Der frühere Freiburger Stadtrat Michael Moos spricht über den drohenden Wahlerfolg der AfD, Erinnerungskultur in Deutschland und warum es ihm wichtig war, jetzt seine jüdische Familiengeschichte zu erzählen.
Der 78-jährige Anwalt Michael Moos war als linker Kommunalpolitiker von 1999 bis 2022 Stadtrat in Freiburg i. Br. Letztes Jahr machte er in seinem Buch «Und nichts mehr wurde, wie es war …» seine jüdische Familiengeschichte bekannt. Kurz vor den Landtagswahlen in Baden-Württemberg spricht er mit tachles über den bevorstehenden Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD) und darüber, was sein Buch in diesen Zeiten für ihn bedeutet.
tachles: Im In- und Ausland blickt man am Wochenende mit grosser Anspannung auf die Landtagswahlen in Baden-Württemberg. Wie sehen Sie die Lage?
Michael Moos: Ich schaue darauf, ob Manuel Hagel von der Christlich Demokratischen Union oder Cem Özdemir von den Grünen Ministerpräsident wird. In der Landespolitik wird sich aber nicht viel ändern, weil beide Parteien wieder miteinander koalieren dürften. Was mich bewegt, ist einerseits, dass die Linke erstmals eine reale Möglichkeit hat, in den Landtag zu kommen, mit einer Verdopplung der Stimmen. Eine sozial ausgerichtete Kraft dort würde dem Land sehr guttun. Andererseits ist es eine Horrorvorstellung, dass die AfD in Umfragen bei knapp 20 Prozent liegt.
Sie kennen Baden-Württemberg gut, wohnten in Ulm, Tübingen und seit Langem in Freiburg. Überrascht es Sie, dass die AfD in diesem wohlhabenden Bundesland so viel Zuspruch findet?
Leider nicht, weil auch hier viel zu lange zum Treiben der AfD geschwiegen wurde. Gerade auf dem Land wird die politische Auseinandersetzung von den Mitte-Parteien nicht gesucht. Die Linke ist dort sehr schwach, sie hat ihre Basis vor allem in den Städten. Seit sie existiert, lässt man die AfD also mehr oder weniger gewähren. Das ist fatal, weil sie so immer stärker wird.
Wie ist es in Freiburg, das als progressive Insel im konservativen Baden-Württemberg gilt?
2019 zog die AfD hier erstmals mit zwei Sitzen in den Gemeinderat ein. 2024 hatte sie erneut zwei Sitze und nicht mehr als 4,5 % der Stimmen. Es ist also nicht gottgegeben, dass sie bei 20 % landet. In Freiburg wurde vieles richtig gemacht bei der Auseinandersetzung mit Rechts und der Frage, wie man ihnen das Wasser abgräbt und wie das Zusammenleben in einer diversen Stadtgesellschaft funktionieren kann. Es muss also nicht so weit kommen, wenn man der Hetze gegen Geflüchtete, Kultureinrichtungen oder das öffentlich-rechtliche Fernsehen etwas entgegensetzt. Im Wesentlichen aber liess man das einfach laufen, wofür wir jetzt die Quittung bekommen. Diese Entwicklung entsetzt mich.
Als linker Kommunalpolitiker und Anwalt verorteten Sie sich immer an der Seite der Schwachen in der Gesellschaft. Fühlen Sie nun Resignation?
Resignation nicht. In gewisser Weise ist es jetzt erst recht Zeit, dagegenzuhalten. In meiner konkreten Erfahrung mit der AfD mussten wir gerade bei Haushaltsdebatten jede Unterstützung für soziale und kulturelle Projekte gegen die AfD durchsetzen. Wenn die AfD davon schwadroniert, der Staat solle weniger ausgeben, steckt dahinter eine brutale Politik gegen die Schwachen in der Gesellschaft.
2025 erzählten Sie in Ihrem Buch «Und nichts mehr wurde, wie es war …» Ihre jüdische Familiengeschichte. In Ihrem Umfeld war dies längst nicht allen bekannt. Wie kam das?
