geschichte 06. Feb 2026

Ein Jahrhundertstreit

Die Hochzeit zwischen dem beliebten jüdischen Songwriter Irving Berlin und der katholischen Erbin Ellin Mackay im Jahr 1926 war ein grosses Medienereignis. Das Paar blieb 62 Jahre verheiratet.

Die Hochzeit von Irving Berlin und Ellin Mackay löste in den USA eine heftige Debatte über die jüdische Frage der Zugehörigkeit aus.

Als Irving Berlin am 4. Januar 1926 im New Yorker Rathaus Ellin Mackay heiratete, war dies weit mehr als eine private Entscheidung zweier Liebender. Die Ehe zwischen einem jüdischen Einwanderersohn aus ärmlichen Verhältnissen und einer katholischen Erbin aus der gesellschaftlichen Elite Amerikas löste eine Debatte aus, die jüdische Gemeinden spaltete – und die, wie sich 100 Jahre später zeigt, bis heute nicht abgeschlossen ist.

Die «Jewish Telegraphic Agency» bezeichnete die Hochzeit als «eine der meistdiskutierten Ehen der Jazz-Ära». Sie berührte gleich mehrere neuralgische Punkte: Religion, Assimilation, Antisemitismus, soziale Zugehörigkeit – und die Frage, wie jüdisch man sein kann oder darf, um dennoch Teil der amerikanischen Mehrheitsgesellschaft zu werden.

Liebe gegen Herkunft
Irving Berlin, geboren als Israel Beilin im Russischen Reich, war als Kind mit seiner Familie vor Pogromen in die USA geflohen. Mit Liedern wie «Alexander’s Ragtime Band» und später «God Bless America» wurde er zu einem der prägenden Komponisten des 20. Jahrhunderts – ein jüdischer Immigrant, der den Sound Amerikas mitdefinierte. Ellin Mackay hingegen entstammte einer der reichsten katholischen Familien des Landes. Ihr Vater Clarence Mackay, ein einflussreicher Industrieller, war erklärter Gegner der Beziehung. Als die Liaison öffentlich wurde, entzog er seiner Tochter die finanzielle Unterstützung und versuchte, sie durch eine lange Europa-Reise von Berlin zu trennen. Die jüdische Presse jener Zeit verfolgte den Konflikt aufmerksam – nicht ohne innere Widersprüche. Einerseits galt Berlin als Symbol jüdischen Erfolgs. Andererseits wurde seine Entscheidung als gefährliches Signal gelesen. Zeitgenössische Kommentatoren warnten, seine Ehe könne «den Zerfall jüdischer Kontinuität beschleunigen».

Ein Spiegel jüdischer Unsicherheit
Die 1920er Jahre waren eine Phase intensiver jüdischer Integration in den USA – aber auch wachsender antisemitischer Ressentiments. Eliteuniversitäten führten Quoten ein, der Ku-Klux-Klan erlebte eine Renaissance, und die Hauptfrage lautete: Anpassung oder Abgrenzung? In diesem Klima wurde Berlins Ehe zum Projektionsfeld kollektiver Ängste. Nicht zufällig richtete sich die Kritik weniger gegen Ellin Mackay als gegen Berlin selbst. Von einem Mann mit seinem Status hätte man «ein öffentliches Bekenntnis zur innerjüdischen Eheschliessung» erwartet. Ein Rabbiner schrieb damals, Berlin habe «nicht nur eine Frau geheiratet, sondern ein Zeichen gesetzt». Andere Stimmen widersprachen: Liebe sei keine religiöse Kategorie, und jüdisches Leben in Amerika müsse sich verändern dürfen, um fortzubestehen.

Keine Konversion – kein Bruch
Bemerkenswert ist, dass Ellin Mackay nie zum Judentum konvertierte. Gleichzeitig distanzierte sich Irving Berlin nie von seiner jüdischen Herkunft. Er vermied religiöse Selbstaussagen, griff jüdische Themen jedoch immer wieder in seinem Werk auf – und komponierte zugleich patriotische Hymnen, die ihn zu einer amerikanischen Ikone machten.

Die Ehe hielt über sechs Jahrzehnte. Das Paar bekam vier Kinder, lebte weitgehend zurückgezogen und entzog sich bewusst öffentlichen religiösen Zuschreibungen. Genau darin liegt der entscheidende Punkt: Berlin habe keinen Bruch vollzogen, sondern eine Spannung ausgehalten. Er habe, so heisst es, das Paradox jüdischen Erfolgs in Amerika verkörpert: vollständige kulturelle Integration bei gleichzeitiger Unmöglichkeit, allen Erwartungen der eigenen Gemeinschaft gerecht zu werden.

Alte Debatte, neue Begriffe
Heute sind interreligiöse Ehen in Nordamerika eher die Regel als die Ausnahme. In liberalen jüdischen Strömungen gelten sie längst als gesellschaftliche Realität, mit der gearbeitet wird – nicht als Problem, das verhindert werden muss. Doch die grundlegenden Fragen sind geblieben. Noch 2025 entschuldigte sich die konservative Masorti-Bewegung offiziell für ihre jahrzehntelange Politik der Ausgrenzung interreligiöser Paare. Man habe den «Schaden unterschätzt, der im Namen des Erhalts angerichtet wurde». Gleichzeitig mehren sich Stimmen, die vor einem Verlust jüdischer Substanz warnen. Identität, so das Argument, lasse sich nicht unbegrenzt flexibilisieren, ohne sich aufzulösen.

Biografischer Präzedenzfall
Irving Berlins Ehe wird heute weniger moralisch beurteilt als historisch gelesen. Sie markiert einen frühen Moment, in dem jüdisches Leben nicht mehr ausschliesslich als religiöse Praxis verstanden wurde, sondern als kulturelle, biografische und emotionale Zugehörigkeit. «Berlin hat die jüdische Debatte über interreligiöse Ehen nicht gelöst. Er hat sie unausweichlich gemacht.»

100 Jahre später ist genau das sein Vermächtnis, nicht nur als Komponist, sondern als Figur jüdischer Moderne: ein Leben zwischen Zugehörigkeit und Überschreitung, zwischen Tradition und individueller Entscheidung. Und ein Streitfall, der bis heute nachwirkt.

Scott D. Seligmann