Mit dem Krieg in der Ukraine hat sich die Realität und das Selbstverständnis der jüdischen Gemeinde im Land verändert.
Igor Kolomojski, der mächtige Unternehmer aus der viertgrössten Stadt der Ukraine, Dnjepropetrowsk, 2016 in Dnipro umbenannt zwecks Tilgung der Spur des Revolutionärs Grigori Petrowski, hatte seinen Schützling Wolodimir Selenski 2019 sinngemäss gewarnt: Deine Vorgänger im Amt des ukrainischen Präsidenten haben Fehler gemacht und dem Land geschadet. Wenn du Fehler machst, schadest du der ganzen jüdischen Gemeinschaft. Kolomojski hat als Mäzen seiner Heimatstadt das grosse jüdische Zentrum Menora gestiftet und neben anderen Projekten auch Selenskis Theatertruppe unterstützt. Mit seinem Fernsehkanal «1 plus 1» machte der Oligarch den Schauspieler und die Serie «Diener des Volkes» landesweit bekannt. So wurde dieser populär und ging in der Präsidentenwahl als Sieger hervor, hatten doch viele Bürger und auch die Wirtschaftseliten den Staatschef Poroschenko satt, für dessen Ablösung, wie später rekonstruiert wurde, einflussreiche Personen der Gesellschaft sich aktiv engagierten.
Aus dem sowjetischen Hinterhof
1991, als die Ukraine sich grade als unabhängige Republik aus der Konkursmasse der Sowjetunion herauslöste, war Selenski 14 Jahre alt. In seiner Heimatstadt Kriwoj Rog (heute Krivy Rih), einem Zentrum der Metallindustrie, spielten die Kinder, damals noch als sowjetische Pioniere, vor allem in den gewerblich geprägten Hinterhöfen. Nach der Wende riet man ihnen, diese öffentlichen Räume zu meiden, jetzt waren da bewaffnete Banden unterwegs. Für seine Schule Nr. 95 gewann Selenski den Wettbewerb der Gauklergruppen des unionsweit beliebten «Clubs der Fröhlichen und Erfinderischen». Das bedeutete Tourneen durch ganz Russland. Als frisch gebackenes Staatsoberhaupt wurde der russischsprachig sozialisierte Sohn assimilierter Juden zu einem Patrioten ukrainischer Zunge, versprach den seit 2014 schwelenden Krieg im Donbass zu beenden und die Macht der Oligarchen zu brechen. Sein Vorgänger Poroschenko hatte in die Verfassung das Beitrittsziel zur NATO geschrieben. Die EU machte dem Land Hoffnungen, wenn es Europatauglichkeit erreiche, insbesondere durch den Kampf gegen die notorisch hohe Korruption.
Kaum an der Macht liess Selenski seinen Gönner Kolomojski verhaften, der sich weigerte das Land zu verlassen und derzeit mit Fussfessel noch immer seine Stimme erhebt, zumal die Ukraine im Vorwahlmodus ist und Weichen gestellt werden könnten. Andere Oligarchen waren – ebenfalls im Besitz mehrerer Staatsangehörigkeiten – schon weg oder verliessen jetzt das Land. Die Ukraine, dem neuen Selbstbild von Anti-Russland folgend, wurde mit Sprach- und Religionsgesetzen auf den Weg zu einem einsprachigen Nationalstaat geschickt. Die Umbenennung von Strassen- und Ortsnamen, der Abbau und Austausch von geschichtlichen Denkmälern wurde als Dekolonisierung vorangetrieben. Dies brüskierte mitunter Einwohner, die sich so mit ihrer Stadt nur noch schwer identifizierten. Es kam zu Exzessen und Absurditäten. Während die Kriegshandlungen in den russisch besetzten Teilen des Landes nicht aufhörten, wurde die Bevölkerung – die mehrsprachig und konfessionell divers ist – mit Regulierungen und Strafen konfrontiert. Stimmen, die monierten, die Ukraine werde nicht von Ukrainern regiert, wurden lauter. Sie meinten nicht nur den starken «westlichen» Einfluss auf die Politik, sondern auch eine Führungselite, die mit Selenski und seinem Umfeld jüdisch geprägt ist. Als Argument kam diese in sowjetischer Tradition säkulare Prägung erst zum Einsatz, als mit Putins Angriff im Februar 2022 die russische Rhetorik von der vom Nazismus zu befreienden Ukraine abgewehrt werden musste. Wie konnte ein Land mit einem jüdischen Präsidenten ein Ort für Rechtsextreme sein?
