Gombosszeg 27. Aug 2026

Der Erzähler Europas

Péter Nádas

Der ungarische Schriftsteller Péter Nádas ist im Alter von 83 Jahren gestorben.

Péter Nádas galt als Grossmeister der weit ausgreifenden und monumentalen Erzählung. Seine auch auf Deutsch erschienenen Werke "Buch der Erinnerung", "Parallelgeschichten" und "Aufleuchtende Details" sind Epochenromane, die das europäische 20. Jahrhundert mit seinen Gräueln und Absurditäten vermessen.


Holocaust-Überlebender
Nádas wurde am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren. Den Holocaust überlebte er mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. In der Familie des Heranwachsenden war die jüdische Herkunft dennoch kein Thema. Die Eltern waren überzeugte und dann enttäuschte Kommunisten. Die Mutter erlag früh einer Krankheit, als Nádas 13 war. Drei Jahre danach verübte der Vater Suizid.
Von 1965 bis 1969 arbeitete Nádas bei diversen Zeitungen, seitdem ist er freier Schriftsteller. Seine Schreibweise fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung. Fast zwölf Jahre arbeitete er am "Buch der Erinnerung" (dt. 1991), einem Opus von 1.300 Seiten, das ihm zum Durchbruch im deutschen Sprachraum verhalf.


17 Jahre für ein Meisterwerk
Lange Schaffensprozesse kennzeichnen etliche seiner Grosswerke. 17 Jahre widmete Nádas dem Roman "Parallelgeschichten" (dt. 2012). Auf den 1700 Seiten der deutschen Fassung verwebt er scheinbar zusammenhanglos Personen, Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Minutiös seziert der Autor die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen.
Holocaust und stalinistischer Terror kommen darin nicht direkt vor. "Aufleuchtende Details" (dt. 2017), ein weiteres Monumentalwerk von fast 1300 Seiten, handelt wiederum genau von dieser Zeit und ergänzt somit die "Parallelgeschichten".


Jahrzehnte im ländlichen Refugium
Nádas lebte seit 1984 zurückgezogen in Gombosszeg, einem winzigen Dorf an den malerischen Hängen des Göcsej-Hügellandes im Südwesten Ungarns. Zusammen mit seiner Ehefrau Magda Salamon bewohnte er ein traditionelles Bauernhaus, das aus Lehm und Holz errichtet wurde. In den letzten Jahren wurde er mehrfach als chancenreicher Anwärter auf den Literaturnobelpreis gehandelt. Im vorigen Jahr gewann ihn aber sein Landsmann László Krasznahorkai.

Redaktion