Der Februar-Streik 1941 in und um Amsterdam war ein einzigartiger Protest gegen die Deportationen europäischer Juden. 85 Jahre danach zeigt sich, wie die politische Aktualität das Gedenken zu überschatten droht.
Der Platz vor der portugiesischen Synagoge ist vollbesetzt. Bis auf den Bordstein drängen sich die Menschen an diesem ersten sonnigen Frühjahrs-Nachmittag. «Wir stehen hier aus Dankbarkeit gegenüber denen, die damals die Stadt lahmlegten» begrüsst Jaïr Stranders sie, der Vorsitzende des Komitees, das die jährliche Gedenkfeier des Februar-Streiks organisiert. Dieser Protest gegen die ersten Razzien der deutschen Besatzer gegen die jüdische Bevölkerung, die genau hier stattfanden, breitete sich am 25. und 26. Februar 1941 von Amsterdam aus in der Region aus, initiiert von der damals illegalisierten Communistische Partij van Nederland (CPN).
Das monumentale, weithin bekannte Standbild des «dokwerker» (Dock-Arbeiter), ein sozialistischer Held der Arbeit mit aufgekrempelten Ärmeln, ragt über die Menge hinaus. Zu seinen Füssen spricht Stranders über Judenverfolgung und Antisemitismus. Die Streikenden hätten sich aus verschiedenen Hintergründen zum Kampf gegen den Faschismus vereint – «so wie wir heute Seite an Seite» der neuen faschistischen Drohung entgegentreten sollten. Die Bemühung, Gemeinsamkeit herzustellen, ist überdeutlich. Es gibt allen Anlass dazu, denn schon der Anlauf zu Gedenkfeier verlief turbulent.
Zunächst war da die Personalie Tofik Dibi, einem ehemaligen Abgeordneten der Partei GroenLinks und heute einer der prominentesten Figuren der antirassistischen Links-Partei BIJ1. Dibi, bekannt als ausgesprochen pro-palästinensisch und Befürworter eines Israel-Boykotts, retweetete 2024 einen Aufruf aus der lokalen Gedenkfeier im Stadtteil Nieuw-West eine «Februar- Intifada» zu machen. Der Gewerkschafts-Dachverband FNV lud Dibi zunächst als Sprecher seiner eigenen Gedenkveranstaltung im Stadthaus ein, die vor dem öffentlichen Teil im ehemaligen jüdischen Viertel Amsterdams stattfand.
Zumal in jüdischen Kreisen sorgte das für viel Kritik. Das Israel-Informations- und Dokumentationszentrum (CIDI) sprach von einem «Fehltritt» und nannte Dibi «keinen Verbinder, sondern jemand, der spaltet». Ende Januar lud man Dibi wieder aus. Das Gedenken des Februar-Streiks, so eine FNV- Stellungnahme, sei «eine wichtige Tradition für die Niederlande und die Gewerkschaftsbewegung», bei der es um «all die tapferen Menschen, die 1941 ihre Arbeit niederlegten und gegen die deutschen Besatzer wegen der Verfolgung ihrer jüdischen Kollegen und Stadtgenossen» gehe.
Eine Besucherin der Gedenkfeier, deren T-Shirt sie als «Jüdin für die palästinensische Befreiung» ausgibt, erinnert an die Kontroverse mit einem Papp-Schild: «Better listen to Dibi, not to CIDI», steht darauf. Sie geht an einer Gruppe junger Aktivisten vorbei, die vor einer Handvoll palästinensischer Fahnen auf dem Boden knien, mit verbundenen Augen und auf den Rücken gefesselten Händen. Ein Banner hinter ihnen fordert auf: «Shame the occupation, free all prisoners». In der Nähe hält ein Mann mit martialischer Undercut- Frisur eine rote Fahne der Palästinensischen Volksbefreiungs-Front PFLP hoch, von der EU als Terror-Organisation eingestuft. «Zionismus is over if you want it» steht auf der Rückseite seines Pullovers.
