Ronald Lauder, Präsident des jüdischen Weltkongresses, stellt seine politischen Spenden ein – auch für die Lauder Foundation zeichnen sich die Folgen der prekären Lage des Familienkonzerns ab.
Es war eine Nachricht mit kaum abzusehenden Folgen. Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Erbe des Kosmetik-Konzerns Estée Lauder Companies und Philanthrop in seiner eigenen Dimension, will zukünftig nicht mehr spenden. Das meldete unter anderem die «New York Times» Anfang August. Auch tachles berichtete über die Ankündigung des 82-jährigen Milliardärs Lauder, der bereits früher in diesem Jahr bekanntgab, er werde sich nach dem Ende seiner Amtszeit als Präsident 2029 zurückziehen.
In seiner mehrere Jahrzehnte überspannenden Tätigkeit als politischer Spender hat Lauder demnach weit über 72 Millionen Dollar für Wahlkampagnen ausgegeben, knapp 22 Millionen davon auf der föderalen Ebene und mehr als 48 Millionen in seiner Geburtsstadt New York City. Ausgerechnet 2026, im Jahr der Zwischenwahlen, hat er dies nun eingestellt. Der Freund Trumps und dessen Unterstützer, der 2025 auch der MAGA Inc. fünf Millionen Dollar zukommen liess, zieht damit wohl die Konsequenzen aus dem drastischen Wertverlust der Aktien des Konzerns von 73,5 Prozent in fünf Jahren.
Ungewisse Zukunft
Wie sich der Rückzug auf Lauders philanthropische und Mäzen-Aktivitäten auswirken wird, ist ungewiss. Auf der einen Seite zitiert die «New York Times» eine Quelle im Umfeld der Lauder-Familie, wonach finanzieller Druck nicht der Grund des Spenden-Stopps des jüngeren der beiden Söhne sei. Vielmehr wolle dieser mit dem Rückzug aus der Öffentlichkeit sich gerade auf sein Philanthropentum fokussieren. Die Ronald S. Lauder Foundation, die 2027 ihren 40. Geburtstag begeht, unterstützt jüdische Bildungsinstitutionen in Bulgarien, Deutschland, Griechenland, Polen, Rumänien, Russland, der Slowakei, Österreich, Tschechien und Ungarn.
Die Spanne, die dabei abgedeckt wird, reicht vom Kindergarten Lauder Gan Menachem in Bratislava, der gemeinsam mit Chabad of Slovakia betrieben wird, bis zur Lauder Business School oder dem Lauder Chabad Campus, auf dem eine ganze Bildungskarriere durchlaufen werden kann, in Wien. «Neue Welten bauen», heisst es dazu auf der Website der Stiftung, die sich zum Wiederaufbau jüdischen Lebens nach der Schoah bekennt: «Sechs Millionen Welten gingen verloren, sechs Millionen Chancen, Kinder, Enkel, Urenkel zu haben, und Tausende und Abertausende von Leben, von denen jedes das Potenzial ganzer Welten in sich trägt.»
Finanzielle Abhängigkeit
Die Ronald S. Lauder Foundation beruft sich auf die talmudische Bedeutung jeder einzelnen Person. «Schliesslich begann alles mit einem Mann, Adam.» Neben der Schönheit und Weisheit des Prinzips, wonach jedes gerettete Leben eine ganze Welt rettet, liegt hier, aus heutiger Sicht, freilich auch ein Verweis auf die strukturelle Abhängigkeit vieler jüdischer Institutionen von einzelnen, so vermögenden wie freigebigen Mäzenen. Diese zur Debatte zu stellen, gestaltet sich oft schwierig, ist man der betreffenden Person doch zu grossem Dank und Anerkennung verpflichtet.
Der Unterschied, den ein Wohltäter wie Ronald Lauder macht, und sein enormer Einfluss sind unbestritten. Zugleich unterstreicht die prekäre Situation des Konzerns, der im Frühjahr bekanntgab, weltweit 9000 bis 10 000 Stellen abzubauen, dass die besagte Abhängigkeit eben auch verletzbar macht. Zwei Faktoren unterstreichen dies: Manche Schulen, wie etwa die Lauderovy školy in Prag, die im Übrigen auch nicht jüdischen Kindern offenstehen, sind die einzigen jüdischen Bildungseinrichtungen des betreffenden Landes. Aktuell kommt hinzu, dass in mehreren Ländern jüdische Schulen zunehmend zum sicheren Hafen für Kinder werden, die in anderen Schulen wegen ihrer jüdischen Herkunft gemobbt, bedroht oder angegriffen wurden.
