Hanno Loewy wird als Direktor des Jüdischen Museums Hohenems verabschiedet – im Gespräch blickt er auf die transformative Kraft von Ausstellungen und die Herausforderungen, vor denen jüdische Museen heute stehen.
tachles: Seit Ihrem ersten Arbeitstag im Januar 2004 als Direktor des Jüdischen Museums Hohenems (JMH) hat sich das Haus trotz seiner Randlage zu einem Markenzeichen unter den jüdischen Museen entwickelt. Wie war das möglich?
Hanno Loewy: Das Museum hatte schon in den neunziger Jahren als ein Haus, das sich vor unbequemen Fragestellungen nicht scheute, einen guten Ruf. Das Besondere ist, dass das JMH seit Anbeginn von einer starken Community gestützt wurde. Es gab sehr viele Menschen hier, denen dieses Museum Herzblut bedeutete. Zudem war das Jüdische Museum in Hohenems schon am Start ein politisches Projekt, dem 1991 anlässlich der Gründung mit auf den Weg gegeben wurde, sich mit Fragen zur Einwanderungsgesellschaft und dem Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher Geschichte und Herkunft zu beschäftigen. Mit diesen Themen hatte sich das Museum – trotz zwischenzeitlicher Krisen – schon vor meiner Ankunft in Hohenems klar positioniert. Es hatte, für Vorarlberg erstmalig, Antisemitismus, Migration und Rassismus zu Themen seines Programms gemacht. Für viele Vorarlberger war dies damals durchaus unbequem und lange auch ein Stachel im Fleisch ihrer «heilen Welt».
Doch dies reichte wohl noch kaum für den Ruf, der weit über Vorarlberg und auch über Österreich hinausging.
Das Potenzial der kritischen Auseinandersetzungen des JMH hatte ich, wie gesagt, schon vorgefunden. Darauf liess sich aufbauen, besonders weil die Arbeit an diesem Ort natürlich Spass macht, weil man Themen und Fragen aufgreifen kann, ohne dass einem von vornherein die Politik dazwischenfährt oder einflussreiche Kreise unbequeme Diskussionen möglichst zu unterdrücken versuchen. Zudem hat auch die von aussen als peripher wahrgenommene Lage Dinge möglich gemacht, die anderswo wohl schwieriger gewesen wären. Man kann an der Peripherie Fragen oft radikaler formulieren, als dies in den sogenannten Kulturmetropolen möglich ist, wo tausend Besserwisser um einen sind: Leute mit politischer Macht, die einem permanent erklären wollen, was man tun soll. Also man hat Freiheiten an so einem Ort. Natürlich haben wir auch etliches dazu beigetragen, dass man von hier aus weltweit tatsächlich zu einem Beispiel für innovative und inspirierende Museumsarbeit wird. Hilfreich war dabei stets unsere Community, für die das Museum Teil ihrer Heimat geworden ist. Hilfreich ist auch die weltweit vernetzte Gemeinschaft der Nachkommen von Hohenemser Jüdinnen und Juden, die genau diese, ich sage mal auch freche Rolle des Museums schätzt und stützt.
Ein Tenor, der auch im Leitbild des Museums zu finden ist. Darin ist festgehalten: «In seinen Ausstellungen wie in den vielfältigen Formaten der Vermittlungs- und Bildungsarbeit wirkt das Museum zugleich integrierend und irritierend.» Widersprüchliches als Programm?
Ja! Damit ist gemeint, schwierige Fragen plakativ in den Raum zu stellen. Nicht zum provokativen Selbstzweck, sondern stets im Ton einer sozialen Ansprache, die es den unterschiedlichsten Sprecherinnen und Sprechern erlaubt, miteinander ins Gespräch zu kommen. In unseren Ausstellungen geht es immer darum, einen Raum zu schaffen, in dem die unterschiedlichsten Stimmen in der Lage sind, sich zivilisiert miteinander zu streiten. Das Widersprüchliche erfahrbar zu machen, ist ein Kernelement unserer Arbeit. Dafür gibt es heutzutage ein schreckliches Wort: Ambiguitätstoleranz. Man könnte das auch ein bisschen einfacher sagen: Die Möglichkeit, Widersprüche und Mehrdeutigkeit friedlich auszutragen.
Eine Ihrer langjährigen Weggefährtinnen, die Kuratorin Felicitas Heimann-Jelinek, die auch im wissenschaftlichen Beirat des JMH vertreten ist, postuliert für Jüdische Museen die Teilhabe am gesellschaftlichen Diskurs. Ist auch das ein Markenzeichen der Ära Loewy?