Kritik und alte Ressentiments
Aus der Bevölkerung – ob geflohen oder im Land ausharrend – kommen aufgrund der schon länger bekannten massiven Korruption im engsten Umfeld des Präsidenten zunehmend schärfere Stimmen: Der Präsident interessiere nicht für das Staatsvolk des Landes, er sei keiner von ihnen und denke nur an den Applaus bei Auslandsauftritten, an seinen eigenen Reichtum und den seiner Familie. Dass die wirtschaftsmächtigen jüdischen Familien ihre Söhne nicht an die Front schicken – ein weiterer Vorwurf –, mag zwar stimmen, trifft aber genauso auf die gesamte ukrainische Elite zu. Die Vermutung, Selenski opfere das ukrainische Volk, weil er sich für dessen Kollaboration mit der Wehrmacht rächen wolle, oszilliert zwischen Verschwörungserzählung und Geschichtspolitik. Der Krieg spielt auch in der Vergangenheit.
Seine jüdischen Wurzeln hat Selenski selber kaum ins Feld geführt. Als er freilich in Yad Vashem nach dem russischen Angriff 2022 eine Ansprache halten wollte, hat ihm das der Vorsitzende der Gedenkstätte, Dani Dayan, verwehrt. Es habe befürchtet, der Angriff auf die Ukraine würde von dem Präsidenten mit dem Holocaust gleichgesetzt. Eine Videorede Selenskis vor der Knesset zog dann tatsächlich Analogien zum Holocaust. Die ukrainischen Systemmedien sprechen derweil von Genozid an den Ukrainern und bezeichnen die Angreifer als Nazis, die Russen insgesamt als Abschaum. Der Vergleich ihrer Heimat mit Israel, einem kämpferisch-tapferen Land, angegriffen von einem mächtigen Nachbarn, wird von ukrainischen Patrioten gerne ins Feld geführt, stösst aber auch auf sarkastische Kritik: Werde Israel angegriffen, reise die Diaspora an, um die Verteidigung zu unterstützen. Im Fall der Ukraine verweigerten dagegen selbst die Einheimischen den militärischen Dienst. In der Tat sollen Gerichtsverfahren gegen 300 000 ukrainische Deserteure laufen. Ihr Patriotismus ist ein anderer als jener der israelischen Gesellschaft. Dass Israel sich erst seit einem halben Jahr und nur indirekt an der militärischen Unterstützung der Ukraine beteiligt und sich den Sanktionen gegen Russland nicht anschliesst, markiert ebenso eine Distanz zwischen den beiden Ländern wie die Anerkennung eines Palästinenserstaates durch die Ukraine, die allerdings noch aus der Sowjetzeit datiert.
