dokumentarfilm 01. Apr 2026

Gefilmte Indoktrination im Schulalltag

Protagonist Pavel Talankin blickt in die russische Propaganda-Maschinerie.

Eine auf Videoaufnahmen in einer Provinzschule im Ural basierende Arbeit hat mit «Mr. Nobody gegen Putin» den Oscar für den besten Dokumentarfilm bekommen – das hat viele Fragen ausgelöst.

Die in «Mr. Nobody gegen Putin» porträtierte Schule in Karabasch, Region Chabarowsk, beschäftigt einen Videografen, der den Alltag der Schüler filmisch begleitet, mitunter auch festliche Anlässe gestaltet. Dieser junge Mann, Pavel Talankin, hat in der Folge des Angriffskrieges seiner Heimat auf das Nachbarland Ukraine ein verändertes Pflichtenheft, muss nun auch patriotische Lektionen und Trainingsübungen dokumentieren. Denn seit Februar 2022 stimmt die russische Führung die Heranwachsenden auf den Krieg ein. Der Beobachter realisiert nur allmählich, wie sehr Drill und Gehirnwäsche das Dasein der Kinder, ja die Kinder selbst verändern. Als er an einem Kurs einen westlichen Videojournalisten kennenlernt, beginnt er, das schulische Geschehen bewusst im Hinblick auf eine filmische Verarbeitung aufzunehmen. Sein Partner im Projekt, der in Dänemark lebende US-Regisseur David Borenstein, motivierte den bei den Schülern beliebten Pädagogen, der ihm sein Material offenbar problemlos übermittelte, und half diesem 2024 bei seiner Flucht nach Tschechien. Flucht? Er buchte neben dem Hin- auch einen Rückflug, um die Behörden im Glauben zu lassen, er komme zurück. So erzählt Talankin später in dem von Borenstein montierten und kommentierten, in dänisch-tschechischer Koproduktion gefertigten Film, in dem er vor allem als Held auftritt. «Mr. Nobody gegen Putin» hatte Weltpremiere am Sundance Festival im Januar 2025, wo er den Preis einer Spezialjury erhielt und wo auch das Vorspiel für eine Oscar-Nominierung begann.

Antikriegsfilm aus kriegsführendem Land
Seit dem 15. März wird nun über den Film diskutiert. Der vom Drehbuchautor gewählte Titel und das Plakat, das den kleinen Lehrer auf der lang gezogenen Pinocchio-Nase von Lügen-Meister Putin sitzend zeigt, sind Anleitung für die Rezeption. Gehirnwäsche und Kriegspropaganda zerstören die russische Zivilgesellschaft schon bei den Kleinsten. Der dokumentarische Einblick als pazifistisches Manifest. Das unterstreicht Talankin in seiner Dankesrede mit dem Aufruf: «Stoppt alle Kriege, sofort!». Produzent und Drehbuchautor Borenstein hat nicht so sehr Russland im Blick, sondern seine Heimat USA: «Wenn wir uns mitschuldig machen, wenn eine Regierung Menschen auf den Strassen unserer Grossstädte ermordet, wenn wir nichts sagen, wenn Oligarchen die Medien übernehmen und kontrollieren, stehen wir alle vor einer moralischen Entscheidung.» Die Beschneidung der Pressefreiheit und der Einsatz der Einwanderungs- und Zollpolizei ICE sind Probleme, die nicht allein den Filmer umtreiben, der seinem Land den Rücken gekehrt hat.

Borenstein hat schon in seinen früheren Arbeiten der Methode vertraut: Material sammeln, montieren und mit einem Sympathieträger sowie mit einem Erzähltext versehen. Zehn Jahre lebte der New Yorker Student, der Sinologe und Anthropologe, in China, zunächst mit einem Fulbright-Stipendium. Seine Themen waren Urbanisierung und Immobilienspekulation. Daraus resultierte 2016 sein Film «Dream Empire», in dem eine vom Immobiliencrash betroffene chinesische Maklerin die zentrale Rolle spielt. Auch hier hatte er während des Schnitts ein Drehbuch verfasst.

Metapher für die USA
Anlässlich der Oscar-Verleihung an einen «russischen Dokumentarfilm» hielten Kritiker, vor allem aus den in das Kriegsgeschehen involvierten Ländern, nicht mit ihren Meinungen zurück. Anton Dolin, Filmkritiker bei der Internetredaktion «Meduza», würdigte den Film dafür, dass er – bei all seinen Mängeln – der freien Welt, an die er sich richte, zeige, wie es im Innern des Krieg führenden Landes aussieht. Tage später meinte er: «Russland ist in diesem Film eine Metapher für die USA.» Es sei keine russische Produktion, sondern eine von einer dänisch-tschechischen Firma gefertigte Arbeit in russischer Sprache. Der Film ist seit über einem Jahr im Umlauf, hat einen British Academy Award gewonnen und wird etwa auch im Rahmen des Zürcher Human Rights Film Festival gezeigt, welches ihn schon vor dem Oscar-Hype ins Programm aufgenommen hat und korrekt David Borenstein als Autor nennt.

Russen erfahren in dem Film nichts Neues. Die hier gezeigte Schulwelt erscheine im Gegenteil harmloser als die Realität. Ein Streitgespräch führten die russischen Philologinnen Anna Narinskaja, heute in Berlin, und Tatjana Malkina. Letztere – aus ihrer Wahlheimat USA zugeschaltet – lehnt den Film als ein Machwerk mit unklarer Autorenschaft ab. Zum einen mache der Lehrer Talankin Videoaufnahmen, aber manchmal werde auch er gefilmt, ohne dass man erfahre, von wem. Ob die Szene, in der er eine russische Flagge hält, die nur noch Blau-Weiss trägt (ohne den roten Streifen gilt sie als Bekenntnis zur Opposition), in der Schule spielt oder aber erst später arrangiert wurde, sei auch nicht klar. Hier habe ein amerikanischer Autor eine fertige These illustriert. So funktioniere Dokumentarfilm nicht, meint sie und erinnert an Claude Lanzmann als wahren Meister des Genres.

