deutschland 12. Jun 2026

Makkabi Frankfurt schreibt Geschichte

Das Hauptgebäude auf dem Makkabi-Campus vom Architekt Albert Speer.

Makkabi Frankfurt eröffnet seinen neuen Campus und setzt Massstäbe in Europa – Initiant Alon Meyer über Vision und eine eigenwillige Wahl des Architekten.

Wenn am Sonntag der grösste jüdische Sportcampus Europas in Frankfurt eröffnet, zeigt Makkabi Deutschland, dass mit einer konsequenten Haltung zu Integration und Partnerschaften möglich ist, was viele davor für unmöglich gehalten haben. Eine von Stadt, Land und Spendern finanzierte Vision, die zentral ist für das Zusammenleben in der Stadt Frankfurt.

Vierzig Jahre Heimatlosigkeit
Wer verstehen will, was dieser Campus bedeutet, muss zurückblicken. In den 1980er Jahren verlor Makkabi Frankfurt seine sportliche Heimat am Dachsberg im Stadtteil Preungesheim wegen des Neubaus der Autobahn A661. Was folgte, waren vier Jahrzehnte des Umherziehens: Interimslösungen auf verschiedenen Frankfurter Sportplätzen, Fussball auf der Bertramswiese nahe dem Hessischen Rundfunk, Basketball und Tischtennis in der Turnhalle der Jüdischen Gemeinde. Der Verein wuchs trotzdem – oder gerade deswegen. Aus 300 Mitgliedern und fünf Abteilungen wurden über 5500 aktive Mitglieder in 28 Abteilungen, verteilt auf über 20 Sportstätten in der Stadt. Der Verein ohne Zuhause wurde immer grösser.

1965 gegründet als Anlaufpunkt für jüdische Sportlerinnen und Sportler, galt Makkabi Frankfurt früh als einer der wichtigsten Meilensteine beim Wiederaufbau jüdischen Lebens in Deutschland. Es ging nie nur um Sport. Es ging um Sichtbarkeit, Normalität und Selbstbehauptung.

Initiant Alon Meyer sagt zum Grossprojekt: «Der neue Makkabi Campus hat eine Symbolwirkung weit über die Region hinaus – weltweit gibt es in der Makkabi-Bewegung nichts Vergleichbares und ich wage zu prognostizieren, dass es einzigartig bleiben wird.» Abseits der sportlichen Dimension sieht Meyer eine gesellschaftspolitische Bedeutung: «Der Campus steht für das Leben jüdischer Traditionen, Offenheit für alle – und hier sei angemerkt, dass mehr als 80 % der Mitglieder nicht jüdisch sind – und gelebte Demokratie. Ich persönlich bin unglaublich stolz, dass meine Heimatstadt Frankfurt wie auch die hessische Landesregierung bedingungslos hinter uns stehen, gerade in diesen Zeiten braucht die jüdische Gemeinschaft diesen Rückhalt.»

Das Gebäude
Am Sonntag, dem 14. Juni, eröffnet der Turn- und Sportverein Makkabi Frankfurt seine neue Sportanlage in der Wilhelm-Epstein-Strasse 95 im Stadtteil Ginnheim. Der Standort trägt einen Spitznamen: «Ginnheimer Spargel» – benannt nach dem nahen Europaturm, der schlanken Frankfurter Skyline-Nadel, die von hier aus sichtbar ist. Gegenüber, jenseits der Strasse, liegt die Deutsche Bundesbank. Das neue Sportzentrum wurde vom Architekturbüro Albert Speers geplant. Auf dem knapp 23 000 Quadratmeter grossen Areal entsteht eine moderne, barrierefreie Sportanlage nach dem Effizienzhaus-Standard mit zwei Kunstrasen-Grossspielfeldern, die den Normen des deutschen Fussball-Bundes entsprechen, verschiedenen Kleinspielfeldern, einem Fitnessraum, zahlreichen Kurs- und Multifunktionsräumen sowie einem multifunktionalen dreistöckigen Vereinsgebäude mit einer 600 Quadratmeter grossen Einfeldsporthalle. Hinzu kommen drei Padel-Courts, ein Parkour-Platz, ein Basketball-Aussenfeld, Teqball und Tischtennis. Der dreigeschossige Gebäudekomplex umfasst ausserdem einen 300 Quadratmeter grossen Spiegelsaal, acht teilbare Kursräume und 13 Umkleidekabinen.