Spaltungen in der Gesellschaft
Wie sich die seit 2014 andauernden sektoriellen Kriegshandlungen und der im Februar 2022 voll ausgebrochene Krieg jenseits der verbalen Scharmützel tatsächlich auf die jüdische Bevölkerung auswirken, hat der Politologe Wjatscheslaw Lichatschow beleuchtet. Er war lange im Kiewer Menschenrechtszentrum Zmina («Wandel») engagiert und hatte dort 2018 besorgt festgestellt, dass das rechtsextreme Regiment Asow besonders viele freiwillige Kämpfer anziehe, weil es für seine harten Einsätze bekannt sei. Dass die Azow-Bewegung sich ebenso wie die ihr nahestehenden Einheiten der Armee entpolitisiert habe, wurde vom ukrainischen Soziologen Wolodymir Ishchenko widerlegt. Er stellte fest, dass diese Kreise mit den westlich orientierten urbanen Liberalen im Verbund stehen und deren antirussische Haltung teilen. Das mache sie zu einem gesellschaftlichen Element, das auch die infolge der Deindustrialisierung an den Rand Gedrängten anspricht. Gleichzeitig seien sie ihrer harten Einsatzbereitschaft wegen als Ordnungs- und Sicherheitskräfte willkommen, die in Zeiten des Krieges aufgestockt wurden. Das Beispiel des brutalen Zwangsrekrutierungstrupps zeigt, dass die ukrainische Politik von ihren eigenen europakonformen Bekenntnissen manchmal abweicht. Während die städtischen Eliten sich dem Westen nahe fühlen, werden jene, die sich für die niedrigen Klassen engagieren und selbst zu diesen gehören, als rückständig und prorussisch apostrophiert. Die ukrainische Gesellschaft zeigt somit eine vergleichbare Spaltung, wie sie auch die Vyschegrad-Staaten, die heute zur EU gehören, zunehmend aufweisen. Das gebildete städtische Bürgertum wertet die Marginalisierten der Peripherie ab, vor allem seit es sich nach den Maidan-Revolutionen und infolge des Krieges erstarkt und von der westlichen Staatengemeinschaft unterstützt fühlt.
Verwaiste und gewandelte Gemeinden
Wie die jüdische Minderheit in diesem Sozialgefüge lebt, hat nun der Menschenrechtler Wjatscheslaw Lichatschow, der inzwischen nicht mehr in Kiew, sondern unter anderem in Israel wirkt, in einer Analyse in der russischsprachigen Auslandpresse, in «Jewrejskaja Panorama», dargelegt. Vor 100 Jahren registrierte die Bevölkerungsstatistik noch 1,5 Millionen Juden auf ukrainischem Gebiet. Bei der letzten Volkszählung 2001 bezeichneten sich 105 000 ukrainische Bürger als jüdisch, im postsowjetischen Raum sind solche Angaben angesichts des assimilierten Judentums konservativ. Seither gibt es nur noch Schätzungen, Ende 2025 wurden noch 32 000 jüdische Personen angenommen. Nicht zu leugnen ist, dass die Gemeinschaft vor allem durch massive Auswanderung stark geschwunden ist. Und auch wenn viele Ukrainer eine teilweise jüdische Abstammung haben und dadurch möglicherweise eine emotionale oder auch kulturelle Bindung an das Judentum, bildet sich diese weder in der Lebenspraxis noch in der Statistik ab.
Viele jüdische Gemeinden sind gemäss Lichatschow schon längere Zeit ohne Leitung, da die Rabbiner das Land verlassen haben. Neben den schrumpfenden traditionellen urbanen Zentren von jüdischer Intelligenz und Unternehmertum bleibe aber die Chabad-Bewegung sehr präsent. Sie lade Unentschiedene der ärmeren Schichten ein, ihr Judentum zu entdecken und sei im Erziehungsbereich und oft auch karitativ engagiert, und dies nicht nur zugunsten von Juden. Unter dem Druck des Krieges stehe auch bei jüdischen Bürgern die ukrainische Zugehörigkeit im Vordergrund. Noch nie in der Geschichte sei die nationale Identität so flexibel und wandelbar gewesen wie heute. Ob die jüdische Gemeinschaft ein attraktives Informations- und Kulturprodukt angesichts schwindender materieller und menschlicher Ressourcen anbieten könne, sei fraglich. Die internationale Ausstrahlung ist durch die Stadt Uman, wohin zu Rosch Haschana jedes Jahr auch während des Krieges Zehntausende zum Grab des Rabbi Nachman pilgern, gegeben. Doch mit dem Alltag der ukrainischen Juden hat dieses kurze, laute Aufleben wenig gemein, es sei denn, dass das Gewerbe kurzfristig und der Immobiliensektor nachhaltig floriere.
