Ariel Muzicant versammelt Porträts von 176 jüdischen Persönlichkeiten, die Österreich nach 1945 geprägt haben – für eine bessere Welt in der Gegenwart.
Jahrzehntelang hat Ariel Muzicant als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien oder zuletzt im Europäischen Jüdischen Kongress Politik für die jüdische Gemeinschaft gemacht, Schulen gebaut, soziale Institutionen gestärkt, ist gegen Antisemitismus auf die Strasse gegangen und hat Sicherheitspolitik betrieben. Daneben hat er seit Jahren Bücher über das jüdische Österreich herausgegeben. Getrieben war und ist vom Tikkun Olam («Für eine bessere Welt»), das in den letzten zwei Jahrzehnten zum Credo vieler jüdischer Zivilorganisationen geworden ist. Der Begriff geht auf eine alte Tradition zurück; seit Jahrhunderten sprechen ihn Juden täglich im Aleinu-Gebet. Es ist, wie das Buch gleich zu Beginn festhält, «ein so unscheinbares wie revolutionäres Prinzip: Ein Versuch, ein Bemühen, die Welt besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat». Zusammen mit Klaus S. Davidowicz und Georg Markus versammelt Ariel Muzicant Porträts von Menschen, die nach 1945 das kulturelle, wissenschaftliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben Österreichs mitgeprägt haben – trotz allem. Oder vielleicht: gerade deshalb. Das Spektrum reicht von Elfriede Jelinek und Elias Canetti über Arik Brauer, Ernst Fuchs und Friedrich Hundertwasser bis zu Simon Wiesenthal, Leon Zelman und der Filmikone Hedy Lamarr. Dazu kommen Musiker wie Arnold Schönberg und Edmund Eysler, Psychiater wie Viktor Frankl und Friedrich Hacker, Rechtswissenschaftler, Sportler und Unternehmer – 176 Lebensgeschichten, die zusammen ein Panorama des jüdischen Beitrags zur österreichischen Gegenwart ergeben.
Fünf Jahre und 300 Namen
Die Entstehungsgeschichte des Bandes ist selbst eine Geschichte über Ausdauer und Leidenschaft. Ariel Muzicant, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) und seit über 56 Jahren im jüdischen Leben Wiens verankert, schilderte bei der Buchpräsentation am vergangenen Montagabend im Jüdischen Museum Wien, wie das Projekt seinen Anfang nahm: «Wir haben uns vor fünf, sechs Jahren zusammengesetzt und haben gesagt, wir würden gerne Bücher über die jüdische Gemeinde nach 1945 herausgeben.» Der Kern des Projekts war von Anfang an politisch-moralischer Natur: Es sollte jene Menschen ehren, die nach 1945 zurückgekommen sind und für ein Land, das ihnen so viel angetan hatte, Ausserordentliches geleistet haben.
300 Namen standen zunächst auf der Liste. Am Ende blieben 176 Persönlichkeiten übrig – eine schmerzhafte Auswahl. «Wir haben dann noch einmal 34 leider rausgenommen, die wir schon geschrieben hatten, damit das Buch überhaupt in eine Form kommt», so Muzicant. «Das Ganze hat am Ende fünf Jahre gedauert.» Koordiniert wurde die aufwendige Recherche von Lea Schächter, deren erste grobe Namensliste am Anfang aller Diskussionen stand – und die, wie Davidowicz bei der Präsentation erzählte, sofort für grosses Interesse sorgte: «Ich habe das Projekt bei einem Vortrag in der Urania vorgestellt und wurde danach belagert. Alle wollten nur wissen: Wer ist drin, wer nicht?»
Wer ist eine jüdische Persönlichkeit?