In meiner Familie spielte Jüdisch-Sein keine grosse Rolle. Natürlich feierte ich in Israel, wo ich bis zu meinem sechsten Lebensjahr war, im Kindergarten alle jüdischen Feste, aber mit sechs kam ich mit meinen Eltern nach Ulm, ihre Geburtsstadt, und da ging es für mich darum, neue Freunde zu finden und mich rasch zu integrieren. Dazu kommt das politische Umfeld: Mein Vater war sein Leben lang Sozialist, und als ich etwa acht Jahre alt war, ging ich zu den Falken, einer sozialistischen Jugendorganisation. 1966 begann ich mein Jura-Studium in Tübingen und trat sofort in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund ein. Die Herkunft aus einer jüdischen Familie spielte für mich damals insofern eine Rolle, als ich mich immer mehr mit der Schoah und der beginnenden Aufarbeitung, etwa im Ulmer Einsatzgruppen-Prozess und vor allem dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt, beschäftigte.
Ab da, schreiben Sie, wurde diese Auseinandersetzung immer wichtiger für Sie.
Die Beschäftigung damit wurde zu einem der wichtigsten Themen für mich. Ich beschäftigte mich mit meiner jüdischen Familiengeschichte und begriff, dass ich – ob religiös oder nicht – Teil des Judentums und seiner Verfolgungsgeschichte bin. Ich setzte mich im Freiburger Gemeinderat sehr für das Freiburger Dokumentationszentrum Nationalsozialismus ein, das vor einem Jahr endlich eröffnet wurde. Jetzt bin ich im Vorstand des Fördervereins, wo wir uns darum bemühen, dass dies ein wichtiger Ort für die Freiburger Bevölkerung, vor allem für die Jugend, wird, an dem antifaschistische Arbeit geleistet wird.
Wie reagierte Ihr Umfeld auf das Buch?
Natürlich wussten einige, dass ich in Tel Aviv geboren wurde und meine Eltern 1936 dorthin emigriert waren. Aber was die Fragen anging, wie es zur Emigration meiner damals noch sehr jungen Eltern kam, was mit meiner Familie passierte oder welche Familienmitglieder ich in der Schoah verloren habe, herrschte eine gewisse Scheu, auch unter Freunden und Bekannten, die eigentlich alle dem linken Spektrum zuzuordnen sind. Ich hatte das Gefühl, dass viele jetzt dankbar sind, dass ich es mit dem Buch zum Thema gemacht habe.
Sie nannten das Schreiben einmal einen «therapeutischen Prozess» und die Lesungen «aufwühlend». Inwiefern?
Ich hatte schon lange im Kopf, dass diese Geschichte und Geschichten nicht verloren gehen dürfen und ich das den Angehörigen, die nicht mehr da sind, schuldig bin. Als ich das Buch dann in der Hand hatte, war ich froh, dass all das jetzt nicht mehr verschwinden konnte. Bei Lesungen fällt es mir manchmal schwer, über den Tod meines Grossvaters in Theresienstadt zu sprechen oder über den Suizid meines anderen Grossvaters, kurz nachdem er 1939 in Palästina angekommen war. Oder über die Ermordung vieler anderer Familienmitglieder in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern. Oft kommt in Lesungen die berechtigte Frage: «Wie konnten deine Eltern 1953 zurückkehren in das Deutschland der Täter, ganze acht Jahre, nachdem die KZs befreit wurden?» Das immer wieder zu erklären, fällt mir sehr schwer, weil es eigentlich nicht zu erklären ist.
Warum kamen sie denn zurück?
Es war vor allem die Entscheidung meines Vaters, der als Emigrant möglichst schnell zurückwollte, um ein anderes, sozialistisches Deutschland aufzubauen, als Antwort auf den Faschismus. Ich selbst hatte da nichts mitzureden, ich wurde auf dem Schiff von Haifa nach Genua sechs Jahre alt. Ich musste das Beste daraus machen.
Wie war es, nach dem 7. Oktober ein solches Buch zu veröffentlichen?
