LONDON 29. Mai 2026

Alle Juden in Israel?

Viele Juden verspüren heute den sogenannten «Käfig-Effekt»: Sie möchten ihre Heimatländer verlassen, wissen jedoch nicht, wohin.

Laut einer neuen Prognose könnte die Mehrheit aller Juden weltweit in weniger als einem Jahrzehnt in Israel leben.

In weniger als einem Jahrzehnt wird die Mehrheit der Juden weltweit in Israel leben, so ein Bericht, welcher letzte Woche vom Londoner Institute for Jewish Policy Research veröffentlicht wurde. Derzeit machen israelische Juden 46 Prozent der weltweiten jüdischen Bevölkerung aus. «Bei den derzeitigen unterschiedlichen demografischen Wachstumsraten könnte die symbolträchtige 50-Prozent-Marke bereits 2035 überschritten werden», prognostiziert der Bericht mit dem Titel «Das jüdische Volk im Jahr 2126: Demografie, Identität und die Zukunft einer globalen Minderheit».

Grosser Zuwachs für Orthodoxe
Der Bericht wurde von Sergio DellaPergola verfasst, welcher Präsident der Abteilung für europäische jüdische Demografie des Institute for Jewish Policy Research ist und als Experte für jüdische Demografie gilt.

DellaPergola prognostiziert, dass bei den derzeitigen Geburtenraten die ultraorthodoxen Juden, die derzeit etwa 15 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Israel ausmachen, bis 2050 auf 30 Prozent anwachsen und in den folgenden Jahrzehnten sogar noch grössere Anteile erreichen könnten. Innerhalb des souveränen israelischen Staatsgebiets prognostiziert DellaPergola, dass die derzeitige Verteilung der Bevölkerung zwischen Juden und Arabern relativ stabil bleiben wird, wobei Juden 80 Prozent der Bevölkerung und Araber 20 Prozent ausmachen.

Jüdische Mehrheit durch Annexion gefährdet
Sollte Israel jedoch das Westjordanland und den Gazastreifen annektieren, würden die Juden ihre Mehrheit verlieren. «Es ist nun klar, dass ein jüdischer Staat ohne eine absolute jüdische Mehrheit auf seinem Hoheitsgebiet nicht lebensfähig sein kann», schreibt DellaPergola. «Eine Ausweitung der derzeitigen offiziellen Grenzen der territorialen Souveränität Israels auf weitere Gebiete, die dicht von palästinensischen Arabern besiedelt sind, würde die Verwirklichung eines solchen Projekts unmöglich machen.»

Der Bericht stellt fest, dass Israel seit der Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1948 eine positive Migrationsbilanz verzeichnet hat, mit nur drei kurzen Ausnahmen: in den 1950er-Jahren, den 1980er-Jahren und in den Jahren 2024–2025, wobei die letzte Auswanderungswelle durch die Ereignisse vom 7. Oktober getrieben war, «aber auch durch die Unzufriedenheit der Bürger mit der Politik der israelischen Regierung».

Der «Käfig-Effekt»
Während viele Israelis derzeit darüber nachdenken, ins Ausland zu ziehen, wenn auch nur vorübergehend, erwägen viele Juden im Ausland, getrieben von zunehmendem Antisemitismus, die Einwanderung nach Israel. «Unter den gegenwärtigen Umständen hat Israels schwindende Anziehungskraft dazu geführt, dass viele Juden heute einen sogenannten ‹Käfig-Effekt› erleben: einen starken Wunsch zu gehen, ohne jedoch wirklich entscheiden zu können, wohin», schreibt er. «Eine solche Situation, die vage an die pessimistischen Einschätzungen vieler europäischer Juden in den 1930er Jahren erinnert, ist auf lange Sicht unhaltbar.»

Vorhersagen mit Vorsicht
Langfristige Trends in der jüdischen Migration vorherzusagen, sei laut dem Bericht heute nahezu unmöglich, «da dies eine Vorhersage der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen des gesamten globalen Systems, bestehend aus politischer und militärischer Vorherrschaft, Volkswirtschaften und Kulturen, voraussetzen würde.»

«Es ist jedoch klar», fügt der Bericht hinzu, «dass diese Unsicherheit nur überwunden werden kann, wenn die geopolitische Krise, von der der Staat Israel betroffen ist, gelöst wird.»

Judy Maltz