Eine der zentralen Fragen des Projekts war die der Definition: Wer gilt als jüdische Persönlichkeit im Sinne dieses Buches? Die Autoren entschieden sich bewusst gegen religiöse oder halachische Kriterien. «Nicht nach dem Religionsgesetz, also nicht nach der Halacha oder irgendwelchen Regeln», betonte Muzicant. «Es muss jemand sein, der in Österreich gewirkt hat oder zumindest nach 1945 hier etwas beigetragen hat – und jüdische Wurzeln hat.» Ausdrücklich nicht relevant war dabei die Frage, ob jemand religiös praktizierend oder säkular war – massgeblich war das gelebte Verhältnis zur eigenen Herkunft und Identität.
Eine Ausnahme bestätigt die Regel: Friedrich Torberg, dessen biologischer Vater Nationalsozialist war, wurde dennoch aufgenommen. Er war als Kind von seinem jüdischen Stiefvater adoptiert worden und hat sich, wie Georg Markus erläuterte, «immer dem Judentum zugehörig gefühlt» – und hat durch seine Wiederentdeckung und Popularisierung des jüdischen Witzes nach dem Krieg einen unschätzbaren kulturellen Beitrag geleistet.
Von der Leinwand zum Sportplatz
Das Buch ist in Themenkapitel gegliedert: Fotografie, Finanzen, Film, Theater, Rechtswesen, Musik, Psychiatrie und Psychologie, Malerei, Wissenschaft, Journalismus, Soziales Engagement, Sport, Wirtschaft, Jüdische Gemeinde und Literatur. Allein diese Gliederung macht deutlich, wie weit das Netz gespannt ist. Im Kapitel Film finden sich Hedy Lamarr – die Wiener Schauspielerin und Erfinderin, die Hollywood prägte – neben Fred Zinnemann und Otto Preminger. In der Literatur stehen Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin, neben Hilde Spiel, Jean Améry und Friedrich Torberg. Im Bereich Musik reicht das Spektrum von Arnold Schönberg und Edmund Eysler bis zu Marcel Prawy, dem grossen Opernvermittler des Nachkriegsösterreichs.
Georg Markus, einer der erfolgreichsten Schriftsteller Österreichs, Autor der berühmten «Kurier»-Kolumne «Geschichten mit Geschichte» und Träger des Österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse, schrieb am Ende rund 70 Porträts – ursprünglich waren 40 geplant. «Ich konnte einfach nicht aufhören», gestand er. Neben grossen künstlerischen Figuren wie Arik Brauer, Ernst Fuchs, Friedensreich Hundertwasser und dem Psychiater und Schriftsteller Viktor Frankl schrieb er auch über Sportler wie Thomas Löwy, Präsident der HAKOA und Schwimm-Europameister, sowie über den Pianisten und Dirigenten Johann Holländer, den er persönlich kannte und besonders schätzte.
Kleines Lexikon mit Esprit
Davidowicz fasste das Konzept prägnant zusammen: «Wir wollten kein Lexikon, wo Daten aneinandergereiht werden, die Verdienste und was sie gemacht haben. Wir sind eben kein Lexikon, sondern wie der Titel sagt: Für eine bessere Welt. Wir wollten zeigen, wie das österreichische Judentum sich an der Verbesserung der Welt beteiligt hat in den letzten Jahren und Jahrzehnten – was sehr oft einfach übersehen wird. Es hat ja auch lange gedauert, bis man hier kapiert hat, was Juden vorher für Österreich getan hatten. Und jetzt werden sie in Sonntagsreden zitiert. Es ist an der Zeit, auch an die Jüdinnen und Juden zu denken, die in den letzten 70 Jahren hier Österreich zu einem besseren Land gemacht haben.»
Humor spielt dabei eine tragende Rolle. Markus erzählte von der engen Freundschaft zwischen Robert Stolz – der zwar kein Jude war, aber während der NS-Zeit viele Verfolgte in seinem Koffer über die Grenze gerettet hat – und seiner Frau Einzi, die als beste PR-Dame ihres Mannes galt. Der Theatermann ErnstHaeussermann soll über sie gesagt haben: «Wenn ich die Einzigerin für mich hätte, könnte ich auch beruhigt sterben.» Solche Anekdoten ziehen sich durch das ganze Buch – sie machen es lesbar, menschlich, lebendig.