Extrem schwierig. Ich besprach mit den Herausgebern, ob ich mich zur aktuellen politischen Entwicklung dezidiert äussern sollte. Sie meinten: «Du schreibst ein Buch zu deiner Familiengeschichte und verbindest das mit deiner eigenen, aber kein Israel-Palästina-Buch.» Ich stand am Tag nach dem Massaker vom 7. Oktober 2023 erschüttert mit vielen anderen vor der Synagoge und habe um die Opfer dieses Terrorangriffs getrauert. Aber ich habe mich ebenso klar erschüttert distanziert von den nicht endenden Bombardierungen der Menschen im Gazastreifen, der Vertreibung der Palästinenser und der Tötung Zehntausender ziviler Opfer.
Damit setzen Sie gewissermassen die Position Ihres Vaters fort, oder?
Mein Vater legte immer Wert auf guten Kontakt zu den Palästinensern und den Arabern in Israel. Er trat damals für einen binationalen Staat ein. Er war aktiv bei der Mapam, die einen binationalen Staat auf dem britischen Mandatsgebiet Palästina wollte, in dem Juden und Araber gleichberechtigt leben und Wege gefunden werden, um unterschiedliche Anliegen und Interessen auszugleichen. Er war nie Zionist. Er hat nie daran geglaubt, dass ein jüdischer Staat die Probleme der Jüdinnen und Juden lösen kann. Im Gegenteil, er war überzeugt davon, dass so eine sichere Heimstatt für Juden nicht möglich ist. Das hat wesentlich zu seiner Entscheidung beigetragen, Israel zu verlassen.
Vor dem Hintergrund Ihrer Familiengeschichte und Ihres Einsatzes für das Freiburger Dokumentationszentrum: Wie blicken Sie auf den Zustand der Erinnerungskultur in Deutschland?
Wir haben derzeit eine Sonderausstellung im Dokumentationszentrum zum Ende der Zeitzeugenschaft. Wenn es keine Überlebenden der Schoah mehr gibt, wird es schwer, die Geschichte gerade für Jugendliche präsent zu halten. Für die liegt Auschwitz, wenn sie den Begriff überhaupt kennen, oft ausserhalb ihrer Vorstellungswelt. Das ist eine riesige Aufgabe, auch wenn sich, wie im Umfeld unseres Dokumentationszentrums, viele Menschen sehr engagieren.
Deutschland steht vor einem entscheidenden Wahljahr: Neben Baden-Württemberg werden drei andere Landtage neu gewählt. Welche Auswirkungen hat das auf Gedenkkultur?
Die politische Lage erschwert diese Situation noch. Wir mussten zum Beispiel unser Dokumentationszentrum gegen die AfD durchsetzen, die überhaupt kein Interesse an Erinnerungsarbeit hat und die Mittel dafür streichen will. Sollte sie im Herbst in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern, wo sie in Umfragen mit Abstand vorne liegt, Anteil an der Regierung bekommen, kann man sich vorstellen, dass sie als eines der ersten Dinge jede Erinnerungsarbeit sabotieren wird. Was da auf dem Spiel steht, haben viele Deutsche noch nicht begriffen. Man denkt: «Das wird schon, die anderen Parteien finden sich schon zusammen.» Aber so ist es nicht. Es ist eine katastrophale Entwicklung, die da vor unseren Augen abläuft. Wir sind kurz davor, dass der Rechtsextremismus in Deutschland zum zweiten Mal die exekutive Macht bekommt.
Denken Sie in dieser Situation daran, Deutschland zu verlassen?
Bei mir gab es diese Überlegungen nach den furchtbaren Anschlägen auf Ausländerheime nach der Wiedervereinigung. Da denkt man sich: Kann man in einem Deutschland, in dem Geflüchtete um ihr Leben fürchten müssen oder es hier verlieren, noch leben? Aber ich habe diese Fluchtgedanken sehr schnell wieder verworfen. Ich habe hier meinen Lebensmittelpunkt und die Aufgabe, weiter demokratische, antifaschistische Arbeit zu leisten. Wir haben hier unsere Kinder und Enkel, und das ist eine sehr starke persönliche Bindung. Mein Gedanke ist also eher: Solange man irgendwie kann, muss man seinen Beitrag leisten, um diese Gefahren abzuwehren.
Michael Moos: «Und nichts mehr wurde, wie es war … Die Geschichte der schwäbisch-jüdischen Familie Moos und mein Leben in Tel Aviv, Ulm und Freiburg». Klemm + Oelschläger, Ulm 2025.