Narinskaja, vom Kreml seit 2024 als «ausländische Agentin» taxiert, hat den Film mehrmals bei Vorführungen im universitären Umfeld gesehen und dabei erlebt, dass er vor allem als Warnung vor der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft gelesen wird. Diese Arbeit leiste kulturelle Übersetzung, indem ähnlich gefährliche Tendenzen in zwei Ländern mit völlig unterschiedlicher Mentalität aufgezeigt werden. Zum Oscar, dessen Verleihung oft ein politischer Entscheid sei, sei Distanz angebracht. Aber er belebe die Diskussion um ein prämiertes Werk, um ein Thema. Sie zitiert die Dichterin Anna Achmatowa, die einmal auf die Frage, ob sie enttäuscht sei, dass sie den Literatur-Nobelpreis nicht bekommen habe, meinte, das sei deren Preis, und die bestimmen, an wen er geht.

Pikant sei, weiss die skeptische Tatjana Malkina, dass die amerikanischen Studenten von der russischen Schule begeistert seien, die sich einen Videobeobachter leistet. Im Film sagt Talankin, der sein Land und seine Arbeit liebt, eine solche Stelle sei Teil des Lehrkörpers an allen russischen Schulen. Ist die prämierte Arbeit gar ein Propagandafilm?

Propaganda, Gegenpropaganda, Schuldfrage
Zu diskutieren gibt auch die Frage, ob Empathie für die Kinder und Jugendlichen des Aggressorstaates zulässig sei, wo die Opfer doch die Ukrainer sind. Offenbar haben die Jury, professionelle Kritiker und auch ein breites westliches Publikum sich daran nicht gestossen, sondern vor allem die Verurteilung eines Regimes gesehen, das seinen eigenen Bürgern Schaden zufügt.

Nicht akzeptabel ist der Film für die offizielle ukrainische Politik. Denn die Opfer des Angriffskrieges kommen nicht vor in der Erzählung, die Borenstein dem Material unterlegt. Und schon gar nicht die Tatsache, dass in der Ukraine schon seit 2014 ein von Russland induzierter Krieg herrscht. Was in der Tat in den Schulen noch keine Militarisierung auslöste.

Die russische Bevölkerung als Opfer ihrer politischen Führung wiederum ist ein Lamento, das die Selbstwahrnehmung und die Alltagsphilosophie grundiert. «Wir sind ein gutes Volk, aber wir haben seit je Pech mit unseren Herrschern.», heisst es sinngemäss mit Blick auf die gesamte russische Geschichte, auch auf die der Zarenzeit.

Gegen diese Erzählung steht heute die Tatsache, dass oft gerade gebildete Russen, ob zu Hause oder im Exil, sich für die Kriegshandlungen und die verbalen Exzesse der heutigen Machthaber mitschuldig fühlen. Einige ziehen gar die russische Kultur, die Schriftsteller und Philosophen pauschal zur Verantwortung und treffen sich mit der durch den Krieg gefestigten Ablehnung alles Russischen auf ukrainischer Seite. Selbsthass trifft auf Russophobie – für die geschundene Region sind beide Regungen destruktiv.

Den Russen vor Augen zu führen, dass sie Geiseln ihrer Regierung sind, könnte – so hoffen viele – die Opposition im Land stärken. Dies hatte sich auch die russisch-kanadische Dokumentarfilmerin Anastasija Trofimowa mit ihrer Frontreportage «Russen im Krieg» vorgenommen, deren Präsentation auf den Filmfestspielen von Venedig 2024 den Protest von ukrainischen Politikern und Diplomaten auslöste. Exponenten des Ukrainian Canadian Congress, der mit 1,4 Millionen Kanadiern ukrainischer Herkunft die grösste ukrainische Diaspora darstellt, intervenierten, um die Aufnahme der Reportage in das Filmfestival von Toronto zu verhindern. Ohne Erfolg. Am Zurich Film Festival wurde der Film, bereits im gedruckten Programm platziert, damals immerhin nicht gezeigt.

Russische Geschichstlektion
Der Held von «Mr. Nobody gegen Putin» wurde mitsamt goldener Oscar-Trophäe auf eine Exkursion in das «russische Kalifornien» eingeladen. Empfangen auf Fort Ross, dem 1812 als Niederlassung der russisch-amerikanischen Handelskompanie in Kalifornien eingerichteten und von russischen Siedlern erschlossenen Gelände, wurde er von einem lokalen Guide. Dieser erteilte ihm in gebrochenem Russisch eine Geschichtslektion. Die Kompanie war unter anderem für den Tausch von landwirtschaftlichen Produkten gegen russische Erzeugnisse zuständig. 1841 wurde Fort Ross verkauft und 1903 schliesslich von der Denkmalkommission übernommen. Restaurationen und Rekonstruktionen – ein Blockhaus als Museum, eine orthodoxe Kapelle – stützten sich auf russische Archive.

Der Ausflug des Lehrers aus dem Ural wurde auf Youtube dem breiten Publikum zugänglich gemacht. Von diesem kam der Rat, Talankin solle Englisch lernen, um eine Zukunft zu haben. Eine Stimme empfahl, der russische Pazifist solle sich mit Donald Trump treffen, dann würde dieser den Friedensnobelpreis bekommen. Während Krieg und Frieden auf dem Niveau der Boulevardpresse verhandelt werden, ist keine Lösung des Konflikts in Sicht.

Regula Heusser-Markun