänge im 17. Jahrhundert liegen, das Unternehmen. Im Sommer 1941 sass bei einem Gastspiel in der Nähe von Darmstadt unter den Besucherinnen Irene Dammer, deren Mutter aus der deutsch-jüdischen Zirkusfamilie Lorsch stammte. Althoff engagierte Irene als Artistin, im Wissen um ihre jüdische Herkunft, und führte sie unter falschem Namen. 1942 konnten sich auch Irenes Mutter und Schwester in den Zirkus Althoff retten, später auch ihr Vater. Ihre Grossmutter wurde deportiert. Die Althoffs, insbesondere Maria Althoff, sorgten auch dafür, dass Irene, die einen Artisten aus der berühmten belgischen Akrobatenfamilie Storms-Bento geheiratet hatte, als Schwangere adäquate medizinische Versorgung erhielt. Im Januar 1995 erkannte Yad Vashem Adolf und Maria Althoff als «Gerechte unter den Völkern» an.
Leben im Koffer
Von dem Bruch der Zirkustradition im «Dritten Reich» hat sich die Szene, ohnehin im Wandel begriffen, über Jahrzehnte nicht erholt. Längst haben sich ausserdem neue Formen von Zirkus zu den althergebrachten gesellt. Doch einige holen ein Stück jüdischer Zirkuswelt zurück. Derzeit tourt das Ensemble von Tsirk Dobranotch durch deutsche und französische Städte. Die Gruppe, die ihre Musik auch auf Alben wie der 2024 erschienenen CD «Vander ikh mir lustik» veröffentlicht, bringt eine ganz eigene Mischung auf die Bühne: Live-Klezmer mit zeitgenössischen Beats, dazu Akrobatik, Clownerie und jiddischer Humor, ergänzt um kleine biografische Geschichten, so persönlich wie universell, all das gebettet in ein stimmiges Kostümbild und Bühnen-Setting. Da alle Mitglieder des Ensembles einen Migrationshintergrund haben, erzählt die neue Show «Tshemodan» (jiddisch «Koffer») auch von Wanderschaft und Exil und von der fast schon vergessenen Historie des jüdischen Zirkus in Europa. «Tshemodan» will inmitten des gegenwärtig vielfach von Polarisierung und Gewalt geprägten sozialen Klimas Einheit, Vielfalt und Widerstandsfähigkeit fördern. Der Titel spielt an auf die reisende Welt des Zirkus und seine (jüdischen) Protagonisten. Auch manche Geschichte wurde gleichsam in einen Koffer verstaut, verschwand und wurde erst nach langer Zeit wieder aus dem Koffer geholt, ausgepackt und wiederentdeckt. Letzteres tut auf beeindruckend vielseitige Weise die Zirkusartistin, Sängerin, Komponistin, Kunsthistorikerin und Performance-Künstlerin Eliana Pliskin Jacobs. Als Mezzosopranistin konzentriert sie sich auf barocke und jiddische Vokalmusik. Als Trapez-Akrobatin tritt sie europaweit, in Amerika und Kanada auf. Als Enkelin von Holocaust-Überlebenden befasst sie sich kunsthistorisch mit zeitgenössischer Gedenkkultur. Sie hat multidisziplinäre Projekte entwickelt, darunter die Zirkus-Produktion «Das fliegende Balagan», für die sie bereits mit Dobranotch zusammenarbeitete. Ganz im Hier und Jetzt schlägt auch das neue Projekt eine Brücke in eine untergegangene Zeit.