Dafür ist ein Museum sowieso schon mal ein guter Ort, wenn man es richtig macht. Ein Museum ist ein sozialer Raum, in dem wir Dinge ausstellen, die von verschiedenen Seiten her angeschaut werden können. Und wenn ich das zulasse, also wenn ich die Leute nicht an der Hand nehme und durch den Raum zerre und belehre, sondern wenn ich ihnen etwas vor die Nase setze, mit dem sie sich aus ihrer jeweiligen Perspektive auseinandersetzen können, dann schaffe ich es, dass die Leute sich auch mit komplexer Realität beschäftigen. Einer Realität, die nicht aus Meinungen besteht, sondern die aus der Wahrnehmung unterschiedlichster Blickwinkel geformt wird. Das Herausarbeiten differenzierter Perspektiven führt dann zu einem Diskurs, den wir mit unseren Themen jeweils anstossen wollten.
Dazu zählt wohl auch die Herausforderung an das Publikum, sich auf die überraschenden Titel und Themen dieses Museums einzulassen?
Um das zu erreichen, mussten wir Ausstellungen machen, die sich mit relevanten Fragen befassten. Wir mussten an etwas andocken, was die Leute interessierte, aber auf eine Art und Weise, die die Besuchenden an Fragestellungen heranführte, an die sie so noch gar nicht gedacht hatten. Das fängt meist mit dem Titel der Ausstellung an. «Die weibliche Seite Gottes» ist ein Beispiel für eine Themensetzung, die manche irritierte. Oder auch unsere Titelzeile «Habsburger und andere Juden», die neugierig darauf machen sollte, ob die Habsburger etwa auch Juden waren. Dabei ging es einfach um Juden im Habsburger Reich. Wir versuchten, wo immer möglich, eine Zweideutigkeit zu formulieren, um das Publikum damit auf uns neugierig zu machen. Das hat gut funktioniert und wurde mit der Zeit zu einem weiteren Markenzeichen dieses kleinen jüdischen Museums.
Nochmals zum Leitbild. Darin ist festgehalten, dass ein wesentliches Ziel des JMH darin besteht, sich «der Instrumentalisierung durch eine polarisierte Erinnerungs- und Gedenkpolitik zu widersetzen». Ist es der Gedanke an eine drohende «Gleichschaltung», der die Autoren und Autorinnen dazu bewogen hat, eine Verpflichtung zum Widerstand in der Charta des Museums festzuschreiben?
Ein Leitbild ist, wenn man so will, ein bisschen eine Absicherung und auch eine Selbstversicherung. Von den Mitarbeitenden und vielen anderen intensiv diskutiert, aber am Ende im Vorstand von Stadt, Land und Förderverein beschlossen. Demnach hat es eine gewisse Autorität und gibt einem Sicherheit, auch unbequeme Fragen zu stellen. 2015 haben wir eine Ausstellung über Jerusalem gezeigt. Die hatte den Titel «Endstation Sehnsucht. Eine Reise durch Jeruschalajim–Jerusalem–Al-Quds». Schon der hat klargemacht, dass es hier darum geht, die verschiedenen Perspektiven auf diese Stadt anzuerkennen. Natürlich gab es jüdische Besuchende, die es unmöglich fanden, dass das Wort Al-Quds darin auftaucht. Wenig später hat auch das Berliner Jüdische Museum eine Ausstellung zu Jerusalem gemacht. Die war im Titel nicht so provozierend wie unsere, aber dort brach sogar ein Streit darüber aus, ob das Modell des Felsendoms grösser sei als das Modell der Klagemauer. Und danach hat Binyamin Netanyahu persönlich bei Frau Merkel interveniert, dass diese Ausstellung geschlossen werden müsse. Das geschah natürlich nicht. Aber die Angriffe auf das Museum hielten an. Das ging so weit, dass der Direktor das Handtuch warf. Seitdem ist das dortige Jüdische Museum politisch nicht mehr auffällig. Da hilft ein Leitbild, auf das man sich berufen kann, wenn – von wem auch immer – Kritik am Museum geübt wird, wie wir das auch schon erlebt haben. Unser Vorstand, der bis jetzt immer zu uns gehalten hat, weiss genau, weshalb es sinnvoll ist, dass dieser Passus in unserem Leitbild steht.
Mit der Ausstellung «Ausgestopfte Juden? Geschichte, Gegenwart und Zukunft Jüdischer Museen» haben Sie sich 2022 mit der Geschichte und Gegenwart der Institution «Jüdisches Museum» auseinandergesetzt und damit auch die drängende Frage nach dessen gesellschaftlicher Rolle reflektiert. Erleben wir – insbesondere seit dem 7. Oktober 2023 – einen Rückzug der Institution «Jüdisches Museum» aus der Wirklichkeit?