Inwieweit die Lage beim Konzern sich nun auf jene vor Ort auswirkt, also bei Einrichtungen, die von der Ronald S. Lauder Foundation (teil-)finanziert werden, hat tachles in diesem Sommer zu recherchieren versucht, lange vor den jüngsten Berichten über Lauders Rückzug als politischer Spender. Die vornehmliche Reaktion ist ein anhaltendes Schweigen. In Berlin etwa, wo die Stiftung eine europäische Dependance unterhält, würde man zwar «liebend gerne» mit uns reden, heisst es nach mehrmaliger schriftlicher Anfrage telefonisch, doch die Geschäftsleitung reagiere bislang nicht.
Aus mehreren Standorten in Zentral- und Osteuropa kommt auch auf wiederholte Anschriften keine Antwort – und das nicht erst, seit nahezu überall Sommerferien sind. Hintergrundanfragen an einzelne Personen liefen darauf hinaus, dass diese nicht zitiert werden möchten.
Antwort aus Budapest
Offen war eigentlich nur die Lauder Javne Jewish Community School in Budapest. «Die Ronald S. Lauder Foundation hat beschlossen, ihre finanzielle Unterstützung für die Schulen und Institutionen, die sie weltweit unterstützte, Ende 2027 abzuschliessen», teilt die Koordinatorin der Schule schriftlich mit. Für das «ausserordentliche Engagement» der Stiftung in den letzten Jahrzehnten sei man dieser «zutiefst dankbar». Beim Wiederaufbau jüdischer Bildungsinstitutionen und der Stärkung des Gemeinschaftslebens nach dem Ende des Kommunismus habe diese Unterstützung eine zentrale Rolle gespielt. Die nun anstehende Veränderung sei daher «bedeutsam», stelle aber keine existenzielle Bedrohung der Schule und Institutionen dar. «Die Unterstützung der Stiftung beträgt weniger als zehn Prozent der jährlichen Einkünfte der Schule», heisst es.
In Budapest hat man demnach beizeiten begonnen, sich auf die neue Situation einzustellen, «mit einer neuen Fundraising-Strategie, der Ausdehnung unserer Spender-Basis und umsichtigen Finanzmassnahmen zur Sicherung unserer langfristigen Nachhaltigkeit». Eher denn als Herausforderung sehe man die neue Situation als Möglichkeit, ein breiteres, resilienteres Unterstützungsnetzwerk für die Zukunft zu erreichten.
Insofern bedeute das nun anstehende Einstellen der Hilfe der Stiftung «das Ende eines wichtigen Kapitels, aber nicht das Ende der Geschichte». Die Koordinatorin schliesst mit einem positiven Fazit: Das jüdische Leben in Budapest sei heutzutage «weitaus stärker und lebhafter» als zu Beginn der Unterstützung durch die Lauder Foundation, die Institutionen seien gereift. Inwieweit diese Einschätzung auch für andere Städte Gültigkeit hat, wird sich in der näheren Zukunft zeigen. Was Mitglieder, Infrastruktur und gesellschaftliche Position betrifft, steht das jüdische Budapest relativ gut dar.
Eine neue Generation
Lauder selbst äusserte sich in diesem Sommer gegenüber der auf jüdisches Philanthropentum spezialisierten Website ejewishphilanthropy.com. Demnach befinde er sich zurzeit nicht nur auf der Suche nach einem Nachfolger an der Spitze des Jüdischen Weltkongresses, sondern wolle auch eine neue Generation neuer Geldgeber für jüdische Bildungseinrichtungen ermutigen. Letzteres war offenbar auch der Grund, warum Lauder überhaupt für eins seiner äusserst seltenen Gespräche zur Verfügung stand.
«Ich glaube sehr stark daran, dass wir junges Philanthropentum brauchen, ich würde sagen, dass 80 Prozent des heutigen Philanthropentums von Leuten kommt, die über 60 sind.» Gerade Personen in ihren Dreissigern und Vierzigern müssten dringend ihr Geld in Schulen stecken. «Diese Leute haben Milliarden Dollar, und sie tun bubkes.» Unternähmen sie nicht alles, das in ihrer Macht stehe, für die Bildung von Kindern, gehe «eine ganze Generation» verloren.