Diana Meijer hat das Szenario mit Befremden wahrgenommen. Die kleine dunkelhaarige Frau steht mit ihrer «Together against antisemitism»-Fahne in einigem Abstand, gekommen ist sie, weil sie die Veranstaltung mit all ihren palästinensischen Insignien «Heuchelei» findet. Ein paar Meter von ihr ragen die beiden einzigen israelischen Fahnen, von denen die eine zur Hälfte eine niederländische ist, in die Luft. Meijer setzt sie sich schon jahrelang gegen Antisemitismus ein und demonstriert regelmässig auf dem Dam-Platz im Zentrum der Stadt, berichtet sie. «Den Luxus, ängstlich zu sein, habe ich nicht, Meine Mutter ist 91 und überlebte den Holocaust. Ich will nicht, dass sie zu Lebzeiten mit einem weiteren konfrontiert wird.»
Was Meijer noch mehr empört als die grün-weiss-rot-schwarzen Fahnen ist der letzte Redner der Veranstaltung: Jerry Afriyie, einer der profiliertesten antirassistischen und postkolonialen Aktivisten der Niederlande. Freilich fiel auch er in der Vergangenheit mit stark anti-israelischen Aussagen auf, weshalb die Kuppel-Organisation Centraal Joods Overleg sich in einem Brief an das Organisationskomitee beschwerte und forderte ihn durch einen anderen Sprecher zu ersetzen. Afriyie, heisst es, habe Juden unter anderem als «Opfer, die drohen das Monster zu verkörpern, vor dem sie einst fliehen mussten» genannt – eine Aussage, die «fundamental gegen den Geist des 25. Februar 1941 verstösst». Auch habe Afriyie gefordert, Juden könnten «nicht länger wegzuschauen, während Israel im Namen deines Glaubens oder deiner Geschichte ein ganzes Land kolonisiert».
Warum das aus neun Freiwilligen bestehende Comité Herdenking Februaristaking 1941 trotzdem an ihm festhielt? Jaïr Stranders, der Vorsitzender des, berichtete am Vortag im Gespräch mit tachles, das Gedenken an den Streik sei immer umkämpft gewesen. Anfangs hätte er auch den Charakter eines Wiedersehens von Personen und Familien gehabt, die am Streik teilgenommen oder im antifaschistischen Widerstand aktiv waren. Mit der Zeit hätten sich die Veranstaltungen zu einem «politischem Hochamt» linker Aktivisten in den Niederlanden entwickelt, die zu diesem Anlass über die Jahre jeweils manifestiert hätten, «wofür und vor allem wogegen sie jeweils kämpften, so etwa Vietnamkrieg, Kreuzraketen oder Palästina.»
In den letzten 15, 20 Jahren, so Stranders, sei hatte das Gedenken aber eher einen weniger politischen Charakter – «zum Glück». Dem Komitee, so Stranders, gehe es um die Erinnerung an einen historischen Akt des Widerstands. Dies sei «kein Anlass um einander politisch die Leviten zu lesen, sondern ein Ansporn für Alle um sich gegen Unrecht einzusetzen». Genau darum gehöre das Gedenken allen Amsterdamern und keiner spezifischen Gruppe, weder Kommunisten noch Juden. Stranders, selbst eines von zwei jüdischen Komitee-Mitgliedern – «ein drittes hat einen jüdischen Vater» – legt auch Wert darauf, dass der 25. Februar nicht in erster Linie ein Holocaust-Gedenktag sei. «Dafür haben wir in den Niederlanden mehrere andere Anlässe.»
Die Empörung über den Sprecher Jerry Afriyie findet Stranders vor allem «schmerzhaft». Natürlich sei er sich dessen Aussagen bewusst und finde diese auch «sehr heftig». Zugleich sei er sich bewusst, dass Afriyie ein Aktivist sei, in dessen Umfeld es durchaus ein Klima von ambient antisemitism gebe. «Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass dort aktive Menschen unbedingt Antisemiten sind, auch wenn sie dumme Standpunkte äussern und dabei vielleicht naiv sind,.»