Die jüdische Identität der Einzelnen sei durch den Krieg zusätzlich gefährdet wegen eingeschränkter Mobilität und mangelndem Austausch. Besonders schmerzhaft, meint Lichatschow, sei der Abbruch der Beziehungen zu den Juden Russlands. Da sie reicher und infrastrukturell besser aufgestellt sei, habe die russische jüdische Gemeinschaft in manchen Belangen die ukrainische seit je unterstützt. Das fällt jetzt offiziell weg, doch informelle Beziehungen sind trotz moralischer und gesetzlicher Ächtung da. Ein Muster, das in der Nachkriegszeit zwischen den verfeindeten Ländern wieder aktiviert wurde und so den Heilungsprozess begünstigen könnte. Das auch bei ukrainischen Juden beliebte russischsprachige Monatsmagazin «Lechaim» findet aber vorderhand kaum mehr den Weg über die Grenze. Es wird auch vom alteingesessenen jüdischen Publikum Russlands und der Ukraine gerne gelesen. Man liest es «in türkischer Manier», das heisst von hinten, überspringt die Eingangsbeiträge von Chabad-Autoren, um sich direkt die gehaltvollen historisch-kulturellen Aufsätze und die aus der russischsprachigen Presse Israels übernommenen Artikel vorzunehmen. Einige ukrainische Gemeindeprojekte wurden noch von russischen Mäzenen oder zumindest mit russischen Mitteln finanziert. Das Holocaust-Memorial-Zentrum Babin Jar als Gedenk- und Bildungsort war das Anliegen einer Gruppe von Oligarchen um Michail Fridman, die zum Teil unter westlichen Sanktionen stehen.
Hohe Erwartungen werden heute auch in die Solidarität der Flüchtlinge gesetzt, die ihre in den Jahren fern der Kriegshandlungen gewonnene Energie der Heimat zugutekommen lassen könnten. Die Prognosen zu den Rückkehrquoten der gegen zehn Millionen Flüchtlinge sind zurzeit allerdings pessimistisch. Und das demografische Problem der Ukraine wird sich noch verschärfen, wenn nach Kriegende auch viele Demobilisierte von der Familienzusammenführung im Ausland Gebrauch machen dürften.
Schwierige Abkehr von der Hasspropaganda
Der Verlauf und der Charakter der Friedensverhandlungen scheint sich in jüngster Zeit von einer seit 2022 erstarkenden Hasspropaganda zu emanzipieren. Mit Blick auf die Nachkriegszeit erinnern auch ukrainische Journalisten und Politologen an die deutsch-französische Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Versöhnung von Erzfeinden kann gelingen. Dass die russischen Angreifer die gezielte Zerstörung der Energie-Infrastruktur trotz paralleler Friedensgespräche nicht einstellen und so ihren Maximalbedingungen für ein Ende des Krieges Nachdruck verschaffen, irritiert und empört. Die amerikanische Führung hat Politiker russischer Muttersprache wie Steve Wittkoff in die Verhandlungsdelegation integriert. Das schwächt die Person Selenskis auf dem internationalen Parkett zusätzlich, der selber eine Einladung nach Moskau ausschlägt, aber nach der Ausschaltung Andrij Jermaks mit Rustem Umerow inzwischen einen ukrainischen Unterhändler mit amerikanischem Pass und ebensolchem Zweitwohnsitz auf der Bühne hat. Und der russische Emissär Kirill Dmitrijew, der in den USA studierte und dessen Mutter Ukrainerin ist, vertritt bei Friedensverhandlungen den Aggressor-Staat und wird dabei nicht über Sprachprobleme mit Vertretern der beiden anderen Partnern stolpern. Eine Professionalisierung der Verhandlungen findet statt, doch bleibt offen, wer einen schliesslich vielleicht erzielten Vertrag unterschreiben würde. Denn die Staatschefs der kriegführenden Parteien gelten beide, je nach Perspektive, als illegitim. Auch dies ein Schlachtfeld.
Dass Russland, wie beschädigt auch immer, nicht von der Landkarte verschwinden wird, ist eine Tatsache. Gekämpft wird dafür, dass auch die Ukraine weiterhin besteht. Ob und wie weit das Klima vergiftet bleibt, wenn die Frage, wer das massenhafte Sterben und die Verwüstungen von Städten und Landschaften verschuldet hat, nach dem Krieg erneut gestellt wird, werden auch die ukrainischen Juden zu spüren bekommen.