Das neue Sportzentrum vereint damit erstmals fast alle Abteilungen unter einem Dach – ein gemeinsamer, abteilungsübergreifender Treffpunkt im Herzen Frankfurts, ein Ort der Begegnung, sinnbildlich für die Sportstadt Frankfurt. Allerdings kann man sich fragen, weshalb Albert Speer mit seiner sehr belasteten Familiengeschichte und nicht jüdische oder israelische Architekten für das Projekt gewählt wurden. Meyer dazu: «In der Tat war das eine sehr bewusste Entscheidung, die ebenfalls ein besonderes Zeichen setzt, nämlich das der Versöhnung. Denn Menschen in die Gesamthaftung der Taten ihrer Eltern zu nehmen, wäre nicht richtig! Wir dürfen die Vergangenheit niemals vergessen, doch der Blick in eine Zukunft des Miteinanders ist die Basis für das Gelingen einer demokratischen Gesellschaft.»

Die Architekten
Besondere Aufmerksamkeit verdient das ausführende Büro. Albert Speer + Partner wurde vom Sohn des gleichnamigen NS-Architekten gegründet. Dass dieses Büro nun den Campus eines jüdischen Sportvereins plant und baut – das ist keine Fussnote, das ist eine der bemerkenswertesten Tatsachen dieses Projekts. Makkabi hat diese Wahl bewusst getroffen. Es ist ein Bekenntnis zur Auseinandersetzung, nicht zur Verdrängung.

In Zahlen
Aktuell trainieren bei Makkabi Frankfurt mehr als 5000 Mitglieder mit zwölf Religionen und aus 87 Nationen in über 27 Sportabteilungen. Der Verein ist längst kein rein jüdischer Verein mehr im ethnischen Sinne – er ist ein jüdisch geprägter Verein, der offen ist für alle. Sein Bildungsprogramm «Zusammen1» nutzt Sport als verbindende Kraft: Begegnung, Respekt, Teilhabe. Makkabi ist der einzige Verein, der im aktuellen Koalitionsvertrag der Bundesregierung namentlich genannt wird.

Der 14. Juni beginnt um 9.30 Uhr mit einer akademischen Feier. Ab 12 Uhr wird gefeiert – mit Mitmachangeboten, Live-Musik und Kulinarik. Der Campus soll von Anfang an kein geschlossenes Vereinsgelände sein, sondern ein offener Ort für die ganze Stadt. Zehn Tage nach der Eröffnung kehrt am 23. Juni der Festakt zurück in dieselbe Sporthalle. Ministerpräsident Boris Rhein überreicht Alon Meyer das Bundesverdienstkreuz. Meyer, seit 2007 Präsident von Makkabi Frankfurt und seit 2013 Präsident von Makkabi Deutschland, hat den Campus über Jahre vorangetrieben. Bereits ist er in Vorbereitung für die bevorstehende Maccabiah in Israel und blickt zuversichtlich darauf: «Die Maccabiah hat eine besondere Magie und bringt Juden aus aller Welt zusammen. Sie ist eine internationale Plattform für Jung und Alt, um über den Sport in Verbindung zu treten und Unvergessliches zu hinterlassen. Dieses Erlebnis wollen wir uns nicht nehmen lassen – nicht noch einmal, nachdem es bereits letztes Jahr hätte stattfinden sollen.» Die deutsche wird eine der grössten teilnehmenden Delegationen sein.
 

Uri Binnun, Yves Kugelmann