Transnistrien 29. Aug 2025

Sowjet-Nostalgie und Krisen

Transnistriens Juden leben im Schatten der Geschichte, gefangen in einem sowjetischen Zeitkapselzustand, während unmittelbar nebenan der Krieg in der Ukraine tobt. In Dörfern wie Novokatovsk prägt eine Mischung aus sowjetischer Nostalgie und spürbarer Armut den Alltag, während die Region selbst zwischen Moldawien und russischem Einfluss laviert – mit Lenin-Statuen und roten Sternen als Relikten vergangener Zeiten. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Transnistrien rund 300 000 Juden. Nazi-Besatzung und Massenmorde liessen die jüdische Bevölkerung fast verschwinden. Heute wohnen dort noch etwa 2000 Juden, davon sind die meisten hochbetagt. Religiöse Praxis ist selten, die einzige aktive Synagoge wird vom Chabad Lubawitsch betreut. Viele ältere jüdische Bewohner, darunter auch Holocaust-Überlebende, leiden besonders im Winter unter fehlenden Heizungen, steigenden Gaspreisen und mangelhafter medizinischer Versorgung. Die durchschnittliche Rente von 113 Dollar reicht oft nicht einmal für die nötigsten Lebenshaltungskosten, was Altersarmut und Einsamkeit verstärkt. Jüngere Mitglieder wie Katya Kreichman engagieren sich für ein Fortbestehen jüdischer Traditionen, arbeiten als Betreuerinnen und hoffen auf eine Zukunft für ihre Gemeinschaft zwischen Kompromiss und Idealismus. Die aktuellen Herausforderungen liegen weniger im Antisemitismus als in sozialer Marginalisierung und fehlendem Zugang zu Hilfsleistungen. Trotz politischer Unsicherheit und militärischer Präsenz Russlands empfinden Einzelne wie Or Cohen sogar ein Gefühl von Sicherheit – während andere den Überlebenskampf führen.

Redaktion