Also ich habe schon das Gefühl, dass wir früher unter den jüdischen Museen über viele Dinge offener diskutiert haben als das heute der Fall ist. Ich erinnere mich an so einen Moment. Das war noch vor dem 7. Oktober auf einer Konferenz unserer Museen in Berlin. Ich habe dort die für mich nicht besonders radikale, aber für manche offensichtlich unbequeme These formuliert, dass, wenn man sich mit Israel auseinandersetzen will, es zwar nicht hilft, Israel als Kolonialprojekt zu bezeichnen, es aber auch nichts hilft, zu leugnen, dass Israel mit dem Kolonialismus, dem europäischen Kolonialismus, natürlich etwas zu tun hat. Wenn wir das nicht ernst nehmen wollen, können wir uns auch nicht kritisch mit dem Antizionismus beschäftigen. Und da merkte ich, wie im Saal manche Kollegen so richtig betreten unter sich guckten. Ein paar Leute in der Runde sagten, dass wir da jetzt drüber reden müssten. Doch die meisten haben sich geduckt. Es gibt schon Schiss bei manchen Kollegen, sich öffentlich zu artikulieren. Mittlerweile sehe ich Anzeichen von Selbstzensur und eine Kollegin hat mir kürzlich geschrieben: «Im Moment bin ich vor allem mit der Bewältigung von Angst beschäftigt.»
In den vergangenen Jahren profilierten sich «Grenzen» immer stärker zu einem bestimmenden Thema Ihrer Arbeit, im Museum, aber auch darüber hinaus. Die Schweiz versucht, sich ihres überfälligen Nachholbedarfs in Sachen Erinnerung endlich mit einem Memorial in Bern und einem Vermittlungsort an der Grüninger Brücke in Diepoldsau zu entledigen. Sie sind massgeblich eingebunden. Wird Diepoldsau Ihr zweites Hohenems werden?
«Grenzen» waren und sind durch den Standort des Museums in meiner Arbeit allgegenwärtig. Sie stellen Fragen nach Zugehörigkeit und Ausschluss und sie fordern, je nach Standort und Herkunft, unterschiedliche Perspektiven. Der Blick auf die Schweiz ist ein anderer als der Blick aus der Schweiz. Grenzen sind Nahtstellen. Sie machen Geschichte zu fassbaren Erfahrungen. Im Rheintal hat die Vergangenheit der Gegenwart viel zu bieten. Dazu einige Stichworte, die nicht an Aktualität eingebüsst haben: Vertreibung, Flucht, Heimatlosigkeit – was bedeutet es, Flüchtlinge zu retten, und weshalb die Angst vor Überfremdung?
Dies und mehr dazu wurde in den zurückliegenden 30 Jahren in die DNA des Hohenemser Museums eingearbeitet. Nun ist seit wenigen Jahren auch die Schweiz, insbesondere der Grenzkanton St. Gallen, so weit, sich der eigenen Geschichte der dreissiger und vierziger Jahre selbstkritischer zu widmen. Da war es naheliegend, die Erfahrung und Kompetenz des JMH zu Fragen der Aufarbeitung, der Erinnerungskultur und der Vermittlung mit ins Boot zu nehmen. Mittlerweile haben wir gemeinsam Konturen und Konzepte erarbeitet und ich habe schon Lust, mich auch in Zukunft mit der Geschichte der Flüchtlinge und auch mit der Gestaltung eines Schweizer Vermittlungsprojekts am Grenzübergang Diepoldsau zu befassen. Auch wenn das derzeit noch recht bedächtig vorangeht, gibt es gute Anzeichen dafür, dass daraus ein transnationales Vorhaben entwickelt werden kann, das eine ganz eigene Dynamik entwickeln würde. Manchmal braucht die Schweiz einen Stups von aussen – so wie vor 25 Jahren mit den nachrichtenlosen Vermögen.
Pünktlich zum Ende der Hohenemser Amtszeit erreicht Sie eine Berufung in die von alt Bundesrätin Sommaruga präsidierte Kommission für historisch belastetes Kulturerbe. Ihre Stärke war stets der unabhängig bespielte Gestaltungsraum. Was kann den Freidenker Loewy an eidgenössischer Kommissionsarbeit reizen?
Zunächst einmal meine Neugierde. Ich bin in dieser Kommission, in der verschiedenste Interessen vertreten sind, so etwas wie ein Libero. Zudem agiere ich dann als unabhängiger Museumsexperte. Ich werde sehen, was man von mir erwartet – vielleicht ein paar Ideen? Zudem werde ich da vermutlich auch einiges lernen können. Ich sehe dieser neuen Erfahrung sehr gelassen entgegen.
In Hohenems leben und wohnen Sie als Nachbar des Museums, das Sie 22 Jahre geleitet haben. Der Blick aus der Küche fällt in Ihr ehemaliges Büro, wo nun Ihre Nachfolgerin Platz nehmen wird. Man bleibt sich nah?
Naja, ich werde mir keinen Feldstecher kaufen, um zu lesen, was auf ihrem Schreibtisch liegt, aber natürlich werde ich wahrnehmen, was im Museum los ist, und sei es als Cafégast.