Für viele jüdische Personen und Organisationen in den Niederlanden ist diese Frage jedoch unstrittig. «Daher bekommen wir wütende Reaktionen: wie wir es zulassen können, dass ein Antisemit auf dieser Gedenkveranstaltung spricht?», berichtet Stranders. Das Komité hingegen sehe vor allem seinen jahrelangen Einsatz beim Thema Sklaverei und Kolonialismus, «um die Niederlande zu einem inklusiveren, gerechteren Ort zu machen».
Als Afriyie ans Rednerpult tritt, ist Inklusion tatsächlich eines seiner Motive. Er fordert zum Zusammenhalt auf, dazu Antisemitismus zu bekämpfen und des palästinensische Volk zu «befreien», ohne dazu jeweils ins Detail zu gehen. Als Verbündete im Kampf preist er Extinction Rebellion, die linke jüdische Gruppierung Oy Vey aus Amsterdam, feministische und LGBTQ-Aktivisten. Zum Abschluss singt ein Mitglied der genannten Oy Vey das «sholem lid» auf jiddisch.
Lievnath Faber, Mitbegründerin der seit einigen Jahren aktiven «jüdischen grass roots- Bewegung», die sich selbst «radikal inklusiv» nennt, steht «vollkommen hinter dem Komitee». Die Auswahl der Sprechenden sei sehr gut und aussagekräftig, berichtet sie vor der Gedenkfeier. «Ich bedaure, dass so viel mit Schmutz geworfen wurde. Es ist ein sehr ärgerliches Zeichen dafür, dass Unbequem-Sein in dieser Gesellschaft sehr schwierig ist. Gedenken muss auch Zähne haben!»
Was sie damit meint? «Sich dazu zu verhalten, was die Stärke des Gedenkens ausmacht. Im Fall des Februar-Streiks geht es darum, dass Menschen den Mut hatten aufzustehen. Und Jerry Afriyie hat dies getan und wirklich etwas riskiert.» Faber findet es wichtig, dass «sich nicht alle die ganze Zeit zu 100 Prozent komfortabel fühlen müssen. Das ist nicht die Welt, in der wir heute leben. Es ist gut, wenn wir ein kleines bisschen animiert werden über unser Unbehagen hinwegzugehen und mit Menschen in Kontakt kommen, die einen anderen Standpunkt haben.»
Wie umkämpft die Suche nach gemeinsamem Terrain ist, und welche Fallen von Vereinnahmung und ideologischer Instrumentalisierung dort lauern, zeigt sich an diesem Nachmittag auch. Dort, wo die palästinensischen Fahnen wehen, verteilt ein freundlicher Crossdresser Flugblätter, auf denen es heisst: Genau wie die Nazis 1941 den Februar- Streik durch barbarische Repression und Deportation der Widerstandskämpfer und ihrer Familien brachen, probiert der zionistische Besatzer den palästinensischen Widerstand zu brechen durch Entmenschlichung der Palästinenser und grausame Behandlung tausender politischer Gefangener.» Auf der Rückseite finden sich die roten fdreiecke, mit denen die Hamas ihre Ziele markiert. Hier gibt es Interessierte Antwort auf die Frage: «Sich dazu zu verhalten, was die Stärke des Gedenkens ausmacht. Im Fall des Februar-Streiks geht es darum, dass Menschen den Mut hatten aufzustehen. Und Jerry Afriyie hat dies getan und wirklich etwas riskiert.»
Am Ende der Gedenkveranstaltung steht Diana Meijer vor Jerry Afriyie. Der eine Aktivist spricht, die andere hört zu. Ihre Stimmen sind ruhig, doch bei der Verständigung hapert es. «Angesichts Ihres Hintergrundes kann ich Sie verstehen», sagt Afriyie. Meijer wiederum betont: «Dieses Gedenken ist eine Farce, wenn ich hier um mich herum die Kufiyas sehe.» Später hat sie einen Wortwechsel mit einem der Palästina-Demonstranten. «Sogar für eine Zionistin sind Sie ganz schön dumm», hält er ihr auf Englisch entgegen.