Los Angeles 27. Jul 2026

Homer oder Talmud?

Matt Damon spielt Odysseus in Christopher Nolans Verfilmung von Homers «Odyssee».

Warum niemand mehr Odysseus verehrt – Juden aber bis heute nach der Tanach leben.  

Der weltweite Erfolg von Christopher Nolans Verfilmung der «Odyssey» hat nicht nur das Interesse an Homers rund 3000 Jahre altem Epos neu entfacht, sondern auch eine grundlegende kulturgeschichtliche Frage aufgeworfen: Weshalb gehören die griechischen Mythen heute zwar zum Kanon der Weltliteratur, werden aber nicht mehr religiös verehrt – während die hebräische Bibel bis heute das religiöse Leben von Juden und Milliarden weiterer Gläubiger prägt? Dieser Frage widmet sich Rabbiner Benjamin Resnick in einem Artikel.
Ausgangspunkt ist ein Kinobesuch in Tel Aviv. Während Resnick mit seiner Familie Nolans Film verfolgt, erkennt er eine doppelte Erzählung: Odysseus kehrt nach 20 Jahren nach Ithaka zurück, das jüdische Volk nach fast zweitausend Jahren ins Land Israel. Ohne die überlieferte Kraft der Tanach, schreibt er, gäbe es weder den Staat Israel noch das moderne Tel Aviv, in dem er den Film sieht. 
Resnick stellt fest, dass Homers «Odyssee» und die Tanach erstaunlich viele Gemeinsamkeiten besitzen. Beide erzählen von Helden, Heimkehr, Verrat, politischen Konflikten und Begegnungen mit dem Göttlichen. Dennoch sei der Unterschied grundlegend: Niemand bringe heute Zeus, Athene oder Odysseus Opfer dar. Die Geschichten Homers würden gelesen und bewundert, die biblischen Texte hingegen würden weiterhin gesungen, studiert, ausgelegt und als verbindliche Grundlage des religiösen Lebens verstanden. 
Zur Erklärung greift Resnick auf den deutsch-jüdischen Literaturwissenschaftler Erich Auerbach und dessen Standardwerk «Mimesis» zurück. Auerbach vergleicht die homerischen Epen mit der biblischen Erzählung von der Bindung Isaaks. Während Homer jede Szene ausführlich schildere, Figuren und Gefühle detailliert ausleuchte und kaum Fragen offenlasse, arbeite die Bibel mit grosser sprachlicher Knappheit. Entscheidende Motive, Gedanken und Gefühle blieben unausgesprochen und müssten vom Leser erschlossen werden. Gerade diese Leerstellen machten die Bibel zu einem Text, der immer wieder neu interpretiert werden könne. 
Nach Resnicks Auffassung liegt hierin der eigentliche Grund für die anhaltende Wirkung der Tanach. Die biblischen Geschichten seien nicht nur Erzählungen, sondern Einladungen zum fortwährenden Dialog. Sie verlangten Midrasch – also Auslegung, Diskussion und ständiges erneutes Lesen. Dadurch bleibe der Text lebendig und gewinne in jeder Generation neue Bedeutung. Homers Epen seien grosse Literatur; die Tanach dagegen sei zugleich Literatur, religiöser Text und Grundlage einer bis heute gelebten Tradition. 
Der Essay knüpft an ein früheres Interview mit dem Philosophen Jacob Howland an, der ebenfalls Parallelen zwischen Homer und der hebräischen Bibel gezogen hatte. Howland betont jedoch den unterschiedlichen Heldenbegriff: Odysseus vertraue vor allem auf List, Stärke und eigenes Können, während die biblischen Gestalten – von Abraham bis David – letztlich ihr Vertrauen auf Gott setzten. Gerade diese Verbindung von Geschichte, Glauben und ethischem Auftrag habe der Tanach eine Wirkung verliehen, die weit über ihren literarischen Wert hinausreiche. 

Redaktion