Die Österreich-Konflikte
Besonders aufschlussreich ist das Kapitel über Bruno Kreisky – eine der komplexesten Persönlichkeiten des Buches. Kreisky, dreizehn Jahre Bundeskanzler und prägender Sozialdemokrat, stand in einem lebenslangen, widerspruchsvollen Verhältnis zu seinem jüdischen Erbe. Journalist und Historiker Martin Haidinger, der die Präsentation moderierte, sprach von einem «kaum komplexeren Charakter» in der österreichischen Nachkriegsgeschichte und gab mit der Bemerkung, wer sich denn jemals hätte vorstellen können, dass Kreisky und Wiesenthal je zusammen auf einem Buchcover fungierten, die Steilvorlage für inner-österreichische Abgleiche der einstigen Konfliktlinien. Muzicant erzählte, dass sein Vater – SPÖ-Mitglied und persönlich betroffen vom Konflikt zwischen Kreisky und Simon Wiesenthal – versucht hatte, zwischen den beiden zu vermitteln. «Mein Vater war Mitglied der SPÖ und hat da so sehr drunter gelitten», sagte Muzicant. Der Konflikt zwischen den beiden war tief: Der eine Sozialdemokrat, der andere konservativ. Der eine bekennender Gegner des Zionismus, der andere genau das Gegenteil.
Georg Markus, der auch ein Kapitel über Teddy Kollek geschrieben hat – den Wiener, der später legendärer Bürgermeister Jerusalems wurde –, schloss die Diskussion über Kreisky mit einem seiner berühmtesten Witze. Kreisky hatte seinen kleinen Enkel gefragt, was er werden wolle, wenn er gross sei. Die Antwort: «Bundeskanzler.» Kreiskys Replik: «Das geht nicht, es gibt nur einen Bundeskanzler.» Das Publikum lachte – und verstand. In solchen Momenten, sagt Markus, zeige sich, was jüdischer Humor eigentlich ist: nicht Witz im Plural, sondern Witz im Singular. Eine Haltung. Eine Art, mit Tragik umzugehen, ohne an ihr zu zerbrechen.
Buch als politisches Statement
Was wie eine Hommage beginnt, ist auch ein Manifest. Muzicant sprach bei der Präsentation Klartext über die aktuelle Lage jüdischen Lebens in Europa: «Ich bin politisch engagiert und habe das dringende Problem, dass in vielen Ländern Europas sich die Jungen heute überlegen, ob sie in diesem Europa noch leben wollen und noch leben können.» Er nannte Spanien, Irland, Belgien, Slowenien – und meinte, dass auch in Australien Studien zeigten, wie verbreitet dieser Gedanke inzwischen sei.
Mit Blick auf den 7. Oktober 2023 wurde Muzicant noch deutlicher: «In der Dimension, die wir seit dem 7. Oktober erleben, muss schon sehr viel schiefgehen. Für die letzten 1,2 Millionen Juden hier in Europa stellt sich die Frage: Wie lange ist das noch möglich?» Gleichzeitig betonte er, was das Buch dokumentieren soll: «Die kleine jüdische Bevölkerung, die es hier in Österreich noch irgendwie geschafft hat zu überleben und Fuss zu fassen, hat einen überproportionalen Beitrag geleistet – in der Kunst, der Kultur, der Politik, dem Sport. Das wollten wir zeigen.» Um ein wenig Phantomschmerz kommt man bei der Lektüre nicht umhin. Es zeigt die Fulminanz jüdischen Schaffens in Österreich auch für die europäische Gesellschaft und versetzt jene in Nostalgie, die diese Brillanz heute nicht mehr so finden können.
Klaus S. Davidowicz / Georg Markus / Ariel Muzicant «Für eine bessere Welt. Prägende jüdische Persönlichkeiten aus Österreich» Amalthea Verlag, Wien.